Erinnerung

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"Wen wollen Sie hier eigentlich verarschen? Die Story mit den Sporen klingt schon dumm genug, aber jetzt wollen Sie uns erzählen, dass Sie eigentlich ungefähr 100 sind und seit Jahrzehnten in diesem Wald herumhängen? Sorry, Leute, ich bin raus."
Kims Worte ließ die angespannte Stimmung ein wenig abschwächen. Insgeheim war Lina froh darum. Nach all dem, was sie erlebt hatte, zweifelte Sie noch nicht einmal an den Worten des Forschers. Er hätte ihr das Märchen von fliegenden Kühen erzählen können und sie hätte vermutlich nicht gezweifelt. Trotzdem halfen die wie immer etwas zu direkten Worte Kims Lina, nicht völlig den Verstand zu verlieren.

"Glaube, was du glauben möchtest, mein Kind. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies alles hier sich wie das Geschwätz eines alten, verrückten Mannes anhören muss. Dennoch - ich denke, ihr habt genug erlebt im Hoia Baciu. Es ist kein Wald wie jeder andere. Ich kann euch nur warnen. Sollte sich die Chance ergeben, ihn zu verlassen - tut es nicht. Bleibt hier. Es ist schrecklich - aber nicht so schrecklich wie die Vision, Hoias Albträume mit in die reale Welt zu bringen. "

"Wie meinen Sie das? Die reale Welt? Ist das hier so eine Art Paralleluniversum? Haben Sie es schon einmal zurück geschafft?" Die Worte sprudelten aus Finns Mund und James Nortons buschige Augenbrauen zogen sich zusammen:
"Ich sage euch doch - es gibt kein Zurück! Versucht es gar nicht erst!" Die gerade noch brüchige, heisere Stimme des Mannes klang nun gar nicht mehr schwach, sondern äußerst nachdrücklich.
"Dann sagen Sie uns, was das hier ist! Woher wissen sie von diesem Wald und was genau haben sie darüber geforscht? WAS ist das hier?"

Mr. Norton seufzte schwer. "Mein Junge. Wie ich bereits sagte, das ist nicht einfach zu erklären. Die Zeit drängt. Dennoch - ich denke, ihr verdient es, zumindest einen Bruchteil der Geschichte zu erfahren."

Man hätte einen Stecknadelknopf fallen hören können, so ruhig war es plötzlich. Die weite Wiese vor Ihnen wirkte wie ein stilles Gemälde.

"Hoia Baciu ist kein normaler Wald. Das dürfte euch schon klar geworden sein. Manche Leute nennen ihn "verflucht", für manche ist er ein Portal zu anderen Dimensionen, wieder andere halten ihn für einen Ort, in dem Geister sich umtreiben. Nun ja. Er ist all das und auch wieder nicht. Niemand kann sagen, was genau vor sich geht in Hoia. Die Mythen und Legenden darum ranken sich seit Jahrhunderten. Ein verloren gegangener Schäfer mitsamt seiner Schafherde, verschwundene Kinder, körperlose Stimmen, stehenbleibende Zeit.
Ich war damals ein junger Mann. Fasziniert an derartigen Geschichten, am Unerforschten. Schrecklich naiv. Zusammen mit einer Gruppe an Freunden, die ebenso begeistert waren wie ich, steckten wir jahrelange Arbeit in die Erforschung dieser unerklärlichen Phänomene. Hoia Baciu ist nicht der einzige Ort, der meine Neugierde weckte. Es gibt unzählige solcher Punkte auf der Erde. Ich nannte sie "Energetische Orte". Orte, die weit vor unserer Zeit entstanden und sie leben. Ja, tatsächlich, sie leben! Unsere Welt ist um sie herum entstanden! Vielleicht sind es Überbleibsel eines Vor-Universums. Aber das ist nur eine Theorie. Niemand kann das mit Gewissheit sagen. Kein Mensch, zumindest.
Ich habe viele Wälder, viele Orte besucht besucht."

Finn hob halbherzig die Hand, wie zu einer Meldung in der Schule. Als James Norton nicht fort fuhr, räusperte er sich und warf ein: "Ja, das haben wir gesehen. Ihre Aufzeichnungen. Sie steckten in der Tasche ihres Begleiters."

