„Der Begriff Transsilvanien bedeutet übrigens „Land Jenseits der Wälder", sagte Matthias mit Blick auf den kleinen Bahnhofsplatz. „Die Gegend hier ist eine der letzten unberührten Lebensräume ganz Europas."
„Meinetwegen...ich bin einfach nur froh, aus dem klapprigen Ding raus zu sein!", stöhnte Kim und ließ sich auf ihren pinken Wanderrucksack sinken, so gut es eben ging.
Kim Brunner, 20 Jahre alt, rabenschwarzes Haar, grüne Augen und stets ein etwas arrogant anmutendes Lächeln im Gesicht. Sie war die Partnerin von Chris. Naja, es war eigentlich mehr eine Art On- Off- Beziehung, aber im Moment anscheinend eng genug, dass die beiden gemeinsamen Urlaub machten.
Während die beiden sich in einem winzigen Kiosk ein paar Kleinigkeiten zu Essen besorgten, saßen Lina und Matthias auf zwei roten Wartestühlen und sahen zu, wie Züge gemächlich ein- und abfuhren.
Es waren wenig Menschen unterwegs - bei der Hitze auch kein Wunder. Lina war sich ziemlich sicher, dass ihr hellgraues Shirt mit Darth Vader Print schweissbefleckt war und hätte Matthias, der aus irgendwelchen mysteriösen Gründen völlig makellos in seinem schwarzen Hemd und der kurzen, dunklen Hose aussah, nicht neben ihr gesessen, hätte sie am liebsten Deo nachgesprüht. Nur aus Sicherheitsgründen, verstand sich.
„Wie geht es jetzt nochmal weiter? Fahren wir mit dem Bus?", fragte sie schnell und schob ihre Sonnenbrille zurecht.
„Laut Plan müsste uns ein Taxi zum Schloss bringen." Matthias warf einen Blick auf sein Smartphone. „Der Parkplatz müsste gleich da vorn um die Ecke sein."
Und wirklich, wenig später empfing sie ein gelber, etwas klapprig anmutender Dacia mitsamt Taxi-Schild und einem sehr breit lächelndem Fahrer. Mit einer gebrochenen Mischung aus Englisch, Deutsch und Rumänisch teilte er ihnen mit, dass die Fahrt nach Törcsvár, auf deutsch Törzburg etwa 40 Minuten dauern würde. Lina setzte sich zusammen mit Kim und Chris nach hinten, Matthias nahm vorne neben dem Fahrer Platz und unterhielt sich mit ein paar Brocken rumänisch. Lina saß eingeklemmt zwischen den beiden anderen im mittigen Sitz und bemerkte schnell, dass auch das Taxi keine Klimaanlage zu besitzen schien. Was war denn hier nur los, dass anscheinend jeder Rumäne diese Gluthitze zu lieben schien? Die offenen Fenster spendeten nur wenig frische Luft und rasch meldete sich die altbekannte Übelkeit wieder. Diese Reise fing wirklich nicht sonderlich angenehm an.
Leiernde Folklore-Lieder drangen aus dem Autoradio und draußen wurde die Bergwelt immer höher und eindrucksvoller. Je näher sie Törzburg kamen, desto mehr Reisebusse waren auf den Straßen unterwegs. „Dracula-Turisti!", sagte der Taxifahrer und deutete auf einen doppelstöckigen, blauen Bus, der einige Meter vor ihnen fuhr. Dann zündete er sich eine Zigarette an und brummelte etwas Unverständliches.
„Was meint er?", fragte Kim. „Und kannst du ihm sagen, dass er die eklige Kippe ausmachen soll?" Lina betrachtete sie von der Seite und ihr fiel auf, dass Kim ungefähr so mies aussah, wie sie sich fühlte. Matthias drehte sich halb zu ihnen um. „Ich glaube, er hält nicht viel vom guten, alten Graf Dracula.
Ich weiß ja nicht, ob ihr die Geschichten über ihn kennt. Es gibt natürlich die des blutsaugenden, einsamen Vampirs, der in seinem Karpatenschloss lebt und sich nach schönen Jungfrauen verzehrt. Nach der Geschichte von Bram Stoker.
Der „echte" Dracula, also Vlad Tepes Draculae lebte im 15. Jahrhundert und war...kein sonderlich freundlicher Kerl. Er herrschte damals über die Walachei und ging mit äußerster Brutalität gegen seine Feinde, also Türken und Ungaren, vor. Sein Beiname war „Vlad, der Pfähler", sagt schon viel. Ich habe einmal gelesen, dass er einmal aus einer Gruppe von Menschen einige Leute auswählte, die dann braten lies und die übrigen zwang, deren Fleisch zu essen. Also mussten Mütter ihre Kinder verspeisen und Männer ihre geliebten Frauen. Sonst hätte Vlad sie auch umbringen lassen."
„Ich glaub, ich muss kotzen.", stöhnte Kim und sank tiefer in den Sitz.
Mit einem Blick auf sie, beugte Matthias sich zu dem Fahrer und wechselte einige Worte mit ihm.
DU LIEST GERADE
HOJA
Misteri / ThrillerEine Wanderung in den endlosen Wäldern Rumäniens wird für vier junge Menschen zum absoluten Horror-Trip. Eine Gruselgeschichte pünktlich zur düstersten Zeit des Jahres. Das ist mein erster Roman, bitte seid nett ;))
