Als ich zuhause angekommen war, trat ich die nassen Schuhe von meinen Füßen und drapierte sie mit zitternden Händen auf die Heizung neben der Eingangstür. Ich schleppte mich in mein Zimmer. Es hatte ewig gedauert, bis ich die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, da ich so unglaublich am Zittern war vor Angst und Kälte.
Müde trat ich meine Hose von meinen Beinen und warf mein Shirt auf den Boden.
Unter meiner Bettdecke zog ich meine Schlafklamotten hervor und zog sie mir über. Ich hatte meiner Mutter eine Nachricht geschrieben, dass ich zuhause war, da sie bestimmt schon im Bett war. So konnte sie wenigstens sehen, wann ich zuhause war.
Als ich mich endlich umgezogen hatte, kuschelte ich mich in meine Bettdecke und steckte mein Handy ans Ladekabel. Ich bemerkte, dass das Adrenalin langsam abklang, sodass langsam der brennende Schmerz meiner aufgeschlagenen Knie.
Ich starrte in der Dunkelheit an die Decke, bis ich mich endlich genügend beruhigt hatte. Nach einigen Stunden konnte ich dann auch endlich einschlafen. Im Traum erlebte ich die Begegnung mit dem Mann immer und immer wieder.
Durch meinen Wecker wurde ich aus meinem grauenhaften Schlaf gerissen. Ich gähnte wiederholt, während ich mich anzog und fertig machte. Ich entschied mich heute für eine einfache, dunkelblaue Jeans und einen Hellbraunen dünn gestrickten Pullover. Einfach und unauffällig erschien mir heute genau richtig.
Im Badezimmer trug ich nur etwas Concealer gegen meine Augenringe auf und ging dann in die Küche, wo meine Mutter gerade Frühstück auf den Tisch stellte. "Morgen Mom", nuschelte ich und setzte mich an den kleinen Tisch, den man runterklappen konnte, damit man in der Küche wenigstens etwas Platz hatte.
"Hattest du einen Albtraum?", fragte sie nach, während sie sich mir gegenüber auf den Stuhl setzte. "Ja, ich habe einen ziemlich eigenartigen Traum gehabt", gab ich zu, erwähnte jedoch mit keinem Wort, was gestern Abend wirklich passiert war. Ich löffelte meine Cornflakes, während ich in die Schüssel starrte. "Ich brauche übrigens eine neue Hose", erklärte ich und stopfte mir weitere Cornflakes in den Mund. "Wieso das?", fragte meine Mom sofort gereizt. "Ich bin gestern auf dem Weg nach Hause gestürzt und da ist die kaputt gegangen", erwiderte ich beiläufig. "Hosen mit kaputten Knien sind doch heute modern", lehnte sie strickt ab. Damit war für sie das Gespräch beendet und ich nicht voran gekommen.
Mit meiner Tasche über der Schulter ging ich nach dem Frühstück zu meiner Schule, die insgesamt zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt war. Da der Bus so teuer war, lief ich jeden Morgen beinahe eine halbe Stunde dorthin.
In der Schule angekommen, legte ich die nicht gebrauchten Bücher in meinen Spind, dafür nahm ich das Buch, das ich für die erste Stunde heute brauchte, heraus. "Du hast gestern Abend gar nicht mehr geschrieben", hörte ich die Stimme meiner besten Freundin hinter mir. "Ich war so müde, dass ich mich gleich schlafen gelegt habe", meinte ich entschuldigend, worauf sie nur lächelte. "Ist doch nicht schlimm", erwiderte sie und hakte sich bei mir ein. Zusammen gingen wir in den Raum, in dem wir nun zusammen Unterricht hatten.
Fina, also eigentlich Josephin war schon seit dem Kindergarten meine beste und gleichzeitig auch die einzige Freundin, die ich jemals hatte. Sie war zwar auch mit anderen, cooleren Leuten als mir befreundet, verbrachte jedoch die meiste Zeit mit mir, da ich sonst immer alleine wäre.
Es war auch sie, von der ich am Abend zurückgelaufen war. Ich konnte ihr eigentlich immer alles erzählen, aber mir war es verboten und ich hatte keine Lust, mir das Hirn wegschießen zu lassen. Außerdem hätte sie das alles nicht einmal ernst genommen und mich lediglich gefragt, ob er denn gut aussah. Ich hätte ihr diese Frage nicht einmal beantworten können, da ich ihn gar nicht richtig angesehen hatte. Ich hatte ihm nur ängstlich einmal in die Augen gesehen und zudem war es ja auch dunkel und regnerisch gewesen.
Während der Pause liefen wir beide den Flur auf und ab. Es fühlte sich an, als würden mich alle anstarren, weshalb ich mich beinahe an meine beste Freundin schmiegte. "Was ist denn heute los mit dir?", fragte sie belustigt. "Alle schauen mich an..", flüsterte ich ihr zu, worauf sie nur lachte. "Keiner sieht dich an", meinte sie nur und zog mich weiter.
Ich fühlte mich dennoch ununterbrochen beobachtet und bildete mir immer wieder ein, dass er zwischen den anderen im Flur stand und mich ansah. Immer wieder schaute ich mich um und vergewisserte mich, dass er hier nirgendwo war.
Warum sollte er bei mir in der Schule sein?
Erst nach dem Unterricht konnte ich mir eingestehen, dass er wirklich nicht bei mir in der Schule war und mich beobachtete. Ich kam mir sogar ziemlich bescheuert vor, da ich noch nie paranoid war, doch heute hatte alles Bisherige übertroffen.
Während ich das Schulgebäude verließ, achtete ich schon gar nicht mehr auf meine Umgebung, sondern schaute einfach in die Richtung, in die ich nach Hause gehen musste. Aus meiner Tasche zog ich meine Kopfhörer, die mal wieder vollkommen verknotet waren, sodass ich mich erstmal an die Gebäudemauer lehnte und begann, diese zu entknoten. Es war der absolute Horror, doch Lust, die Kopfhörer jedes mal irgendwo herumzuwickeln, damit sie sich nicht verknoteten, hatte ich auch nicht. Da entknotete ich diese lieber oder war unglaublich glücklich, wenn sie einmal in meiner Jackentasche nicht verknotet waren.
Als ich die Knoten dann endlich raus hatte, steckte ich das Kabel in mein Handy und die Kopfhörer in meine Ohren. Nach kurzem Suchen fand ich dann mein Lieblingslied und machte es sofort auf Dauerschleife, wie ich es oft tat, bis mir das Lied nicht mehr gefiel und ich ein neues fand. So war es schon immer bei mir.
Ich schulterte meine Tasche wieder, die ich während des Entknotens auf den Boden gelegt hatte, und wollte gerade losgehen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Augenblicklich zuckte ich zusammen und drehte mich ganz langsam um.
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Smoke and Red Lipstick
Novela JuvenilAlexine ist eine Musterschülerin und auf dem besten Weg Ärztin zu werden. Was jedoch keiner weiß, ist, dass sie dieses Leben abgrundtief hasst. Sie WILL abrutschen und kriminell sein. Sie WILL Gefahr und Abenteuer, doch das können weder ihre Mutter...