" Ach ja. Ihr habt sie entdeckt. Und Andrew..... der arme Junge. Sein Tod lastet mir seit all diesen Jahren auf der Seele. " Wieder stieß Mr Norton einen tiefen Seufzer aus. "Ich wollte ihn eigentlich nicht mitnehmen. Habe mich überreden lassen. Dass es schließlich so weit kommen würde, hätte ich nicht erwartet. Wir verhielten uns respektvoll, daher dachte ich, es könnte nichts passieren. Nun, ich lag falsch. So unfassbar falsch.
Andrew drängte mich, weiterzumachen. In seiner jungen, ungestümen Art, auf der Suche nach Abenteuern. Ich entschied mich, umzudrehen. Doch es war zu spät. Es hatte unsere Spur aufgenommen und schlug im passenden Moment zu. Ich stürzte ab. Tief in den Berg. Eigentlich hätte ich tot sein müssen, sämtliche Knochen hätten brechen müssen. Doch ich lebte, hatte nur geringfügige Verletzungen. Oder, was heißt "leben"...ich "existierte", ich denke, das trifft es eher. Doch Andrew.... ich hörte seine Schreie, dort oben auf dem Felsvorsprung. Niemals werde ich sie vergessen.
Ich rief nach ihm, doch es schien, als könne er mich nicht hören. Nach langer Zeit verstummten seine Rufe und es herrschte Stille. Diese Stille war so derart grauenhaft, dass ich begann, mich durch den Berg zu kämpfen, auf der Suche nach einem Ausgang. Ich wollte hinaus, nicht nur hinaus aus dem Berg, sondern weg. Hoia Baciu und seine Umgebung hinter mir lassen. Ich hatte Angst. Angst, dem Etwas dort draußen wieder in die Fänge zu laufen. Doch alles blieb ruhig. Die Welt lag dort wie ausgestorben. Jegliche Farbe - verschwunden.
Zuerst dachte ich an ein Trauma. Natürlich, ich war gestürzt, hatte meinen bedauernswerten jungen Begleiter sterben hören. Kein Wunder, dass ich höchst verwirrt war.
Ich irrte Tage herum. Tage wurden zu Nächten und Nächte zu Tagen. Irgendwann hörte ich auf, zu zählen. Ich lief und lief und war unfähig, das Gebiet zu verlassen. Ich passierte Orte, an denen ich vor Ewigkeiten vorbeigekommen war. Eine völlige Unlogik! Meine Vorräte waren längst verbraucht, ich litt erbärmlichen Durst und Hunger. Trotzdem schaffte ich es, weiter zu ziehen. Mein Körper verfärbte sich nach und nach."
Nortons Augen wanderten hinunter zu seinem Hals, wo sein Hemd einen Ausschnitt lederartiger, brauner Haut offenbarte. "Ich veränderte mich. Und doch starb ich nicht. Es ließ mich in Frieden wandeln. 50 Jahre. Unglaublich. Es kommt mir vor, als wären ein paar Wochen vergangen. Aber 50 Jahre? Absurd. Völlig absurd."

"Wer ist ES?", fragte Lina. Gänsehaut hatte sich auf ihren Unterarmen gebildet. Was für eine schreckliche Geschichte. Der Gedanke, Jahrzehnte hier herumzuirren, war der reinste Horror!
Wer wusste schon, wie schnell die Zeit hier verging. Möglich, dass dort draußen im "realen Leben", bereits Monate oder gar Jahre vergangen waren. Oh Gott. Gedanken an ihre Familie, ihren Bruder schossen ihr durch den Kopf und salzige Tränen sammelten sich in Linas Augen. Sie biss die Zähne zusammen und schluckte schwer. Kim und Finn sahen aus, als hätten sie ähnliche Gedanken. Nur Jennifer wirkte beinahe abwesend und starrte auf ihre Hand.

"Das ist eine schwere Frage.", erwiderte James Norton.
Erneut stieß Kim ihr unechtes Lachen aus. "Ach so. Was ist denn mal nicht schwer bei Ihnen?! Wenn Sie uns jetzt noch erzählen, dass das Vieh der Gott des Waldes ist, dann...dann... "

"- ich möchte dieses Wesen nicht als "Gott" bezeichnen, dieses menschengemachte Wort wäre völlig inkorrekt.", unterbrach sie Norton schneidend. "Nein, ein "Gott" ist das sicherlich nicht. Ich würde es eher als eine Art... "Schützer" bezeichnen, ein Schnitter, der das auslöscht, was ihm selbst oder seiner Welt Schaden zufügen könnte. "

"Ein "Beschützer des Waldes" - das klingt doch einfach nur nach billigem Fantasy Schwachsinn!" Kim kaute aufgeregt auf ihrer Lippe. "Warum sollte es dann gerade uns töten wollen? Was ist mit Hexe, Mike, Matthias und....und.... Chris?! Keiner von ihnen ist durch diesen verdammten Wald getrampelt und hat Bäume angezündet oder Äste abgerissen! Was hat das Scheißvieh also gegen uns, dass es uns abschlachten will??"

"Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es denkt. Niemand kann das wissen. Alles, was ich tun kann, ist beobachten. " Die Stimme des Forschers klang nun etwas sanfter. "Es tut mir sehr leid um eure Freunde. Wirklich sehr, sehr leid. " Er machte eine kurze Pause, wie zu einer Art Gedenkminute, und fuhr dann fort: "Ich war stets vorsichtig. Habe mich im Hintergrund gehalten und beobachtet. Habe Menschen verrückt werden sehen. Sobald sie einmal hier drin waren, gibt es keinen Ausweg. Hört ihr? Macht es wie ich. Ergebt euch eurem Schicksal. Seid ruhig und immer wachsam. Dann könnt ihr....leben. Ich wünsche euch alles Glück der Welt."

Noch ehe auch nur irgendjemand das Wort ergreifen konnte, wandte James Norton sich um und schritt voran. Sofort wurde er von einem zarten Nebel eingehüllt, der seinen Körper verschwimmen ließ.

"Hey!! Warten Sie!!"
Linas und Finns Stimmen hallten gleichzeitig über die Wiese. Die Wiese, die jetzt wieder kalt und farblos vor ihnen lag. Und leer.

"Scheiße. Da geht sie hin, unsere einzige Chance.", murmelte Finn betrübt. "Er meinte, er hat Menschen gesehen, die verrückt wurden. Also sind wir nicht die einzigen, die hier drin gefangen sind?"
"- Oder "gefangen waren"., ergänzte Kim. "Im Ernst, du glaubst doch nicht, dass der Alte uns helfen hätte können? Der war doch völlig verwirrt! Außerdem, woher sollen wir wissen, dass das echt dieser Forscher war? Das könnte auch einfach nur ein armer, gestörter Irrer gewesen sein, der sich als einen Toten ausgibt!"

"Er wusste von Andrew und hat zumindest auf mich einen ziemlich glaubwürdigen Eindruck gemacht", erwiderte Finn. "Allerdings sind wir keinen Schritt weiter gekommen. Wir wissen nun, dass wir das Gebiet hier nicht verlassen sollen. Klasse. Wir hätten ja nicht mal die Chance dazu, das zu tun.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe keine Lust, hier ewig fest zu sitzen und darauf zu warten, ob ich es wert bin, nicht von einem irren Waldgott ermordet zu werden. Was sagt Ihr, suchen wir weiter nach einem Ausgang oder bleiben wir hier und wandern jahrhundertelang herum und versuchen, zu überleben? Ich bin ehrlich gesagt für Option 1."

"Option 1. Definitiv.", stimmte Kim nickend zu. "Ich will hier raus! Und nicht so enden wie....." Sie sprach den Satz nicht zuende. "Was sagst du, Lina?"

Vier Augenpaare richteten sich auf sie. Nervös streifte Lina sich eine störrische Haarsträhne aus der Stirn, wie um ein wenig Zeit zu schinden. Natürlich wollte sie zurück nach Hause. Was für eine Frage. Allein der Gedanke, hier noch für eine wer wusste schon wie lange Zeit zu verweilen, machte sie schier verrückt. Aber dennoch hatten Nortons Worte etwas bedrohliches gehabt. Was würde passieren, wenn sie tatsächlich hinaus kämen. Hatten sie tatsächlich Sporen an sich? Was, wenn sie damit eine Epidemie auslösen würden? Andererseits - weiterhin nach einem Ausgang zu suchen, das klang in Ordnung. Und dann konnte man sich immer noch entscheiden, ob man den Schritt nach draußen machen würde. Ein guter Deal. Oder?
"Option eins klingt okay...", sagte sie zögerlich und Kim grinste. "Wusste ichs doch. Damit ist alles klar. Wir gehen weiter. Oder hast Du etwas dagegen?"
Sie warf Jennifer, die noch immer unbeteiligt neben ihnen saß, einen scharfen Blick zu. Die junge, blonde Frau sah, so direkt angesprochen und öffnete den Mund:

"James Norton hat recht. Wir bringen den Tod, wenn wir nach draußen gehen."

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⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 21, 2020 ⏰

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