Kapitel 27

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P.o.V. Keiji

Keiji starrte an die Wand. Der ruhiger werdende Atem Kōtarōs und die Dunkelheit versuchten ihn in den Schlaf zu ziehen. Vergeblich, denn die Angst vor den Träumen, die dort auf ihn warteten, war zu stark. Ausdauernd kämpfte sie gegen die Müdigkeit, die Gedanken auf ihrer Seite. Immer wenn der Meermann die Augen schloss, sah er die scharfen Zähne nach ihm schnappen. Es waren nur Träume, kein Grund panisch zu werden! Es sind sehr gruselige Träume... Vielleicht träumst du heute Nacht gar nichts. Das Risiko ist zu hoch, ich will das nicht noch einmal sehen müssen. Du könntest dich deiner Angst stellen. Ich stelle mich ganz sicher nicht dem. Wieso nicht? Vielleicht hört es dann auf. Tut es nicht. Das ist traumatisch bedingt. Träume sind traumatisch bedingt... Gott, ich will einfach nur schlafen! Aber nicht träumen. Schwierig... Aber vielleicht träumst du nicht. Das Risiko ist zu hoch- an dem Punkt waren wir schon! Keiji wälzte sich herum. Das nur schemenhaft auszumachende Gesicht Kōtarōs ließ die Erinnerung an den Traum der letzten Nacht zurückkommen. Träume, Keiji, es sind bloß Träume. Realistische, grausame, gruselige Albträume, die dir zu vermitteln suchen, was du längst weißt. Versuche zu schlafen, denk an etwas anderes. Er drückte sich näher an den schlafenden Körper seines Freundes, atmete tief seinen Geruch ein. Er dachte an Kōtarō, an ihre erste Begegnung, den Strand und das Meer- schlechte Idee. Zurück bei der Erinnerung an den Traum. Nächster Versuch: die Prügelei in der Gasse... Keiji, das Prinzip lautet: Denk an etwas Schönes. Laufen lernen mit Kōtarō, im Haus der Eltern- So ging das nicht. Hm. Shoppen mit Kōtarō. Das war schön gewesen. Langsam driftete Keiji ab, in den Schlaf. Und natürlich träumte er. Das erste, was er dachte, war: Das hier kenne ich. Gleicher Traum wie letzte Nacht- fuck. Und dann: Dafür Ohrfeige ich mich, wenn ich wach bin. Der Traum begann damit, dass er schwamm. Das Wasser war trüb, doch er wusste, was hinter ihm war. Er schwamm davor weg, schnell, um nicht doch noch in ihre Fänge zu geraten. Er konnte ihre Stimmen hören, das hektische Schlagen der Flossen. Er musste raus aus dem Wasser, irgendwohin, wo er sicher war. Er musste an Land, in die Luft, ganz egal, Hauptsache weg von hier und raus aus dem Wasser. Keiji versuchte an die Oberfläche zu kommen, panisch sah er nach unten, wo er die riesigen Schatten ausmachen konnte. Er schwamm weiter, schneller, hektischer. Die Sonne warf ihre Strahlen auf die Oberfläche, die nur schleichend näher rückte. Noch ein Stück, nur noch ein kleines Stück, während die Stimmen hinter ihm immer deutlicher wurden. Dann durchbrach er das Wasser, entkam dem Gefängnis, dass ihn festgehalten hatte. Eine starke Hand hielt ihn fest, damit er nicht zurück ins Meer fiel. Als er aufsah, blickte er in das Gesicht seines Freundes, welcher gleich einem Engel strahlend über dem Meeresspiegel schwebte. Doch für Erleichterung war es zu früh, seine Verfolger durchbrachen die Oberfläche. Seine Eltern grinsten hämisch zu ihnen hinauf, die Haie, die sie mitgebracht hatten, schnappten nach ihnen. Dann sprang einer von ihnen hoch, ein riesiger Sechskiemerhai, der normalerweise eher sanftmütig war. Seine Zähne gruben sich tief in die verräterische Schwanzflosse. Keiji klammerte sich an Kōtarō fest, wohl wissend, dass, sollte er jetzt loslassen, er gefressen würde. Gleichzeitig konnte er in der Luft nicht atmen. Wenn er hier blieb, würde er ersticken. Er musste wählen, zwischen zwei Toden. Ein weiterer Hai sprang hoch und verbiss sich ebenfalls in dem Meermann. Doch Kōtarōs Eulenflügel konnten die Last nicht tragen. Wie ein Stein fielen sie in das schäumende Becken unter ihnen. Er sah zu Kōtarō, in die vor Schreck geweiteten, gelben Augen, als ein Hai ihn anfiel und beide in einer Wolke aus Blut in den Tiefen verschwanden. Er konnte das laute Lachen seines Vaters hören und seine Mutter, wie sie belustigt sagte: "Das hast du nun davon eine Eule zu lieben. Ihr seid beide tot." Und dann starb er.

