T W E N T Y S I X | Ich holte das Brot aus dem Rucksack, welches schon gut abgekühlt war auf dem Weg hierher. Es überraschte mich etwas, wie gut es in der Hitze aufgegangen war, wenn man bedachte, dass ich kein Backpulver oder ähnliches hinzugefügt hatte. Dann wiederum war ich mir auch nicht ganz sicher, woraus dieses Mehl bestand, was darin war, woher es kam oder wie alt es war.
Ich packte es in den Rucksack des Jungen, welcher schlief. Es kam mir vor, als wäre es bei ihm besser aufgehoben als bei mir, er hatte es schon immer aufbewahrt, und dann setzte ich mich neben ihn. Meine Muskeln schienen unglaublich entspannt nach der stundenlangen Anspannung davor und ich lehnte mich erleichtert seufzend zurück gegen den Schornstein, was mir ein leises Grummeln des Jungen einfing.
Ein Blick zu ihm sagte mir, dass er noch immer schlief. Sein Gesicht sah auch im Schlaf angespannt aus, schlimmer als sonst. Ich konnte es nur auf die Schmerzen zurückführen, an denen er litt und ein Funken Mitleid tat sich in mir auf.
So lange war er schon hier gewesen, allein. So lange, dass er mich vor so vielem hatte retten können, als ich noch neu war. Er schien damals schon so erfahren und ruhig und mutig an diesem Ort, als wäre er auf alles gefasst gewesen.
Dabei war ich nun ebenfalls schon ewig hier, und ich war noch immer nicht ganz aufgeklärt. Nicht so wie er. Er musste hier sicher schon ein Jahr festsitzen oder noch länger. So ganz ohne Gesellschaft. All diese Gefühle, die ich über die letzten Monate hinweg hier erlebt hatte, all das hatte er auch durchgemacht, nur dass er im Gegensatz zu mir sonst niemanden gehabt hatte, nicht mal ein ignorantes Arschloch. Es war in meinen Augen bewundernswert, dass er noch am Leben war. Hier waren sicher schon viele aufgetaucht und viele wieder gestorben, so wie der Fremde auch.
Ich schüttelte traurig den Kopf bei dem Gedanken. Selbst ich fühlte mich schrecklich hier. Einsam und hilflos und ausgeliefert. Der Junge musste es auch fühlen, er gab es nur nicht preis. Er war so stark, so verdammt mutig, all diese Gefühle in sich hineinzufressen, sie nicht zu zeigen. Nach all seinen Verlusten und Erfahrungen. Ich begann großen Respekt für ihn zu empfinden.
Er hatte gelernt, mit seinen Schmerzen zu leben und mit ihnen umzugehen. Der Schuss in die Schulter, es schien so lange her. Er hatte kaum gezuckt. Unsere kleine OP erst neulich, in der er sich die Kugel hatte herausziehen und die Zange in seinen Innereien ertragen lassen, in wachem Zustand, wenn jeder andere schon längst das Bewusstsein verloren hätte.
Wieder schüttelte ich den Kopf. Ich konnte mir nicht vorstellen, was er hier schon erlebt hatte. So vieles tat mir leid für ihn. Weil er noch schlimmer dran war als ich. Und ich beschwerte mich über seine Launen.
"Seit wann bist du wieder da?", ertönte es plötzlich. Ich erschrak ein wenig, so unerwartet traf mich seine Stimme. Mein Blick fand seinen. Er lag noch, hatte sich kaum bewegt, nur waren seine Augen nun offen.
"Uh.. Was?", fragte ich etwas neben der Spur. Ich hatte ihn nicht verstanden.
"Seit wann du wieder da bist?", wiederholte er. Er klang gar nicht so genervt wie ich erwartet hatte, dafür dass ich es nochmal hören wollte.
"Noch nicht lange. Ich hab das Brot in deinen Rucksack gepackt, ich hoffe, das ist in Ordnung."
Kurz starrte er mich kurz an, dann nickte er. "Klar, wieso nicht.", erwiderte er und schloss wieder die Augen. Seine Mundwinkel verzogen sich kurz nach unten und er kniff die Augenbrauen zusammen.
"Hast du keine Schmerztabletten mehr?", fragte ich mitfühlend, was ihn doch nochmal die Augen aufblinzeln und mir einen fassungslosen Blick schenken ließ. "Was?", fragte ich unsicher.
"Diese Tabletten sind etwas zu wertvoll um sie alle zwei Stunden gegen die Schmerzen zu nehmen, meinst du nicht? Sonst sind die direkt weg. Ich hab nicht viele von denen, ich brauche sie für ernstere Dinge.", meinte er etwas schroff.
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Isolated
FanfictionWenn eine Mutprobe schiefgeht, wer trägt dann die Schuld dafür? Der, der sich die Mutprobe ausgedacht hat? Der, der dazu drängt sie zu tun? Oder der, der schlussendlich dazu gedrängt wird? Doch im Endeffekt ist es egal, wessen Schuld es nun war. Den...
