Kapitel 21

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P.o.V. Kōtarō

Es war nicht schwer für Kōtarō sich vorzustellen, wie Keiji sich gerade fühlen musste. Unter den Baumriesen stehend und zu dem kleinen Dorf zwischen den Ästen hinaufblickend, verstärkte sich der Druck seiner Hand. Kein Wunder, immerhin lernte er gleich die Familie seines Boyfriends kennen... die nichts von ihm wusste... Auch war seine eigene Familie kein Vergleichsmaterial, also hatte er keinen Anhaltspunkt. "Bist du bereit?", fragte Kōtarō leise. Keiji schluckte tapfer und nickte. Mit einem sanften Lächeln strich die Eule dem Schwarzhaarigen eine Strähne aus den Augen. "Sie sind alle nett, mach dir keine Gedanken. Ein bisschen laut und chaotisch, aber nett. Nett..." Das Luftwesen versuchte nicht allzu sehr zu klingen, als versuche er sich selbst davon zu überzeugen. Das hatte der Kleinere wohl bemerkt, denn ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. Nur ganz kurz, doch es schien Keiji aus seiner Anspannung befreit zu haben. Erleichtert setzte Kōtarō sich wieder in Bewegung und führte seinen Freund auf die Treppe zu, die sich um einen Baumstamm hinauf zu einer Plattform zog. Normalerweise hätte sich wohl auch der Vogelmann Gedanken gemacht, ob seine Familie den Meermann akzeptieren würde. Doch es gab da diese zwei Tatsachen, die ihm jede Sorge nahmen. Erstens: es war unmöglich Keiji nicht zu mögen, ein Blick in diese Augen, ein Lächeln und man war verloren. Zweitens: Seine Familie war viel zu tollerant. Seine Mutter pflegte stets zu sagen: "Ob ein Mädchen oder ein Junge, ein Vogel oder eine Katze, dünn oder dick, solange du die Person liebst, ist es mir egal." Nur ob ein Meermann auch in Ordnung wäre, das hatte er nie gefragt. Die Feindschaft zwischen Luft- und Wasserwesen hatte sie bisher wenig interessiert. Nachdenklich half er Keiji die letzten Stufen hoch. Staunend besah sich sein Freund die kleine Stadt in den Wipfeln der Bäume. Die meisten Häuser hier bestanden aus einem Korbgeflecht, welches zusätzlich mit Lehm abgedichtet war. Auf Fensterscheiben und Türen hatte man verzichtet, einzig kleine Bambussmatten oder Vorhänge hinderten die Nachbarn am Spannern. Zwischen den Häusern hingen Hängebrücken oder einfach Seile, hier und da gab es eine hölzerne Plattform, gleich der, auf der sie standen, oder Wendeltreppen, die auf den Waldboden führten. "Es ist... wunderschön. Es gibt dir sofort ein Gefühl von Gemeinschaft. Geheimnisse zu haben ist hier wohl echt schwer." Kōtarō grinste. "Und wie! Die Wände sind echt dünn, wenn der Nachbar zu laut redet ist es manchmal schwer zu schlafen." Keiji sah ihn mit funkelnden Augen an. "Es ist toll!" 
"Es freut mich, das zu hören. Na komm, gehen wir weiter. Mein Haus ist da oben, meine Eltern wohnen auch ganz nah." Der Meermann ließ sich von seinem Freund auf eine nahe Hängebrücke ziehen. Dumme Idee. Natürlich war es nahezu unmöglich, ihn auf der wackeligen Konstruktion vorwärts zu bewegen. Kurzerhand hob die Eule seinen Kleinen hoch und trug ihn hinüber. "Also sind wir wieder an dem Punkt, was?"
"Wieso wieder?", grinste die Eule. Ein gespielt resigniertes Seufzen war die Antwort. Er setzte Keiji ab und lächelte ihn an. "Es kommen noch ungefähr fünf Brücken mehr, wenn wir den einfachsten Weg nehmen." Das Wasserwesen biss sich auf die Unterlippe. Man sah ihm an, dass er am Liebsten sagen würde, dass er das schaffte. Nur wusste auch der stolze Meermann, dass er nicht eine Brücke mehr ohne Hilfe überqueeren könnte. "Komm auf meinen Rücken." Kōtarō ließ sich auf ein Knie sinken um es seinem Freund einfacher zu machen. "Jetzt mach schon, wir wissen beide, dass du das alleine nicht schaffst. Was bringt es sich abzumühen, wenn es auch einen anderen Weg gibt?" Die Eule spürte die Hände an seinen Schultern und kurz darauf den Oberkörper, der sich an ihn drückte. "Aber ist das nicht schwer, mich zu tragen und das Gleichgewicht zu halten?" Der Größere erhob sich und zog den Jungen auf seinem Rücken in eine akzeptable Position. "Ach was, ich lebe hier seit mehr als zwanzig Jahren und habe auch meine Geschwister schon so getragen. Ich könnte mit geschlossenen Augen den Weg rennen und dir würde nichts passieren." Keiji schnaubte in seinen Nacken und eine Gänsehaut überlief Kōtarōs Körper. "Hör auf so anzugeben, das glaube ich dir sowieso nicht."
"Soll ich es dir beweisen?"
"Oh Gott, bitte nicht! Ich würde deine Familie gerne noch kennenlernen... in einem Stück."
"Ich sage doch, dir würde nichts passieren."
"Und ich sage, ich glaube dir nicht!"
Ein leises Lachen erklang von über ihnen.

Complete my World (BokuAka)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt