Während Kim und Chris über die Verstrahlungs-Theorie diskutierten, sah Lina sich in dem Häuschen um. Es wirkte nicht so sehr zerfallen wie die meisten anderen Gebäude. Die einst weißen Wänden waren mittlerweile gräulich und oben in den Ecken hatten sich ein paar Spinnen ein beeindruckendes Sammelsurium an Netzen gewebt. Wenn Kim das sah, würde sie wahrscheinlich schreiend nach draußen laufen.
Das Wohnzimmer beinhaltete ein grünes Sofa, das von einer zentimeterdicken Schicht aus Staub bedeckt und von Rissen gesäumt war. Daneben eine schwarze Kommode, ebenso schmutzig. Eine gelblich verfärbte Vase darauf mit völlig ergrauten Trockenrosen rundete das Bild ab.
Was Linas Aufmerksamkeit besonders auf sich zog, war allerdings das Bild, das über dem Sofa an der Wand hing. Die Jahre hatten es verbleichen lassen, aber man konnte die Gesichter dennoch erkennen. Zwei Erwachsene und vier Kinder starrten ernst in die Kameralinse. Alle dunkelhaarig, die beiden Männer in schwarzen Anzügen, die Frauen und Mädchen in hellen Kleidern.
Lina schluckte. Die starren Augen der Fotografierten schienen ihr zu folgen. Als sich ihr ein Arm auf die Schulter legte, konnte sie einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken.
„Hey, keine Angst." Matthias hob die Hände und grinste sie an. „Ich bins nur."
Das flaue Gefühl in Linas Brust ließ nur ein wenig nach, dennoch erwiderte sie sein Grinsen. „Sorry...Kim hat mich ganz kirre gemacht mit ihrem Gerede um Verstrahlung."
Er winkte ab. „Typisch Kim." Dann beugte er sich etwas näher zu Lina. „Hör mal...es sieht nicht so aus, als ob das Wetter sich bald verbessert. Und es wird dunkel. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn wir heute Nacht hier bleiben würden. Oben gibt ein Schlafzimmer, da könntet ihr Mädels schlafen. Und Chris und ich nehmen mit dem Sofa vorlieb."
Lina starrte ihren Freund an. Der Gedanke, eine Nacht in diesem Haus verbringen zu müssen, bereitete ihr Unbehagen. Und Kims Worte gingen ihr auch nicht aus dem Kopf.
Als hätte Matthias ihre Gedanken gelesen, sagte er: „Keine Angst. Eine Nacht hier wird uns sicher nicht umbringen. Wir entfernen den Staub so gut wie möglich und öffnen alle Fenster. Sind ja nur ein paar Stunden."
Wie zur Bestätigung klang von draußen ein Donner, der so tief und hallend war, dass Lina auf einmal doch froh war, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Als sie wenig später über die halb kaputte Holztreppe nach oben stakste, ließ dieses Gefühl jedoch schnell nach. Kim, die einige Schritte hinter ihr ging, quietschte bei jedem Knirschen der Stufen auf und jammerte in einem fort. Oben angekommen lag das Schlafzimmer vor ihnen. Klein, mit dunklen Wänden. Kein großartiger Schimmel und nur wenige Spinnen, wie Lina erleichtert feststellte. Das Bett, auf dem eine fleckige Matratze lag, sah ebenfalls einigermaßen intakt aus.
Hinter ihr polterte Kim ins Zimmer und gab ein Geräusch von sich, als würde sie sich übergeben. „Boah ist das ekelhaft!", sagte sie und starrte auf die Matratze. „Nie im Leben leg ich mich da rauf, da bekommt man ja Krätze!"
Lina stimmte ihr im Geiste zu, zuckte aber nur mit den Schultern. „Besser, als auf dem Boden zu schlafen. Und lieber hol ich mir Krätze, als dass mich draußen im Zelt ein Blitz trifft."
Mit diesen Worten ging sie zum Fenster und öffnete es. Die Scheibe war an einer Seite zersplittert und als Lina den Fensterrahmen nach außen schwang, fiel das halbe Glasstück nach unten und zerkrachte auf dem Boden.
„Alles okay?", kam von unten Matthias Stimme. „Randaliert ihr da oben?"
„ALLES OKAY!". Während Kim mit säuerlicher Miene in ihrer Tasche wühlte und einen Schlafsack zutage förderte, schaute sich Lina in dem Zimmer um. Viele Möbel waren nicht vorhanden. Ein winziger Nachttisch mit völlig verrosteter Lampe, in der Ecke ein brauner, massiver Kleiderschrank, der keine Klamotten mehr enthielt, sondern nur ein paar einsame Plastik-Kleiderbügel, und ein hölzerner Stuhl, der sicher zusammenbrechen würde, wenn man versuchen würde, sich auf ihn zu setzen.
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HOJA
Misterio / SuspensoEine Wanderung in den endlosen Wäldern Rumäniens wird für vier junge Menschen zum absoluten Horror-Trip. Eine Gruselgeschichte pünktlich zur düstersten Zeit des Jahres. Das ist mein erster Roman, bitte seid nett ;))
