Emma wohnt mit ihrem Freund in einer wunderschönen Altbauwohnung in der Dresdner Neustadt. Nach außen scheint alles so perfekt. Eines Tages findet der neue Nachbar Emma in Tränen aufgelöst im Treppenhaus und die Fassade droht zu bröckeln...
"Pass auf, du kleckerst die Hälfte daneben." Emma beobachtet ihren kleinen Neffen dabei, wie er versucht Teig in kleine Muffin Formen zu füllen. Die Arbeitsplatte sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Emma wird nachher Stunden dafür benötigen, um das Chaos zu beseitigen. Doch es gibt niemanden, für den sie das lieber tun würde, als für Theo. Dave befindet sich aktuell mit seiner Punkband auf Mini-Tour durch Osteuropa, also hat sie die Gelegenheit genutzt und Theo für ein paar Tage zu sich geholt, während ihr Bruder und ihre Schwägerin sich eine kleine Auszeit in Prag gönnen. Auf dem Rückweg würden sie dann hier vorbei kommen und ihn wieder mitnehmen. Seitdem Emma ihre Heimat Hamburg vor einigen Jahren für ihr Studium verlassen hat, sieht sie ihre Familie eher selten. Zu oft war sie traurig darüber, dass sie Theo vorallem als Baby so selten sah.
"Die ess ich nachher alle auf..." Theo grinst sie an und gibt den Blick auf seine große Zahnlücke frei. Emma kann sich noch sehr gut daran erinnern, als er ihr am Telefon ganz stolz von seinem Wackelzahn erzählt hat. "Ich denke, das wirst du nicht tun." Er schaut sie schmollend an. "Und warum?" "Weil wir noch auf den Spielplatz wollten. Wenn du die hier alle isst wirst du es kaum schaffen, irgendein Klettergerüst hochzuklettern, weil dir die Muffins wie Steine im Magen liegen. "Aber zwei werde ich essen." Er grinst sie an. "Darüber können wir reden." Emma beugt sich zu ihm nach unten und stupst mit ihrem Zeigefinger auf seine Nasenspitze. Immer wenn sie Theo bei sich hat, wird sie schmerzlich daran erinnert wie sehr sie sich immer Kinder gewünscht hat. In den letzten Jahren mit Dave, ist dieser Wunsch jedoch immer weiter in den Hintergrund gerückt. Gemeinsam mit ihm ein Kind zu bekommen, wäre völlig verantwortungslos. Davon abgesehen würde sowieso etwas Entscheidendes fehlen, um ein Kind zu bekommen. Emma kann sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, wann Dave und sie das letzte Mal intim miteinander waren. Irgendwann im letzten Jahr vielleicht? Oder war es sogar vorletztes Jahr?
Nachdem sie und Theo jeder ordentlich von den Muffins probiert hatten, machen sie sich fertig, um den restlichen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbringen. Während Theo die Spielgeräte unsicher machen würde, könnte Emma die Zeit nutzen, um ein paar geschäftliche Emails auf ihrem Handy zu beantworten. Je näher die Weihnachtszeit rückte, desto mehr gab es Anfragen für so genannte Walking-Acts und Musikgruppen auf irgendeinem der unzähligen Dresdner Weihnachtsmärkte. Bereits seit ein paar Jahren übernahmen sie und ihr Geschäftspartner beziehungsweise inzwischen bester Freund Tobi dafür die Koordination. Gerade als sie und Theo im Flur die Schuhe anziehen, fällt ihr Blick auf das kleine Päckchen, welches einer der Lieferdienste achtlos im Hausflur abgelegt hatte. Als, sie sah, dass das Paket für Paddy bestimmt ist, hat sie es vorsorglich an sich genommen, bevor es weg kommt. Sie hatte ihm einen Zettel im Briefkasten hinterlassen und würde es so lange aufbewahren, bis er wieder zurück ist. Der Bote wollte sich vermutlich nicht die Mühe machen, herauszufinden, wo im Haus er Paddy findet. Das Klingelschild war nach wie vor verwaist.
Als Theo und sie vor der Haustür ins Freie treten, laufen sie fast in eine Gruppe junger Frauen, die nervös lachend auf dem Fußweg rumstehen. Emma ist sichtlich irritiert. Sie mustern sie und Theo und stecken die Köpfe zusammen. Emma vernimmt nur Wortfetzen wie "Paddy...", "nur eine Mutter mit Kind", "ob er da ist und wir mal klingeln sollten?". Emma und Theo drängeln sich unbeeindruckt an den Frauen vorbei und laufen Richtung Spielplatz.
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