S I X

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S I X | Ich hatte mal gesagt, dass man seine Menschlichkeit verlor, war man zu lange Zeit von jeglichem Kontakt zu Menschen isoliert. Und ich hatte gedacht, dass es auf den Jungen mit den stechend grünen Augen nicht zutreffen konnte. Immerhin hatte er mich gerettet, mehrmals.

Die Wahrheit aber war, dass nach allem, was hier passiert war, nicht mehr von Menschlichkeit die Rede sein konnte. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich nie gewusst hatte, wieso er mich in erster Linie überhaupt gerettet hatte. Er mochte mich nicht, was also war der springende Punkt?

Jetzt schien ich mir sicher zu sein; es war der Egoismus. Es war pure Selbstliebe. Ich kannte zwar seine Gründe nicht, doch dann wiederum wusste ich nichts über ihn. Er würde seine Gründe schon haben. Ich wusste, dass er mich am liebsten tot sehen würde.

Die ganze Zeit über hatte ich auf etwas Gutes in ihm gehofft, doch dieses Etwas war nie vorhanden gewesen. An all das musste ich denken, als ich vorsichtig auf die Arme genommen wurde und mich einfach tragen ließ. Ich spürte, dass er mich ansah. Doch ich ließ meine Augen zu und meinem Körper jegliche Spannung entweichen.

Es war nie Sorge gewesen. Es tat ihm auch nicht leid, mich geschlagen zu haben. Er kannte das Wort Reue nicht. Er handelte nur für sich selbst, so, wie es für ihn am besten war. Ich spielte eine große Rolle in seiner kleinen Welt, in die ich aber nie einen Einblick bekommen würde.

Ich wusste nicht genau, wie ich auf diese ganze Schlussfolgerung kam. Ich hatte das Animalische, das Bestialische in ihm gesehen. Jeder Funken Menschlichkeit war seinem Körper entwichen, als er sich auf etwas warf, dass er als Mensch ohne Waffen nie hätte besiegen können. Etwas hatte in seinen Augen gelegen, und es war kein Beschützerinstinkt gewesen. Das Leben hier zu verbringen, allein, da schraubten sich solche Instinkte zurück, vollkommen. Dann ging es nicht mehr um andere, sondern nur um sich selbst.

Er hätte sich niemals in so eine Gefahr begeben, wenn es für mich allein gewesen wäre. Ich brachte ihm einen Nutzen, von dem ich keine Ahnung hatte. Er hatte mich nie freundlich behandelt, hatte mich nie bei sich akzeptiert. Viel lieber war er alleine gewesen. Es war von Anfang an hoffnungslos gewesen zu denken, dass er mich mögen konnte. Er kannte dieses Wort nicht einmal. Er legte es förmlich darauf an, dass ich verletzt oder getötet wurde. Und er würde es mit eigenen Händen tun.

Also wieso sollte er mich ständig retten, wäre es nicht für sich selbst? Niemals würde er sich für mich einfach so in Gefahr begeben. Also was sah er in mir?

Ich konnte es nicht verstehen. Meine Gedanken waren wirr, ich versuchte Antworten zu finden. Mein Inneres lenkte mich so sehr ab, dass ich die Schmerzen gar nicht mehr spürte. Stattdessen nahm ein Schwindel meinen Kopf ein, mein Bewusstsein begann zu schwanken. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo oben und wo unten war. Alles setzte so ruckartig ein.

Ich vergaß, wie ich meinen Körper zu bewegen hatte, meine schlaffen Glieder wippten bei jedem Schritt, den der Junge machte. Wieder einmal brachte er mich in Sicherheit. So oft schon hatte ich ihm gesagt, er solle es sein lassen und doch machte er es immer wieder. Ohne Begründung, ohne Gegenzug. Es konnte einfach nichts Gutes bedeuten.

Das konnte es einfach nicht. Das war das letzte, woran ich denken konnte, als ich das Bewusstsein verlor.

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Ich fühlte mich dreckig, als ich aufwachte. Mein Schädel brummte und als ich mich aufsetzen wollte, bemerkte ich getrockneten Schleim an meinen Händen. Zitternd rutschte ich nach hinten, bis ich an die Wand gelehnt dasaß. Mein Bein tat höllisch weh, weswegen ich meinen Blick zu meiner Wade hinuntergleiten ließ, an der die tiefe Wunde mit ein paar Stichen unprofessionell genäht worden war. 

Zu meinem Erstaunen war es kaum entzündet, auch wenn hier und dort noch getrocknetes Blut zu finden war. Die Nähte waren akzeptabel. Er musste hier schon lange festsitzen, um all das gelernt zu haben. Eher hätte ich damit gerechnet mein Bein zu verlieren.

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