Pulsieren

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Lina träumte. Zumindest erahnte sie das. Ein kleines Schiff in tiefster Nacht, hoher Wellengang und das Gefühl, durchgeschüttelt zu werden, wie in einem Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt.
Sie stand ganz oben an Deck, um sie herum schwarzes Wasser, mit hoch spritzender Gischt. Kein Land ins Sicht und auch sonst nichts, was irgendeine auch nur kleinste Form von Zivilisation bedeuten könnte. Nur sie Selbst und das Schwanken. Und das Meer. Gnadenlos.
Dann - eine außergewöhnlich hohe Welle. Der Bug des Schiffes steuerte nach oben, wie eine Achterbahn. Es ritt auf dem Wasser, versuchte, sich der wilden See entgegen zu stellen. Doch dann konnte es sich nicht mehr halten, es kippte, bog sich, fiel.
Und Lina stürzte in den schwarzen, eiskalten Ozean.

"Wach AUF!!!"

Warme Hände an ihren Schultern. Lina blinzelte und blickte in ein vertrautes Gesicht. Katzenaugen, mit weit aufgerissenen, schwarzen Pupillen. Kims Gesicht war dem Ihren so nah wie noch nie und Lina konnte Kims aufgerissene Lippen sehen. Ein winziger Tropfen Blut klebte ihr am Mundwinkel.
"Ich bin wach."
Sie riss sich, einigermaßen sanft, los und versuchte, den Blick auf Kim zu behalten. Sie wollte sich den erneuten Anblick von Chris' Leiche ersparen. Doch allein der Gedanke daran, führte dazu, dass sich erneut eine große Menge Speichel in ihrem Mund ansammelte und der Magen seltsam drückte.
"Hast du....", fing Lina an und brach wieder ab. Natürlich hatte Kim ihn gesehen. Sie sah es an ihrem Blick. Lina hatte diesen Blick schon öfter gesehen. Matthias hatte ihn oft aufgesetzt, wenn er von seinem toten Vater sprach. Eine Mischung aus immenser Trauer, Panik und Hoffnungslosigkeit.
"Wo sind die anderen?", fragte sie stattdessen und schluckte, um den Kloß in ihrem Hals zu vertreiben. "Hier!", ertönte Finns Stimme schräg hinter ihr. Er hockte vor Chris' Körper und Lina wandte sofort die Augen ab.
Jennifer kauerte ein paar Schritt neben ihm und hatte die Beine an die Brust gezogen. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte dem von Kim auf sehr unangenehme Art und Weise.

"W-was ist mit ihm passiert?". Die Worte kamen Lina nur schwer über die Lippen. Eigentlich wollte sie es nicht wissen. Eigentlich war die Frage sinnlos.
Trotzdem räusperte sich Finn und setzte zu einer Antwort an. Er schien zu überlegen. "Ich wünschte, ich wüsste es. Aber.... es ist zu verrückt. Wirklich verrückt. Sein....sein Körper scheint sich irgendwie...umzuwandeln. Da ist nicht mal mehr Blut. Nur diese zähe Masse. Wie Baumharz. Was natürlich vollkommender Schwachsinn ist! Ich weiß nicht, was das krankes ist und ich bin natürlich kein Arzt, aber ich würde es als nicht menschlich bezeichnen."Während Finn das in seiner üblichen, emotionslosen Professoren- Stimme herunterreferierte, war Kim dazu übergegangen, sich die Hände an die Ohren zu pressen und leise zu wimmern. Lina biss die Zähne zusammen. "Er pulsiert!", quetschte sie dazwischen heraus. "Da ist was in ihm drin. Etwas lebendiges!"
Ihre Augen trafen die von Finn und sie starrten sich für einen Sekundenbruchteil an. "Lina....glaub mir. Da ist nichts lebendiges mehr in ihm." Finn richtete sich auf, klopfte sich die Hose ab und kam langsam zu ihnen hinüber."
"So mein ich das auch nicht!", fauchte Lina. "Ich weiß, dass er tot ist. Aber ich habe etwas gesehen! Wie ein schlagendes Herz! Die Bäume machen das auch!!"
Sie deutete auf die schiefen, krüppeligen Stämme. Doch wo diese sich doch eben noch bewegt hatten, standen sie jetzt still. Völlig still. Wären sie nicht so seltsam verwachsen, sähen sie aus, wie völlig normale Bäume.

Finn seufzte und kniete sich hin. Er wollte Kim, die aussah, als würde sie in den nächsten Sekunden einen Anfall bekommen, einen Arm auf die Schulter legen, hielt jedoch mittendrin inne und schien sich dagegen zu entscheiden. Wahrscheinlich besser. "Mit ist schon klar, dass hier etwas völlig abnormes vor sich geht.", sagte er, an Lina gerichtet. "Scheiße - ich dachte wirklich, wir hätten es geschafft. Die Stadt war so nah!"
Tränen schossen Lina in die Augen und sie konnte sehen, dass auch Finn, der sonst so sachliche und bemüht gefühlsunbetonte Finn, kurz vor einem Gefühlsausbruch zu stehen schien.
"Dieser Nebel...es ist dieser verdammte Nebel! Als ich ihn vorhin auf der Haut gespürt habe, wusste ich schon, dass wieder etwas passieren wird!"
Lina nickte und schniefte. "Wir hätten es beinahe geschafft."
Dieser Gedanke, so kurz vor dem Ziel gewesen zu sein, ließ sie fast wahnsinnig werden. Sie hatte nicht gänzlich daran geglaubt, dem hier entkommen zu sein. Kleine, pochende Zweifel hatten in ihrem Hinterkopf gekratzt. Aber die Vorstellung war so erleichternd und wunderbar gewesen. Und jetzt, jetzt waren sie wieder ganz am Anfang.
Nur hatten sie auch noch Chris verloren.
Gedanken an Matthias flogen ihr durch den Kopf. Wo mochte er geblieben sein? Waren er und Chris getrennt worden? Was hatte Chris so zugerichtet?
Hatte das Ding etwas damit zu tun? Vermutlich. Gerade schien jedenfalls alles ruhig zu sein. Der Nebel war weg, die Bäume standen leblos da. Das konnte sich jedoch schnell ändern.

