Nebel

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Der spitze Kirchturm, den sie vorhin winzig in der Ferne gesehen hatten, wurde größer und größer. Lina konnte sogar das kleine schwarze Kreuz auf der Spitze erkennen, wenn sie die Augen zusammenkniff. Kirchen waren nie ihr Ding gewesen, geschweige denn, glaubte sie an einen Gott. Wie könnte sie jetzt noch an einen Gott glauben, nach dem, was ihr passiert war. Trotzdem sehnte sie sich fast nach den Bänken und der Kühle im Kirchsaal. Vielleicht würde sie hineingehen und eine Kerze anzünden. Für Hexe, Chris, Mike und...Matthias. Bei dem Gedanken zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie beschleunigte ihre Schritte, sodass die anderen beinahe Mühe hatten, ihr zu folgen.

Sie kamen Cluc Napoca immer näher. Lina bildete sich ein, den Stadtlärm zu hören. Autos, Marktschreier, plaudernde Touristen in Cafes oder Restaurants. Sie würden gleich die Zivilisation erreichen. „Da sind Menschen!", keuchte Kim hinter ihr. Und tatsächlich, nicht weit von ihnen befanden sich Häuser. Bunte, große Bauten, parkende Wägen und - Menschen. Sie liefen los.

....



Der Nebel kam schnell. Dicke Schwaden waberten durch die heiße Luft. Es hätte nicht möglich sein können. Nebel bei dieser Hitze.Sofort, als Linas Haut mit den grauen Dunst in Berührung kam, brach die Angst in ihr aus.

„NEIN!!!"

Der Nebel schluckte ihren Schrei. Sie konnte fühlen, dass die anderen hinter ihr ebenfalls in Panik gerieten. Lina lief, sie rannte der Stadt entgegen, stolperte nicht nur einmal fast über Steinchen und Schlaglöcher! Der Kirchturm schwankte vor ihren Augen, war beinahe gänzlich vom Nebel verdeckt. Und dann – war die Welt nur noch weiß und still. Sie brach zusammen. Ihre Knie gaben einfach nach. Es tat nicht weh, als sie auf dem Boden aufkam. Lina fühlte nichts mehr. Wie lang sie da gekauert hatte, den Kopf auf den Knien, den dichten Nebel vorm Gesicht, wusste sie nicht. Vielleicht Minuten, vielleicht Tage. Das Zeitgefühl war ihr schon längst abhanden gekommen. Der sich überschlagende Euphorismus, endlich aus diesem Albtraum herausgefunden zu haben, hatte sich in völlige Leere gewandelt. So musste sich der Tod anfühlen. Mittlerweile war es Lina vollkommen egal, wenn sie nun sterben würde. Es wäre eine Erlösung. Ein Entkommen. Doch irgendwann schlug sie doch die Augen auf.

Das Grau hatte sich gelichtet. Sie sah Bäume. Krumme, schiefe Bäume, verwinkelt und verwachsen. Nicht normal. Überhaupt nicht normal. Sie bewegten sich. Pulsierten. Auf eine widerliche, völlig unnatürliche Art. Lina spürte Übelkeit in sich aufsteigen.Sie kannte diese Bäume. Sie war hier schon einmal gewesen.Die Lichtung.Das Ding. Und ein Körper. Der ebenfalls nicht normal aussah. Beim Anblick der Leiche, denn es war offensichtlich ein toter Mensch, erbrach Lina das Wasser, das sie vorhin getrunken hatte. Mitsamt bitterem Gallensaft floss es ihr aus dem Mund und tropfte auf das farblose Gras zu ihren Füßen.Kleine feuchte Perlen benässten die Halme, doch diese bewegten sich keinen Milimeter. Alles war starr.Sie hatte den Menschen, der da in verkrüppelter Haltung lag, erkannt. Groß gewachsen, dunkle Haare und mit Tätowierungen bedeckte Arme. Chris. Das war Chris. Oh, fuck.Obwohl Lina den tiefsten Drang hatte, sich erneut in Fötusstellung auf den Boden zu legen und einfach nur auf eine hoffentlich eintretende Erlösung zu warten, richtete sie sich auf und krabbelte zu dem erbarmenswerten Körper hinüber. Die Bäume, an denen sie vorbeikam, schienen Geräusche von sich zu geben. Es klang wie eine Mischung aus einem Dröhnen und dumpfen, leisen Kichern.Als sie vor Chris kniete, kam es ihr beinahe nochmal hoch. Er bot einfach einen zu grausiger Anblick. Das Gesicht schien halbwegs unangerührt. Das war vielleicht das schlimmste daran. Chris
 blasse Augen waren aufgerissen, starrten in die Baumkronen über ihnen. Er war bleich, leicht grünlich im Gesicht. Eine kleine, schwarze Ranke bog sich aus seinem linken Nasenloch. Der Rest des Körpers war kaum mehr menschlich. Grau und abgefleddert, wie ein uralter, vom Blitz getroffener Baum. Beides, Beine und Arme waren in die undenkbarsten Richtungen verdreht. Der Bauch richtiggehend aufgerissen und unter dem rindenartigen und schleimig-harzigen Etwas aus Haut, Knochen, Muskeln und Sehnen, pulsierte eine dunkelgrüne Masse monoton und gemächlich.Das war zuviel.Lina spürte, wie sich ihre Sicht verkleinerte, schwarze Punkte flimmerten vor den Pupillen. Sie sank in eine erfreuliche Bewusstlosigkeit.



Eine kleine Anmerkung der Autorin:
Hallo! Ich bin wieder da. Nach nur ungefähr einem Jahr der Pause. Ähm. Es tut mir wahnsinnig leid. Mein Privatleben hat mich vom Schreiben abgehalten, dazu hat sich mein PC verabschiedet... Ich habe mir vorgenommen, HOJA dank ein bisschen aktueller Freizeit bis Halloween fertig zu stellen. Und falls ich das nicht schaffen sollte, spätestens bis 30. November. Ich würde mich freuen, wenn hier überhaupt noch jemand mitliest und wünsche viel Spaß beim weiteren Verlauf der Geschichte. 

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