Ein Hoffnungsschimmer

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Mike hieß eigentlich Michael Winkler, wie sie kurz darauf erfuhren, war 26 und mit einer Gruppe von Freunden auf Klettertour. Während sie den Weg entlang gingen, erzählte Mike ihnen von seiner bisherigen Route über die schönsten Berge Europas. Zuvor waren sie in Slowenien gewesen und hatten den Berg Triglav, einen 2800er bestiegen, jetzt waren sie seit ein paar Tagen hier in Rumänien. Während der junge Mann begeistert von Höhenrouten und Bergpässen erzählte, hingen Kim, Lina, Matthias und Chris an seinen Lippen. Lina konnte es kaum fassen. Die Strapazen der letzten Tage schienen wie weggeblasen. Ein Mensch. Ein netter, gutgelaunter Typ, der einfach vom normalen Leben erzählte und sich seines Lebens freute. Dass er auch noch aussah wie der Stereotyp eines hübschen, blondes Surferboys machte das Ganze fast surreal.

„Ihr hattet totales Glück, dass ich nochmal zurückgekommen bin, um nach meinem Handy zu sehen. Dachte, ich hätte es vielleicht liegen lassen. Sonst hätten wir uns verpasst.", sagte Surferboy gerade zu Matthias.

Der nickte. „Wir haben seit Tagen keine anderen Menschen gesehen. Und die Gegend hier ist...verzwickt. Biegt man einmal falsch ab, verläuft man sich. Wie lang seit ihr schon hier?"

Mike lachte. „Oh ja, hier muss man echt aufpassen. Mit Navi oder Google Maps wäre es natürlich einfacher, aber das funktioniert ja nicht. Also bleibt nur der gute, alte Kompass." Er zog einen schwarzen kleinen Kompass aus seiner Hosentasche und betrachtete die sich drehende Nadel. „Wir sind seit Donnerstag hier. Haben schon ein ordentliches Stück unserer geplanten Route geschafft. Übermorgen reisen wir wieder ab, dann geht es ab nach Vive la France.
Ah. Hey Jen! Wartet mal!"
Gerade als sie um eine Ecke bogen, tauchten vor ihnen drei weitere Menschen auf. Einer davon drehte sich um und große, eisblaue Augen starrten sie prüfend an.

Besagte Jen war praktisch das optische Ebenbild von Mike. Rotblonde, lange Haare, ein schlanker braungebrannter Körper und winzige, pastellrosa Hotpants – Barbie in persona. Lina konnte spüren, wie Kim sich beim diesem Anblick neben ihr ein wenig versteifte.

Sie holten auf und auch die anderen beiden wurden jetzt sichtbar. Ein weiterer junger Mann, ziemlich groß, breit und dunkelhaarig. Er stellte sich mit überraschend tiefer Stimme mit „Hi, ich bin Finn!" vor. Die letzte im Bunde war ein winziges Mädchen mit langen roten Dreadlocks und erdfarbener Hippie-Latzhose. Sie grinste strahlend mit kleinen Zähnen wie Perlen und sagte in Pieps-Stimme: „Ich heiße Miriam, aber ihr könnt mich gerne Hexe nennen."
 Das Mädchen war Lina gleich sympathisch. Sie sah ein bisschen aus wie Pippi Langstrumpf.
Kim dagegen runzelte die Stirn. "Hexe? Ist das nicht eigentlich voll das Schimpfwort?" 
Das Grinsen des Mädchens wurde breiter. "Nö. Nicht für mich!"

Jen, die mit vollem Namen vermutlich Jennifer hieß, hatte sich bisher nicht vorgestellt, schien aber nicht sonderlich begeistert über den Gruppenzuwachs. Mit zusammengekniffenen Lippen musterte sie die vier Neuankömmlinge. Auf Kim und Chris blieb er etwas länger als nötig liegen. Man konnte die angespannte Stimmung zwischen den beiden jungen Frauen förmlich riechen, was wohl auch Mike auffiel, weshalb er lachend einen Arm und seine Freundin schlang und ihr einen Kuss auf die Wange gab. „Und das hier ist also Jenny. Sie freut sich auch sehr, euch kennenzulernen, stimmts, Jen?"
Die vollen Lippen verzogen sich zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können und sie ließ ein knappes „Hi." hören. Dann wand sie sich aus Mikes Griff und hängte sich bei Hexe ein, die das Theater anscheinend nicht einmal mitzubekommen schien und fröhlich den Weg entlang hüpfte.

„So eine blöde Kuh!", zischte Kim, so leise, dass Mike es nicht mitbekam. Lina zuckte nur mit den Schultern, während Matthias sich allem Anschein nach das Lachen verkneifen musste.

Das Zusammentreffen mit anderen Menschen hatte Kim, Lina, Chris und Matthias merklich beruhigt. Während die Situation vorher völlig angespannt war, fühlte es sich nun an, als wären sie in die Normalität zurückgekehrt. Die Geschehnisse der letzten Tage waren nicht vergessen, aber hatten sich zumindest für das Hier und Jetzt in den Hintergrund verschoben.

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