Sie erwachte durch ein lautes Platschen und Schreien.
Nur mit einiger Mühe schaffte Lina es, die Augen aufzuschlagen. Schwaches Tageslicht drang durch die Zeltwand und ihre Armbanduhr zeigte 7:00 Uhr. Rasch zog sie den Reissverschluss beiseite und streckte den Kopf hinaus.
In Erwartung, jemanden im See treiben zu sehen – lebendig oder nicht, starrte Lina aufs Wasser.
Die Morgensonne war noch nicht ganz aufgegangen und die Szenerie in rötliches Licht getaucht.
Das erste, was sie sah, war eine Wolke schwarzen Haares. Kim saß, völlig nackt, auf Chris Schultern und die beiden schienen eine Menge Spaß zu haben, sich gegenseitig nass zu spritzen.
Anscheinend hatten sie sich wieder angenähert. Bei Kim und Chris war das so eine Sache. Mal gaben sie sich als verliebtestes Pärchen überhaupt, mal zofften sie sich wie ein altes Ehepaar, deren Beziehung schon vor Jahrzehnten eingeschlafen war. Aus ein paar Erzählungen einer betrunkenen Kim wusste Lina ebenfalls, dass die beiden das Wörtchen „Monogamie" nicht allzu genau nahmen.
Während Lina ihren Gedanken nachhing, hörte sie draußen nah vor dem Zelt ein Geräusch. Als sie nach draußen blickte, saß Matthias vor dem erloschenen Lagerfeuer und bearbeitete mit einem Taschenmesser einen langen Ast. Das vordere Ende des Holzes war spitz wie ein Speer.
„Mit dem Ding kannst du uns aber nicht vor wilden Bären verteidigen." sagte Lina und lächelte ihn an. Er grinste zurück. „Ist nie verkehrt, etwas scharfes dabei zu haben."
„Was Scharfes? Redest du von mir oder was?"
Kim kam, dieses mal glücklicherweise vollständig bekleidet, aus ihrem Zelt gekrochen. Ihre Haare waren noch feucht, aber so warm, wie es jetzt schon war, würden sie wahrscheinlich binnen Minuten trocknen.
Der Tag wurde tatsächlich heiß. Leider bot die heutige Wanderroute kaum Schatten - nur steinigen Boden und ein paar graue Felsen.
„Irgendwie dachte ich immer, Rumänien wäre kalt und grau!", stöhnte Chris, als die vier gerade einen schmalen Berghang hinaufstiegen. „Dass es hier aussieht wie in der Wüste Gobi war mir neu!"
Auch Lina atmete schwer. Sie war schweißgebadet. Es mussten mindestens 35 Grad herrschen und die Getränke, die sie in ihrem Rucksack mitschleppte, waren ekelhaft warm geworden.
Sehnsuchtsvoll dachte sie an den See. Was würde sie jetzt nicht alles dafür geben, in das kühle Wasser zu springen.
Nur Matthias schien das Wetter nichts auszumachen. Er war ihnen weit voraus und kommentierte in regelmäßigen Abständen die karge Landschaft. Wobei es Lina schwer fiel, die Sandstein-Felsformationen bei dieser Hitze zu würdigen. Der heftig stechende Muskelkater in ihrem rechten Oberschenkel war einfach viel zu präsent.
Irgendwann gegen Mittag schien der Himmel dann doch Mitleid zu haben. Von einer Minute auf die andere wurde er dunkel und es bildeten sich dicke Wolken. Die ersten Regentropfen ließen auch nicht lange auf sich warten.
Als schweres Donnergrollen einsetzte und gleich darauf Blitze zuckten, suchten die vier sich einen schmalen Felsenunterhang als Deckung. Die Luft war abgekühlt und Lina sog die Luft ein, die angenehm nach Regen duftete. Sie hatte Sommergewitter schon immer geliebt. Früher, als Kind, war sie in solchen Situationen jedesmal nach draußen in den Garten gelaufen, und hatte sich von den warmen Wassertropfen begießen lassen.
Chris kniete neben ihr auf dem Boden und zählte. „Eins...Zwei...Drei...Vier...Fünf...Sechs..." Ein tiefes Donnerkrachen unterbrach seine Worte.
„Sechs!", wiederholte er. „Das heißt, das Gewitter ist ungefähr zwei Kilometer von uns entfernt. Das ist...ziemlich nah."
Matthias nickte bestätigend. „Kniet euch am besten hin und fasst nichts, vorallem nicht die Felswand an. Nasse Felswände sind hervorragende Stromleiter."
Der Regen war jetzt so heftig, dass der vorhin so staubtrockene Boden inzwischen schlammig und aufgeweicht wirkte.
„Oh mann, ich hasse Gewitter!", jammerte Kim, die hektisch ihr feucht gewordenes Smartphone mit einem Taschentuch abwischte. „Wenn mein Handy jetzt wegen dem scheiss Regen kaputt geht, schrei ich!"
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HOJA
Mistero / ThrillerEine Wanderung in den endlosen Wäldern Rumäniens wird für vier junge Menschen zum absoluten Horror-Trip. Eine Gruselgeschichte pünktlich zur düstersten Zeit des Jahres. Das ist mein erster Roman, bitte seid nett ;))