P.o.V. Kōtarō

Kōtarō wachte auf, weil das Bett wackelte. Er öffnete die Augen und musste feststellen, dass seine Arme zwischen seinem Körper und Keijis beinahe schmerzhafter Umklammerung eingekeilt waren. Vorsichtig befreite er einen seiner Arme und versuchte herauszufinden, warum alles wackelte. Es war Keiji, der immer wieder zusammenzuckte, weshalb das Bett mitzuckte. Beunruhigt strich er seinem Freund über den Kopf. Das war der zweite Albtraum in zwei Nächten. Auch war Keiji schweißgebadet und zitterte. Ob er ihn wecken sollte? "Keiji?", flüsterte er, in einem Versuch ihn zu erreichen. Aber es war zu leise, um den tiefen Schlaf des Anderen zu durchbrechen. Dann musste Kōtarō eine weitere erschreckende Sache feststellen: Keiji atmete nicht. Panisch suchte die Eule nach einem Puls, den er auch fand. Ein sehr hoher, viel zu schneller Herzschlag. "Keiji, verdammt wach auf!" Er versuchte den Meermann zu schütteln, was nicht sonderlich einfach war, da dieser seinen einen Arm immernoch blockierte. "Bitte, Keiji!" Dann holte der Meermann endlich Luft. Erleichtert ließ Kōtarō sich etwas zurücksinken, achtete aber darauf, dass er merkte, wenn Keiji wieder aufhören sollte zu atmen. Keiji bewegte sich langsam, löste dann einen Finger nach dem anderen von Kōtarōs Arm. Durch den Schweiß und die Kraft, mit der der Meermann sich in den Arm gekrallt hatte, klebte dieser. "Hey, Keiji. Alles in Ordnung?" Keiji drehte sich von ihm weg. "Ja. Das mit deinem Arm tut mir leid." Kotaro rutschte ein Stückchen Näher an seinen Freund heran und zog ihn in seine Arme. "Das ist schon okay. Willst du jetzt darüber reden?"
"Worüber?"
"Über den Traum."
"Hm."
"Hm?"
"Hmm."
Und dann erzählte er. "Denkst du, es bedeutet was?", fragte Keiji, als er fertig war. "Ja, vermutlich."
"Und was?"
"Du hast Angst vor deinen Eltern und läufst vor ihnen davon, weil du weißt, dass sie fähig wären uns beiden etwas anzutuen. Du hoffst bei mir sicher zu sein, weißt aber, dass ich dich nicht vor allem beschützen kann. Du hast das Gefühl, dass du im Meer, in eurer Gesellschaft, nicht mehr willkommen bist. Aber du kannst nicht an Land bleiben, weil du ein Wasserwesen bist. Auf dauer wäre es wie ersticken."
"Du hast dir viele Gedanken gemacht."
"Ich habe nur zugehört. Ich glaube nicht, dass du von der Gesellschaft nicht mehr anerkannt wirst. Du hast doch sicher den ein oder anderen befreundeten Meermann, dem es egal ist, mit wem du zusammen bist."
"Es gilt schon als Hochverrat in friedvollen Kontakt mit einem Luftwesen zu treten."
"Bitte was?"
"Unsere Regeln sind Müll. Ich würde wirklich gerne dem ein oder anderen sagen, wo ich bin, aber dafür bräuchte ich eine Garantie, sicher wieder rauszukommen."
"Ich verstehe... sag mal, was ist eigentlich das Problem?"
"Was meinst du?"
