T W E N T Y O N E | Die Nacht war irgendwann vergangen. Trotz der Erschöpfung hatte mich sein Blick noch lange wachgehalten,eingeschlafen war ich erst, als er endlich von mir verschwunden war und mich in Frieden hatte entspannen lassen.
Nun war es Morgen, und obwohl ich schon seit Ewigkeiten wach lag, war mir nicht so nach Bewegung. Ich hatte Muskelkater, müde Knochen und war immer noch erschöpft. Außerdem wollte ich ihm nicht wieder ins Gesicht starren müssen, um weiter mit ihm um die Wette zu schweigen, wie immer, wenn wir zusammen waren. Sollte er sich doch um seine eigene Sicherheit scheren und mich in Ruhe lassen.
Auch er war schon lange wach. Immer wieder vernahm ich ein Rascheln hinter meinem Rücken, aber was er genau tat, wusste ich nicht. Bis er irgendwann sagte, "Steh auf."
Stumm schloss ich die Augen wieder, mich schlafend stellend. Ein Seufzen seinerseits, dann leise Schritte und ein Fuß, der sich an meine Seite legte und mich rüttelte. "Steh auf, sagte ich. Ich weiß, dass du wach bist."
Ich grunzte. Er war so beharrlich, es nervte mich. "Los jetzt, wir müssen weiter!", auch er schien langsam wieder genervt, was mich schließlich doch die Augen verdrehen und mich aufsetzen ließ. "Wieso?", brummte ich. Was war denn so übel an diesem Dach?
"Es wäre einfach besser, fürs Erste in Bewegung zu bleiben.", erklärte er mir langsam, in einem Ton, als sei das, was er sagte, offensichtlich und ich verstand es nur nicht. Am liebsten hätte ich gefragt wieso, ich hatte sogar schon Luft geholt, doch schließlich schloss ich den Mund wieder und sagte nichts, denn es würde zickig klingen und ich hatte keine Lust mit ihm zu reden, oder zu diskutieren.
Stattdessen seufzte ich so genervt ich nur konnte und stand auf. "Was ist dein Problem?", hörte ich ihn hinter mir fluchen, nachdem ich mich schwungvoll mit meinem Rucksack zur Leiter gedreht hatte. "Ich wüsste nicht, was dich das angeht.", meinte ich erstaunlich ruhig und schwang mich über den Dachrand auf die Leiter. Als sein intensiver Blick kurz auf meinen Augen landete, grinste ich provozierend und kletterte sie hinab.
Er schien gereizt, aber in meinen Augen wurde es mal Zeit, dass er seine eigene Medizin zu schmecken bekam. Höchst zufrieden mit mir selbst sprang ich die letzten paar Sprossen runter und landete elegant auf beiden Beinen auf dem mit Rissen versehenen Gehweg. Nicht lange, da landete er neben mir und schnaubte genervt.
"Kann's kaum erwarten, bis deine Tage vorbei sind. Du bist echt unerträglich.", knurrte er. Augen verdrehend wendete ich mich ab. Es waren immer diese Äußerungen, die es mir so schwer machten. Seine Worte verletzten mich gelegentlich, und es schien nicht so, als würde es ihm entgehen, es war ihm bloß egal.
Wieder einmal stellte ich mir die Frage, wieso ich bei ihm blieb, wenn dies alles war, was er mir entgegenzubringen hatte. Natürlich waren die letzten Tage überraschend gut verlaufen verglichen zu dem, was davor bei uns los war. Er schlug mich nicht mehr, zumindest nicht so wie am Anfang und nicht so oft. Er hatte mir sogar eine Hose geholt, obwohl ich nicht darum gebeten hatte. Er hatte sich mir gestern wieder einmal geöffnet. Er machte sich Gedanken, auch wenn er es nicht zugab.
Dennoch war es schwer, sich so behandeln zu lassen, das merkte ich immer wieder. Auch dann, als er schon los gelaufen war und ich hier noch stand, was nur ein paar genervte Worte über seine Lippen brachte:"Beweg' deinen Arsch, los jetzt!"
Aber wollte ich wegrennen? Wollte ich wirklich gehen und wieder allein sein? So ungern ich es auch sagte, nein. Ich fühlte mich zwar einsam, auch bei ihm, doch Tag für Tag aufs Neue alleine aufzuwachen... Ich würde den Verstand verlieren. Es wunderte mich sogar irgendwie, dass er nur aggressiv war und nicht schizophren oder anderweitig geistig krank, denn er war lange genug alleine gewesen.
DU LIEST GERADE
Isolated
FanfictionWenn eine Mutprobe schiefgeht, wer trägt dann die Schuld dafür? Der, der sich die Mutprobe ausgedacht hat? Der, der dazu drängt sie zu tun? Oder der, der schlussendlich dazu gedrängt wird? Doch im Endeffekt ist es egal, wessen Schuld es nun war. Den...
