CHRIS
"Okay, nachdem nur noch ich übrig bin, bin ich dann wohl dran mit Erzählen", beginne ich, als sich alle einigermaßen von dem Schreck, den Toby uns beschert hat, erholt haben, und ringe mir ein kleines Lächeln ab.
"Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, wie ich anfangen soll." Ich kratze mich verlegen im Nacken und sehe unsicher in die Runde.
Reiß dich zusammen, Chris. Der Rest hat's auch hinbekommen!
"Also gut. Der Tag, an dem Em von uns gegangen ist, ist mit Abstand der schrecklichste Tag meines Lebens. Es fühlt sich an, als wär ein Teil von mir mit ihr gestorben. Als hätte man mir alle überlebenswichtigen Organe rausgerissen. Da war auf einmal ein Loch, dass nichts und niemand wieder füllen kann.
Ich hab schon gespürt, dass sie tot ist, bevor der Arzt gekommen ist - aber ich wollte das nicht wahrhaben. Aber als mir dann klar wurde, dass sie wirklich nicht mehr zurückkommt, dass ich sie nie wieder sehen werde, wir nie wieder gemeinsam lachen oder uns abends auf der Couch um die Fernbedienung streiten würden, dass ich mich nicht mal richtig von ihr verabschieden konnte, da war in mir einfach nur noch eine hässliche Leere."
Ich kämpfe. Ich kämpfe gegen den Schmerz, gegen die Erinnerungen, die mich ein weiteres Mal an diesem Tag zu überkommen drohen, und ich hoffe, dass ich gewinne.
"Ich hab nicht gehört, was der Arzt noch gesagt hat, ich hab nicht gespürt, dass Lex mich umarmt hat. Ich hab nicht mal den Schmerz gespürt. Alles war so taub und das einzige was ich gefühlt hab, war dieses unglaubliche Loch in meiner Brust, diese gähnende Leere.
Und während Alex mein T-Shirt nass geheult hat, ihr anderen auch total fertig ward und Jonah aufgetaucht ist, hab ich immer noch keinen Schmerz gespürt, dabei wusste ich, dass er da irgendwo sein musste.
Stattdessen war ich auf einmal wahnsinnig wütend. Wütend auf Em, dass sie einfach gegangen ist - und wütend auf mich, weil ich offensichtlich nicht in der Lage war, diesen Schmerz zu fühlen. In dem Moment hab ich mich danach gesehnt. Ich wollte dieses Gefühl von Ohnmacht endlich loswerden. Und dann brach alles über mir zusammen und auf einmal war da nicht mehr nur diese Leere, sondern auch dieser unglaubliche Schmerz.
Der Schmerz, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Genauso wenig, wie sich das Loch in mir wieder gefüllt hat.
Mir war schon im Krankenhaus klar, dass ich weder den Schmerz noch die Leere in mir je wieder loswerden werde, dass sie nun ein Teil von mir sind, wie Em einer war. Aber ich wusste nicht, dass es mit jedem Mal, das ich mich an sie erinnere, mehr weh tut." Ich schlucke hart und trinke einen Schluck von dem alkoholischen Gemisch in meinem Glas, dass Al mir vorhin in die Hand gedrückt hat.
"Die ersten Tage war alles noch so verdammt surreal. Ich hab nach dem Aufstehen jeden Tag erstmal eine Weile gebraucht, bis ich gecheckt hab, dass sie nicht mehr da ist und dass die Wohnung deshalb so still ist. Ich hab mir auch noch tagelang immer wieder eingebildet, dass sie neben mir steht, manchmal hab ich sogar mit ihr geredet und irgendwann hätte ich mich am liebsten selbst für verrückt erklärt.
Als ich dann endlich wirklich verstanden hab, dass sie nicht mehr da ist, dass sie nie wieder da sein wird, hab ich erstmal die halbe Wohnung randaliert. Ich hab versucht, mich mit Training abzureagieren und egoistisch wie ich bin, hab ich die ganze Sache mit der Beerdigung Jonah machen lassen - ich konnte einfach nicht. Ich hatte keine Kraft dafür, ich konnte mich nicht aufraffen und meinen Bruder wenigstens unterstützen. Ich war nicht mehr als ein Zombie.
Mit der Beerdigung hab ich begonnen, mich komplett abzuschotten. Ich hatte absolut kein Zeitgefühl mehr, konnte nicht mehr schlafen und allein bei dem Gedanken an Essen musste ich kotzen. Diese verdammte Leere dort, wo eigentlich Em sein sollte. Dieser beschissene Schmerz! Das alles machte mich fertig, knockte mich aus.
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When You Were Gone
Romance《Ich spüre nichts mehr. Weder Alexas Umarmung noch den Schmerz über Emmas Tod. Da ist nichts. Nur das Gefühl, dass da ein wesentlicher Teil von mir fehlt, und die Leere, die stattdessen in mir herrscht. Die Leere, die Em dort hinterlassen hat.》 ~ A...