Ihr Rücken schmerzte bei jeder Bewegung, doch schließlich schaffte Lina es doch, aus der Höhle herauszuklettern. Als sie den Kopf durch die Felsspalte streckte und ein warmer Sonnenstrahl ihr Gesicht streifte, seufzte sie mehr als erleichtert auf. Wie schön sich Leben doch anfühlte.
Matthias zog sie gänzlich heraus und umarmte sie, soweit das auf einem Berghang möglich war. Lina krallte sich in seine Arme, bis er ihr einen freundlichen Stups auf die Stirn gab. „Wir sollten langsam runter, die anderen machen sich Sorgen."
Unten angekommen schlug ihr Chris freundschaftlich auf die Schulter, während Kim sich immerhin zu einem „Schön, dass du noch lebst." hinreissen ließ.
Als Matthias von dem Toten erzählte, wurden jedoch beide bleich. „Da sitzt echt eine Leiche im Berg? Wie krass ist das denn!", sagte Chris fasziniert. „Hättest mal ein Foto gemacht, sowas sieht man nicht alle Tage!"
„Boah, ekelhaft!", erwiderte Kim und stieß ihm in die Schulter. „Du bist so eklig, Chris. Und was ist das?"
Lina hatte das Lederetui heraus befördert und betrachtete es. „Das habe ich bei der Leiche gefunden." Sie öffnete den kleinen Druckknopf und zog ein silber-schwarzes Gerät heraus. Ein Gerät, das definitiv kein Handy war."
„Ist das ein...Rasierer?", fragte Kim und starrte das Ding an. „Warum nimmt einen Rasierer mit zum Wandern, wie dumm ist das denn?"
Matthias Augen leuchteten. „Das ist kein Rasierer. Das ist ein altes Outdoor-Diktiergerät. Hätte nie gedacht, heutzutage mal ein Magnetband zu finden! Darf ich?"
Er nahm Lina das Gerät ab und betrachtete es eingehend. „Das ist echt alt, ich schätze, so aus den sechziger Jahren. Der arme Typ liegt also schon längere Zeit da oben."
50 Jahre. Lina schluckte. So lange lag der Kletterer also schon dort oben. Völlig allein und verlassen. Was für ein grausames Ende. Hatte ihn nie jemand vermisst?
„Funktioniert das Teil noch?", unterbrach Chris ihre trüben Gedanken. Er schien auf einmal Feuer und Flamme. „Meinst du, wenn wir neue Batterien reinmachen, könnten -"
„-...könnten wir die Aufnahmen hören, ja!", vollendete Matthias den Satz und fing schon an, seinen Rucksack zu durchwühlen.
Eine seltsame Unruhe hatte die vier gepackt. Sie saßen hier vor einem zeitgeschichtlichen Dokument. Vor einem halben Jahrhundert hatte ein Mann seine vielleicht letzten Worte auf dieses kleine Gerät gesprochen. Und nun sollten sie diese Worte als erste Menschen hören.
„Jetzt drückt mal eure Daumen!", sagte Matthias, während er die Batterien wechselte und nach endlos scheinenden Sekunden auf PLAY drückte.
Zuerst hörte man nichts außer Rauschen. So lang, dass sie schon enttäuscht aufgegeben wollten. Doch dann setzte plötzlich eine Stimme ein. Eine tiefe Männerstimme, die in schnellem Englisch sprach. Niemand schien zu atmen und sie folgten der Aufnahme gebannt. In kurzen Sätzen berichtete der Mann über seine Beobachtungen der hiesigen, rumänischen Wildnis. Er beschrieb diverse Baumarten und Getier und Lina hatte schon nach kurzer Zeit Probleme, ihm zu folgen. Zwar war ihr Englisch ganz passabel, aber der deutlich erkennbare Cockney-Akzent und das Rauschen des Rekorders machten es ihr schwer, die Sätze zu verstehen. Ein kurzer Blick nach oben verriet ihr, dass es zumindest Kim und Chris genau so ging.
Der namenlose Brite referierte gerade über den kürzlichen Tod einer jungen Bärin, als man eine zweite Stimme hörte. Sie klang jünger als die erste, wie ein vielleicht Anfang zwanzigjähriger Mann. Anscheinend hatte der Tote im Berg einen Begleiter gehabt.
Lina spitzte die Ohren und nach einiger Zeit hatte sich, trotz der Verständlichkeitsprobleme, herauskristallisiert, dass die beiden Engländer in den späten 60er Jahren auf einer Tour quer durch das Apuseni-Gebirge gewesen sein mussten.
Eine Menge Erläuterungen über ein Rudel Braunbären und Baumarten. Viele verschiedene Baumarten. Meistens sprach der ältere Mann, hin und wieder konnte man den Jungen reden hören. Nach einer Weile drückte Chris auf den „Forward"-Knopf, denn Kim und Chris sahen aus, als würden sie gleich einschlafen.