"Die Wasserwesen hassen die Luftwesen und andersherum. Die Erdwesen wollen ihr Land für sich, weshalb sie keine Luft- und Feuerwesen mögen. Die Feuerwesen halten sich eh aus allem raus. Warum gibt es diese Probleme? Wäre es nicht entspannter für alle, wenn wir nicht jeden hassen würden? Wenn es keine strikten Aufteilungen und Abspaltungen geben würde?"
"Wäre es."
"Es kann doch nicht sein, dass wir die Einzigen sind, die das so sehen. Können wir nicht irgendwas tun, irgendwas, um die Wesen einander Näher zu bringen? Ich meine, wenn es ausreichend Wesen gäbe, die unsere Ansicht teilen und auch gerne mehr mit den anderen Elementarwesen zu schaffen hätten, dann müsste man diese ganzen Streitereien doch mehr oder weniger gezwungener Maßen beiseitelegen, oder nicht?"
"Ko, das ist sicher etwas komplizierter." Kōtarō schwieg. "Kōtarō?"
"Du hast Recht. Es wäre zu einfach. Mir gefällt nur die Vorstellung, eine ganze Welt zu haben, ohne Streit wegen verschiedener Zugehörigkeiten. Es wäre schön, sich keine Gedanken darum machen zu müssen, ob es gefährlich sein könnte, wenn du hier bleibst, wenn wir zu Kuroo gehen, du Freunde besuchen willst." Keiji drehte sich in den Armen der Eule. "Du brauchst dir nicht so viele Gedanken zu machen, ob es gefährlich für mich sein könnte. Ich denke, für dich wäre es um einiges gefährlicher. Allein wenn ich daran denke, was in dem Haus meiner Eltern..." Er verstummte. Kotaro strich ihm sanft über den Kopf. "Dann denk nicht daran." Ein aufkommendes Gähnen ließ ihn stocken. "Keiji, es ist ziemlich spät, wir sollten versuchen zu schlafen. Lass uns morgen weiterreden."
"Nein"
"Nein?"
"Ich schlafe nicht."
"Hey, schlafen ist wichtig!"
Keiji vergrub den Kopf in Kōtarōs Oberteil. "Wirklich?", fragte dieser belustigt. "Hm." Grinsend drehte sich Kōtarō, den Meermann dabei weiter an seine Brust gedrückt. "Na gut." Er zog eine kleine Kiste unter dem Bett hervor und holte ein kleines, batteriebetriebenes Nachtlicht heraus. Dieses stellte er auf den Boden und schaltete es ein. Rote und goldene Punkte wurden an die Wände geworfen, ein sanftes, warmes Licht. Kōtarō rollte sich zurück und zupfte Keiji von seinem Oberteil. Der besah sich die Lichtpunkte. "Das ist schön." Lächelnd nahm Kōtarō die Bettdecke und breitete sie über ihnen aus. "Mach die Augen zu, Keiji." Einen Moment schien er etwas erwidern zu wollen, schloss dann aber tatsächlich die Augen. Leise begann Kōtarō: "Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar." Ein Lächeln schlich sich auf Keijis Gesicht. "Ein Wort und ich hör auf. Ich weiß, dass ich nicht singen kann." Keiji öffnete die Augen und sah ihn an. "A-." Kōtarō legte ihm einen Finger auf die Lippen. "Shhh." Er beugte sich vor und drückte dem Schwarzhaarigen einen Kuss auf die Stirn. Keiji lächelte und schloss die Augen wieder. "Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget, der weiße Nebel wunderbar..."

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