Wendigo

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„Mann Lina! Sorry - ich wollte dich nicht erschrecken!"

Matthias kniete über Lina und war erschrocken zurückgefahren. „Du hast nur total geschrien, also dachte ich, ich schau mal lieber nach – hätte ja sein können, dass dich gerade irgendein Tier auffrisst."

Lina atmete tief durch. Kein Bär, kein Blut. Nur ein Traum.

„Danke.", sagte sie und lächelte ihn verlegen an. „Ich hab nur total mies geträumt. Von... Grizzlies."
Matthias grinste. „Ernsthaft? Naja ich kann dich beruhigen, kein Tier weit und breit. Nur Chris, der schnarcht wie zehn Seekühe auf einmal. Vielleicht hat dein Gehirn diese höchst anmutigen Geräusche irgendwie umgeformt und du hattest deswegen den Albtraum."
Und wirklich, aus dem Zelt nebenan drang ein lautes Schnarchen. Als Matthias sich kurz darauf verabschiedete und wieder schlafen legte, zog sie die Decke bis ans Kinn und noch ehe sie sich auf die Seite drehen konnte, war sie wieder eingeschlafen. 

Die weitere Nacht verlief traumlos und als Lina am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war das Zelt heil und ihre Stimmung gut. Rasch krabbelte sie nach draußen, es war frühmorgens und ihre Freunde waren scheinbar noch nicht aufgestanden. Angenehm kühle Luft wehte ihr ins Gesicht und als sie bemerkte, dass das gestrige Lagerfeuer noch nicht ganz abgekühlt war, beschloss sie, Kaffee zu kochen.
Der Kaffeeduft lockte dann eine Vierteilstunde später auch die anderen nach draußen. Zuerst Matthias, dessen blonde Haare verwuschelt in alle Himmelsrichtungen abstanden. Ihm folgte ein gähnender Chris und am Ende kam dann auch Kim aus ihrem Zelt – gänzlich angezogen und perfekt geschminkt.
Chris, der sich gerade seine zweite Tasse einschenkte, nickte zustimmend. „Sag mal, habt ihr das heute Nacht eigentlich auch gehört? Ein total seltsames Schreien – zumindest klang es danach. Ich hätte mich beinahe nass gemacht."

Matthias und Lina wechselten einen Blick.

„Ähem...könnte sein, dass ich das war.", erwiderte Lina. „Ich hatte einen Albtraum. Einen ziemlich fiesen. Matthias hat mich aufgeweckt."
„Was war das denn für ein Albtraum?", fragte Kim interessiert. „Muss ja übel gewesen sein."
Lina wurde rot. Das hatte sie ja toll hingekriegt. Schon am ersten Tag einen halben nächtlichen Nervenzusammenbruch, die anderen mussten sie ja für ein totales Weichei halten.
„Ist doch nicht so wichtig.", sagte sie leichthin. „Was ist denn unsere Route für heute?"

Der Tag führte die vier an einen gigantischen Kalksteinklamm.

Das enorme Felsmassiv erhob sich hoch in den blauen Himmel und erstreckte sich über Kilometer hinweg. Wo Lina und die anderen gestern keiner Menschenseele begegnet waren, hatten sich hier eine beeindruckende Zahl an Kletterern eingefunden, die mit bunten Sportklamotten in den Steilwänden hingen.

Eine Bewanderung des Klammes war möglich, gegen ein kleines Entgelt von vier LEI, also etwa einem Euro.

In dem Massiv lagen allerhand kleine Höhlen, die teilweise begehbar waren. Klaustrophobisch durfte man in den engen, steinernen Gängen nicht sein, aber spannend war es allemal, geduckt durch die gefühlt endlos langen Schächte zu kriechen.
Chris und Matthias versuchten sich den nachmittag über im Freiklettern, Lina und Kim vertrieben sich die Zeit damit, ihre Füße in einen großen, glitzernden See zu baden, der ganz idyllisch inmitten der Felsen lag.

„Ich hab mir überlegt, einen Reiseblog aufzumachen, wenn ich wieder zuhause bin.", meinte Kim, während sie ein Selfie von sich schoss, mit riesiger, dunkler Sonnenbrille und Strohhut auf dem Kopf.
„Ich mein, ich werde die Fotos natürlich auch auf mein Insta hochladen, aber ein Blog ist irgendwie....persönlicher, oder? Wobei Blogs ja inzwischen schon ziemlich out sind...was meinst du?"

Lina hatte die letzte Viertelstunde gedankenverloren Grashalme aus der Erde gezupft und die vielen kleinen Fische beobachtet, die im glasklaren Wasser zwischen ihren Zehen umher schwammen. „Ähm. Ja, klar, warum nicht.", erwiderte sie vage. Nichts könnte sie im Moment weniger interessieren als irgendwelche Blogs.
Ihre Freundin verdrehte die Augen. „Alter, Lina. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert! Unsere Vorfahren wären bestimmt total froh gewesen, wenn sie sowas wie Internet gehabt hätten. Und du weigerst dich sogar, dir ein Smartphone zuzulegen, ich weiß echt nicht, wie du das aushältst!"

HOJAWo Geschichten leben. Entdecke jetzt