Lina wusste nicht, wie lange sie da gegessen hatte, sich unsicher darüber, ob es sinnvoll war, weiterzugehen. Die graue Wand aus Dunst vor ihr schien noch immer dichter zu werden und alles, inklusive sie selbst, zu schlucken.
Aber sie konnte auch nicht ewig hier kauern und hoffen, dass die anderen plötzlich zurück kämen. Ob sie inzwischen bemerkt hatten, dass jemand fehlte?
Sie nahm das Geräusch zuerst gar nicht wahr, was wahrscheinlich ihrem irgendwie überfüllten Kopf geschuldet war. Das Klicken drang durch den Nebel, leise, aber deutlich wahrnehmbar. Es klang ein bisschen danach, als würde jemand im schnellen Takt mit der Zunge schnalzen.
Schon wieder.
Mit einem Mal war Lina sich sicher, dass sie weiter gehen musste. Sie konnte nicht starr sitzen bleiben, bis....bis irgendetwas hinter ihr auftauchen würde. Und sie wusste, dass das passieren würde.
Rasch rappelte sie sich hoch und der kalte, klamme Nebel sog sich sofort an ihren ganzen Körper. Sie schauderte. Es war, als wäre sie kopfüber in eisiges Wasser gesprungen.
Vorsichtig, um nicht wieder über Wurzeln und Äste zu stolpern, machte sie ein paar Schritte. Erst langsam, dann schneller. Das Klicken war lauter geworden, eindringlicher. Es hallte, so dass sie nicht sagen konnte, aus welcher Richtung die Geräusche kamen.
Lina vergaß die Schmerzen in den Füßen und im Rücken. Sie begann, zu rennen. Rannte über dichtes Laub, über am Boden liegendes Holz, wich Baumstämmen im allerletzten Moment aus. Sie schrie nicht nach ihren Freunden. Keine Ahnung, was sie da verfolgte oder ob das Laute nur Produkte ihrer Fantasie waren. Aber tief in ihrem Inneren war sie sich ganz sicher, dass da etwas hinter ihr her kam. Etwas, das vermutlich weit besser sehen konnte, als sie.
War da ein Schatten im Augenwinkel? Oder war das nur der verdammte Nebel? Lina hört ihr eigenes Keuchen, ihr Herz, dass bis zum Hals klopfte – und das Klicken. Als würde jemand dauerhaft einen Lichtschalter an und aus knipsen. Wurde es schneller?
Beinahe verfing sie sich in einem Gewirr an herunterhängendem Laub und dürren Ästen. Sie strampelte sich frei, bemerkte, dass dabei einige ihrer blonden Haare ausgerissen wurden. Egal. Geschwindigkeit ging verloren. Das Klicken schien jetzt so nah, als wäre es nur eine kleine Zimmerbreite entfernt. Lina spürte, wir ihr linkes Auge zuckte, eine Eigenart, die ihr bei übermäßigem Stress immer passierte.
Noch immer war sie blind, der Nebel hatte sogar noch mehr zugezogen, wenn das überhaupt möglich war. Sie konnte kaum die eigene, maßlos zitternde, Hand vor sich sehen.
Etwas schien sie zu berühren, hinten am Nacken. Ganz leicht, wie ein Vorhang, unter dem man gerade hindurch lief.
Die Berührung ließ sie aufkeuchen, blanke Panik stieg in ihr auf. Sie stürzte nach vorne, setzte einen Fuß vor den anderen, flog beinahe.
Und dann prallte sie mit ihrer Schulter plötzlich gegen etwas unnachgiebiges, hartes. Vor Schmerz wurde ihr beinahe schwarz vor Augen.
„Lina?"
Die Stimme drang nur langsam zu ihr hindurch, als würde der Nebel sie dämpfen. Dann spürte sie Hände, die sie an beiden Schultern packten und hinaufhievten. Sie schrie unwillkürlich auf, als die Stelle, gegen die sie eben gerannt war, berührt wurde. Tausend Nadelstiche fuhren durch ihren Körper.
Doch ihre Sicht wurde wieder klarer. Eine Silhouette bildete sich zu einem menschlichen Gesicht. Finn stand vor ihr, die Hände stützend um sie gelegt und starrte sie an.
„Alles okay? Du hast dich versehentlich angeschlagen."
Wären die Schmerzen nicht gewesen, hätte sich Lina wohl in seine Arme geworfen, stattdessen glotzte sie Finn einfach nur stumm an. Jetzt wurde ihr Blick endgültig klarer. Wo sie zuerst dachte, gegen einen Baum gerannt zu sein, wurde ihr klar, dass es sich um die Kante einer hölzernen Hütte handelte. Klein, etwas verfallen, aber eine Hütte. Die Tür stand sperrangelweit offen und sie konnte die anderen dort drinnen hören. Obwohl es verdammt weh tat, wendete Lina den Kopf und sah hinter sich. Bäume und etwas lichterer Nebel. Kein...Ding...das sie verfolgte.
„Ich....wo wart ihr?" Die Worte kamen weniger vorwurfsvoll aus ihrem Mund, als sie eigentlich gedacht hätte. Sie fühlte sich einfach nur ausgelaugt und schwach.