"Wir sollten gehen.", sagte sich, mehr zu sich selbst. "Ich will hier nicht bleiben."
"Gehen???"
Kims Stimme fuhr durch die Lichtung. "Wohin denn Gehen?? Wohin sollen wir? Du hast doch gesehen - wir kommen hier niemals raus!! Wir sind gefangen in diesem beschissenen Drecks-Wald und wir werden enden wie Er!" Sie deutete mit zitternder Hand auf ihren Exfreund. "Und SO will ich nicht enden, also mache ich lieber kurzen Prozess und bringe mich selbst um!!"
Den Worten folgte ein Schreien, das so verzweifelt klang, machte etwas mit Lina. Bevor sie überhaupt wusste, was sie tat, umfasste sie das weinende Häuflein Elend vor sich, achtete nicht auf die um sich schlagenden Arme und zog Kim an sich. Lina spürte die Wärme, roch eine leichte Mischung aus Schweiss und Parfüm und presste das Gesicht in Kims strähnige Haare. Die Umarmung wirkte seltsam angenehm und sogar befreiend. Hätte sie früher, vor diesem schrecklichen Urlaub, daran gedacht, Kim so nahe zu sein, hätte sie gelacht und sich geschüttelt. Aber Zeiten ändern sich wohl. Vor allem ändern sie dich.
Irgendwann beruhigte sich Kim und hing schlaff in Linas Armen. Finn, der sich fehl am Platz zu fühlen schien, hatte die Augen abgewandt. Er räusperte sich.
"Du...ähem...du hast recht. Wir sollten hier verschwinden. Was auch immer euren Freund so zugerichtet hat, es könnte wiederkommen. Und wir sitzen dann wie die Mäuse in der Falle."
Lina zögerte einen kurzen Augenblick und löste sich dann aus der Umarmung. Kims Katzenaugen blickten sie an. Nicht wie sonst argwöhnisch oder arrogant. Sie waren leer, aber Lina konnte eventuell ein kleines, dankbares Blitzen darin erkennen, das nur eine Millisekunde anhielt. "Kannst du gehen?", fragte Lina sie und Kim nickte langsam. Fahrig erhob sie sich und ihre dünnen Beine wackelten bedenklich. Aber dann standen sie. Alle, bis auf Jennifer. Sie saß noch immer da, das Kleid ein wenig verknittert und fleckig, die angezogenen Beine am Kinn. Finn machte einen Schritt auf sie zu.
"Kannst du aufstehen, Jen? Wir gehen." Seine leisen Worte schienen nicht zu ihr durchzudringen, denn sie bewegte sich keinen Zentimeter.
"Komm, ich helf dir auf.", murmelte Finn und machte Anstalten, sich zu ihr hinunterzubeugen. Erst da kam Bewegung in die junge Frau.

"Nein."

Ihre Stimme klang, obwohl leise, fast schneidend. Und vor allen Dingen sehr überzeugt.
Finn runzelte die Stirn. "Komm schon! Du willst hier nicht bleiben, glaub mir! Wir müssen zumindest weiterhin versuchen, hier rauszukommen. Klar ist es verlockend, einfach sitzen zu bleiben und auf.....auf was auch immer zu warten, aber damit verlieren wir jede Chance! Also - jetzt - komm. Bitte!"
Der flehende-schmeichelnde Ton in seiner Stimme kam sicherlich nicht oft zum Vorschein. Trotzdem zeigte sich Jennifer nicht beeindruckt. Gedankenverloren starrte sie auf ihre Hände.
"Oh Mann, Jen....ich weiß, die Situation ist absolut beschissen, aber jetzt Aufgeben? Komm, das ist nicht! Glaubst du, Mike würde das wollen? Wir können es schaffen, da bin ich mir sicher! Wir brauchen nur....Glück. Wir waren kurz davor, beim nächsten Mal kommen wir ans Ziel! Bitte. BITTE! Tu's für mich!"
Beim letzten Satz sah Jennifer dann doch auf. Ein schmales Lächeln stahl sich auf ihre vollen Lippen. Es passte nicht zu den stumpfen Ausdruck in ihren Augen. Es sah unangenehm aus. Unecht.
"Finn.....". Mehr sagte sie nicht, sondern streckte ihm die rechte Hand entgegen. Finn sah erleichtert aus, wollte die Hand greifen - und erstarrte dann.
Aus Jennifers abgebrochenen Zeigefingernagel schlängelte sich - kaum bemerkbar - eine grüne Ranke.

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