Meine Liebe brachte mich um. Ein Unbekannter entriss mich dem Tod. Ich floh vor meinem Ende in ein neues Leben.
Die liebeskranke Tyrannin Anathea aus Roenheim musste erst ihr Leben verlieren, um zu verstehen, wofür es sich zu leben lohnt. Eine Gotth...
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„Anathea, Ihr müsst etwas unternehmen." Eine der Haremsdamen – ich hatte ihren Namen vergessen oder ihn mir gar nicht erst gemerkt – stemmte die Arme in die Seite und funkelte mich an. „Diese Heilerin versucht, unseren rechtmäßigen Platz an Dals Seite zu stehlen!"
„Wenn Ihr wirklich glaubt, dass ein Mädchen aus einfachem Hause es schaffen kann, Euren Platz einzunehmen, dann seid Ihr es nicht wert, im Harem zu leben."
Damit war ich einer elendig langen Diskussion und ihren dummen Forderungen entgangen, obwohl ich ihre Meinung teilte. Auf ihre Gesellschaft konnte ich jedoch verzichten und drehte ihr eilig den Rücken zu.
„Anathea!"
Ich hatte mich wohl zu früh gefreut.
Sie lief um den Pavillion herum, beugte sich über das bauchhohe Geländer und zwang mich, sie anzusehen. „Ich habe Dal seit Tagen nicht gesehen. Hat er Euch besucht?"
„Nein."
Der Gedanke daran, dass Dal die anderen Frauen genauso verschmähte wie mich, machte mich erst glücklich, dann ballte ich die Fäuste und hätte gerne auf etwas eingeschlagen. Mit wem gab er sich ab?
„Dann ist es wohl wahr."
„Was ist wahr?", hakte ich so monoton wie möglich nach und widmete mich wieder meiner Stickerei.
„Die Schutzgottheit des Nordens ist gefallen." Sie rieb sich die Augen, wobei sie penibel darauf achtete, die grüne Farbe ihrer Lider nicht zu verschmieren. „Es soll der erste Angriff Ottars seit Jahren sein."
„Nehmen wir an, es gibt diese Gottheiten, von denen die Heiligen in den Tempel ständig sprechen", begann ich und stach meine Nadel durch das beige Stoffstück, das in einem runden Holzrahmen steckte. „Wie kann es sein, dass sie einfach fallen?"
„Jemand hat ihn getötet. Sein Körper war voller Pfeile."
„Und Ihr glaubt, dass ein paar Pfeile einen Gott töten können? Habt Ihr den Toten gesehen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Die Bediensteten sprechen davon. Einer der Laufburschen hat gesehen, dass Dal diese Gottheit ins Schloss getragen hat. Sie wollen auf der Jagd gewesen sein und plötzlich regnete es Pfeile."
„Gerüchte", sagte ich und rümpfte die Nase. Meine Nadel riss ein kleines Loch in den Soff auf meinem Schoß und ich legte die Stickerei beiseite. „Solange Dal gesund ist, hat uns der Verbleib einer Gottheit nicht zu interessieren."
„Aber diese Gottheit hat Dorsteinn beschützt. Ohne ihn ist das Land verletzlich."
„Weil Ottar auch eine Gottheit besitzt?"
„Ja. Außerdem will Ottars Herrscher den Norden erobern. Kein Wunder, alles, was er im Süden besitzt, sind Wüsten und Steine. Er ist auf unser Gold aus. Ach, was sage ich da? Er will sich sicher alles, was der Norden besitzt, unter den Nagel reißen. Uns eingeschlossen. Stellt Euch das vor, wir in den Klauen dieser Bestie!"
Sie hatte wohl vergessen, dass die Schmiede und Juweliere ihre Rohstoffe von den Händlern aus dem Süden bezogen, auch wenn diese Geschäfte offiziell verboten waren. Damit besaß Ottar Reichtümer, wenn auch weniger als der Norden. Oskari war wohl kaum auf einen Kampf mit jemandem wie Dal aus, wenn er Gold von diesem Land erhielt.
Zu ihrer Verteidigung musste ich mir allerdings eingestehen, dass ich nur zufällig von diesem Schmuggel erfahren hatte, weil ich daran beteiligt gewesen war. Bis Laina sich eingemischt und mit ihrem Tod bezahlt hatte. Diese Dame wusste einfach nichts von den Geheimnissen, die Ottar und Dorsteinn verbanden.