„Ich saß ewig da und hab darauf gewartet, dass mal jemand auf die Idee kommt, nach mir zu suchen!! Ich dachte, ich wäre verloren." Die letzte Silbe kam erstickt heraus und Lina biss sich auf die Unterlippe,
Finn runzelte die Stirn. „Hä? Du warst doch die ganze Zeit hinter uns. Bis wir die Hütte gefunden haben und du dich gestoßen hast. Kein Wunder bei dem Nebel. Leg dich am besten gleich erstmal hin. Los, komm schon!" Dann stieg er die paar knarzenden Treppenstufen hinauf, nickte ihr nochmal einladend zu und verschwand im Inneren.
Lina stand stocksteif. Was redete er da? Sie war doch mindestens eine halbe Stunde, wahrscheinlich länger, allein da draußen gewesen!
Dann kam das Klicken wieder in ihren Kopf. Viel zu realistisch. Sie ließ noch einmal den Blick über den Wald um sie herum schweifen und eilte dann hastig in die Hütte, wo sie die Tür hintern sich eine Spur zu heftig schloss.
„Hey, mach mal langsam. Willst du sie demolieren?" -
Jennifer saß mit verkreuzten Beinen auf einem kleinen Schemel neben der Tür und bedachte Lina mit einem „Spinnst du?"- Blick. „Wir können froh sein, endlich einen Unterschlupf gefunden zu haben. Auch, wenn es nur so ein Schuppen ist.
Die Hütte war klein, aber relativ warm und im Gegensatz zu draußen sogar beinahe behaglich. Wände, Decke und Boden bestanden aus Holzlatten, die ihre besten Zeiten schon hinter sich hatten, aber dennoch relativ stabil wirkten. Ein dunkler, verstaubter Tisch stand da, an der Wand hingen ein paar rostige Werkzeuge und drei wackelig anmutende Stühle waren im Raum verteilt. Für sechs Personen war das Zimmer gerade groß genug.
Sie besaß außerdem zwei Fenster, die mit verschlissenen, einst weißen, jetzt grauen, Gardinen geschmückt waren.
„Ist nicht das Hilton Hotel, aber tausendmal besser, als draußen zu schlafen.", sagte Matthias gerade, der gerade die Schubladen des Tisches aufzog und den Inhalt begutachtete.
„Das ist wohl eine alte Jägerhütte. Leider kein Telefon.....dafür eine Menge Felle und Geweihe und so ein Zeug." Wie zum Beweis zog er ein verstaubtes Etwas hervor, das aussah, wie eine tote, deformierte Katze.
„Ekelhaft!", erwiderte Kim. „Das ist so widerlich! Bestimmt voller Läuse und Flöhe!"
„Glaub mir Kim, das ist einfach nur Fell. Ohne Wirt überlebt keine Laus mehr als ein paar Tage. Und das hier liegt bestimmt schon Jahre da drin.", meinte Matthias und strich über das Ding in seiner Hand. „War mal ein Wiesel, wie es aussieht."
„Habt ihr nicht mitbekommen, dass ich euch verloren habe!??"
Linas Stimme klang laut durch den kleinen Raum und ließ die anderen verstummen. „Habt ihr mich nicht schreien hören? Ich hatte eine Scheißangst da draußen!"
Sie konnte nicht fassen, dass ihr kurzzeitiges Verschwinden als Kleinigkeit abgetan wurde. Die Gänsehaut war noch immer nicht ganz abgeklungen und jedesmal, wenn sie an den Nebel dort draußen dachte, wurde ihr schlecht.
"Ihr seid einfach weiter gelaufen und habt mich liegen lassen.", fuhr Lina fort. "Das ist echt....hart."
Fünf Augenpaare musterten sie. Kim war es schließlich, die das Wort ergriff. "Laber keinen Scheiß, du warst nicht weg! Ich hab dich die ganze Zeit hinter mir gehört, wie du herumgekeucht hast und über die Äste getrampelt bist. War auch schwer zu überhören!"
Finn nickte.
"Stimmt. Wie schon gesagt, du warst nicht weg, Lina.
Vielleicht bist du kurz weggenickt und hast dir das eingebildet?"
Lina starrte ihre Freunde an und versuchte, etwas aus deren Augen zu lesen. War das ein schlechter Witz? Doch sie alle wirkten mehr oder minder überrascht und irritiert.
Oder - war das eben womöglich tatsächlich eine erneute Halluzination gewesen? Schon wieder? Wurde sie auf kurz oder lang verrückt? Sie fing Matthias' Blick auf, in dem sie eine Spur Sorge zu sehen vermochte. Rasch wendete sie die Augen ab und ließ sich auf einen klapprigen Holzschemel fallen, bevor sie noch umkippte.
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HOJA
Misterio / SuspensoEine Wanderung in den endlosen Wäldern Rumäniens wird für vier junge Menschen zum absoluten Horror-Trip. Eine Gruselgeschichte pünktlich zur düstersten Zeit des Jahres. Das ist mein erster Roman, bitte seid nett ;))