„Vielleicht höre ich mir die Aufnahmen lieber später im Zelt an und gebe euch Bescheid, wenn noch irgendetwas spannendes kommen sollte.", sagte Matthias irgendwann in die monontone Stimme hinein. „Wir sollten sowieso los, sonst sind die Kletterer weg. Oder – wir steigen den Berg wieder rauf und nehmen meine Route."
Chris sah aus, als würde er etwas einwerfen wollen, als etwas mit dem Diktiergerät passierte. Ein Geräusch erklang, eine Art Klicken. Als würde jemand seine Zähne extrem laut aufeinanderschlagen. Zuerst glaubte Lina an eine Fehlfunktion, aber dann ertönte ein Schrei. Der Brite schrie und es hörte sich an, als hätte er das Gerät fallen lassen.
Rauschen.
Dann – Flüstern. So gedämpft, dass man es kaum verstehen konnte. Der Mann sprach leise, ganz leise in das Mikrofon und das Rauschen ließ das ganze noch undeutlicher erscheinen .
Stimmenfetzen, immer wieder unterbrochen von Störgeräuschen. Dazwischen ein halbwegs deutlicher Satz
„What the hell is this thing?".
Wieder Stille.
So lange, dass es schien, als wäre das das Ende gewesen.
Und dann, Matthias hatte schon den Finger am „Off"-Schalter, hörte man die junge Stimme auf englisch sprechen. Etwas verzerrt und äußerst erschöpft klingend, aber deutlich verständlich.
Während die Aufnahme lief, wurden Kim, Lina, Matthias und Chris mit jeder Sekunde blasser.
„Mum....Dad. Hier ist Andrew. Während ich das hier aufnehme, sitze ich in einer Felsspalte fest. Meine Beine sind beim Absturz gebrochen. Ich kann meinen rechten Arm nicht bewegen. Wahrscheinlich habe ich ihn mir ausgekugelt.
James ist tot.
Wir stürzten beim Aufstieg einer Bergwand in eine Höhle und während ich das...Glück hatte, auf einer Plattform aufzukommen, stürzte er ins Leere. Das Seil ist gerissen. Gott sei es gedankt, sonst wäre ich mit hinunter gefallen. Wobei meine Situation hier auch nicht besser ist. Ich komme nicht weg und dort draußen ist....."
Die Aufnahme stockte kurz, kam dann wieder zum Laufen.
„...ist etwas. Ich kann nicht einordnen, was es ist – es zu beschreiben liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft."
Wieder eine Pause.
„Ich liebe euch. Vater. Mutter. Sarah und Richard. Ich wünschte, ich wäre bei euch. Möge Gott mir gnädig sein."
Das Diktiergerät knackte und schaltete sich aus.
„Oh mein Gott!", fand Kim als erstes ihre Worte wieder. „Das ist so krass! Und sie haben ihn nie gefunden!"
Lina dachte an das eingefallene Skelettgesicht des Toten. Es hatte einmal einem jungen Mann gehört, etwa in ihrem Alter. Der Gedanke, dass dieser Andrew seit Jahrzehnten dort oben saß und seine Eltern dieses Tonband wohl niemals hören sollten, erfüllte sie mit echter Trauer.
„Wir müssen das melden, wenn wir wieder in der Stadt sind. Damit sie die Leiche bergen können. Vielleicht gibt es ja noch Verwandte.", sagte sie.
„Auf jeden Fall! Aber wie normal er noch geredet hat...ich wäre an seiner Stelle total ausgetickt, ganz allein in einem Felsspalt mit gebrochenen Knochen und einem Freund, der in den Tod gestürzt ist." Kims Stimme klang belegt.
„Ähm, Leute!
Das ist ja alles ganz furchtbar und traurig, aber bin ich der Einzige, der mitbekommen hat, dass diese beiden Typen anscheinend vor irgendwas geflohen sind?" Chris strich sich das Haar aus der Stirn. „Was meinte der Ältere damit, was das für ein Etwas ist?"
„Ja, Leute. Wir wissen nichts über die beiden. Vielleicht Halluzinationen. Die hatten wir hier ja auch. Oder Drogen. Oder einfach ein...mutierter Bär." Matthias steckte das Diktiergerät in das Innenfach seines Rucksacks. „Die Sache ist natürlich wahnsinnig tragisch und wir melden das auf jeden Fall an die Behörden. Aber es nutzt nichts, wenn wir uns jetzt aufgrund einer alten Aufnahme verrückt machen." Er seufzte und fuhr dann fort: „Wir sollten jetzt los. Ihr wolltet die Kletterer abpassen und es ist nicht mehr so weit hin bis zur Dämmerung. Also?"
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HOJA
Mystery / ThrillerEine Wanderung in den endlosen Wäldern Rumäniens wird für vier junge Menschen zum absoluten Horror-Trip. Eine Gruselgeschichte pünktlich zur düstersten Zeit des Jahres. Das ist mein erster Roman, bitte seid nett ;))