„Dal trauert um diese Gottheit, also muss sie echt gewesen sein und wenn sie echt ist, dann sind es auch die Pfeile und der Angriff", betonte die Frau, ging um den Pavillon herum und neigte sich nach links, um meine Stickerei zu begutachten. „Selbst Ihr solltet seinen Namen kennen."
Murrend überschlug ich die Beine. Schritte näherten sich unserem Pavillon, knirschten. Gelächter begleitete sie und ich bemühte mich, die gedämpften Stimmen den passenden Gesichtern zuzuordnen.
„Albio, der Gott, der die Sterne verschlang und neu formte, um sie den Menschen in tiefster Finsternis zu schenken", sprach sie weiter und blinzelte, als ich meine Hand über die Stickerei legte. „Glaubt man den Gerüchten im Schloss, dann hat sein Bruder ihn umgebracht."
„Eine Gottheit, die eine andere Gottheit tötet?"
Sie nickte eifrig und ließ sich neben mir nieder, bevor uns die Frauengruppe erreicht hatte. Eine von ihnen schaute in unseren Pavillon hinein, verneigte sich leicht und gesellte sich wieder zu ihren Verbündeten auf Zeit. Ihr Tuscheln klang verräterisch. Sie planten etwas und wollten offenbar, dass ich es mitbekam.
„Nur ein Gott kann einem anderen Gott das Leben nehmen", erklärte sie mir, als wäre das ein unwiderlegbarer Beweis. „Habt Ihr das nicht gelernt? Damen des Nordens sollten solche Dinge wissen."
„Ich habe vieles gelernt", zischte ich. Sie erlaubte sich, mich zu belehren. „Doch ich behalte nur das Wissen, das mir nützt."
Sie zog eine Schnute und rieb sich die Unterarme. Das Tuscheln der anderen verstummte und ich umklammerte die Nadel, mit der ich eben noch mehr oder minder hübsche Muster in den Stoff gestickt hatte.
Götter, Mythen und Legenden besaßen keinen Wert in der Welt, in der ich lebte. Edelsteine, Gold und Macht beherrschten den Tag und die Nacht.
„Die Heilerin ist bestimmt bei ihm. Vielleicht hat sie sogar versucht, der Gottheit zu helfen." Die Frau neben mir hielt sich eine Hand vor den Mund. Lächelte. „Sie ist die Einzige, die ihn in den letzten Tagen gesehen hat."
Ich seufzte, lauschte den Schritten, die sich von uns entfernten. „Das Mädchen mit den heilenden Händen kann seinen Verlust nicht einfach wegwischen."
„Wer weiß, eventuell bevorzugt er sie gerade wegen ihrer heilenden Hände. Könnte ja sein, dass dieser Gott sie gesegnet hat."
Ich lachte trocken und sank auf meinem Platz zusammen. „Dann hätte sie ihn auf retten können. Hat sie aber nicht, oder hörst du das Glockenspiel des Glücks?"
Eine gesegnete Heilerin, deren Hände jede Krankheit vertrieben, das klang wie ein schlechter Scherz. Dennoch war Suvi meine Aufmerksamkeit wert, weil sie meine Stellung im Schloss bedrohte, auch wenn sie kein Teil des Harems war. Geschickt angestellt, könnte ich gerade ihre heilenden Hände für mich nutzen.
„Was für ein naives, wenn nicht sogar träumerisches Gerede", wisperte ich. „Eine Frau, die kein Anrecht auf den Herrscher hat, ist an seiner Seite. Heilerin hin oder her, sie verdient diesen Platz nicht."
„Ihr habt recht. Ohne den Schutzgott ist es wichtiger denn je, dass wir Dals Ansehen und sein Herz gewinnen. Wir dürfen es nicht an jemanden wie diese Heilerin verlieren. Niemals. Wir müssen etwas unternehmen, Anathea."
Es gab kein Wir im Harem eines Herrschers. Diese Frau vor mir würde mir keine Hilfe im Kampf um die Macht sein, aber ich könnte sie und ihren Glauben ausnutzen. Immerhin waren Menschen imstande schlimmere Dinge zu tun als eine Gottheit mit Pfeilen zu durchlöchern.
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