Kapitel 19

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Lucien spürte ihren erwartungsvollen Blick auf sich ruhen und fragte sich, ob er womöglich den Verstand verloren hatte. Er tat ja geradezu so, als sei sie die einzige Juristin auf Erden, über die er verfügen konnte. Aber das genaue Gegenteil war der Fall! Heute Morgen hatten eine ganze Reihe Bewerberinne vor seinem Büro auf ein Vorstellungsgespräch gewartet, und das waren längst nicht alle gewesen, die sich beworben hatten. Doch er wollte keine von denen. Sie waren allo so schrecklich steif, redeten ihm nach dem Mund und wollten sich auf Teufel komm raus von ihrer besten Seite zeigen. Nicht so Adrienne Diderot. Sie hatte ihm von Anfang an deutlich zu verstehen gegeben, was sie von ihm hielt. Und das war nicht besonders viel.

Es ärgerte ihn, dass sie ihn offenbar für solch einen Unmenschen hielt. Sie wusste doch überhaupt nichts über ihn, wie konnte sie sich da anmaßen, derart über ihn zu urteilen? Gleichzeitig fragteer sich, warum er darauf so reagierte. Was andere Menschen über ihn dachten, interessierte ihn doch sonst garnicht. Warum wollte er dann unbediengt, dass sie sah, wie er wirklich war?

Doch es stimmte: Genau das war einer der Gründe, weshalb er sich in den Gedanken verrannt hatte, sie für ihn arbeiten zu lassen. Sie sollte ihn kennenlernen - und er wollte sie kennelernen. Das war die eine Sache. Die andere Sache war, dass sie die einzige Juristin war, der er zutraute, ihm bei seinen Plänen zu helfen. Weil sie gut war. Nach ihrem Aufeinendertreffen heute Vormittag hatte er den Rest des Tages damit verbracht, sich über Adrienne Diderot zu informieren. Nach ihrem Schulabschluss hier in Monaco war sie nach London gegangen, um dort Jura zu studieren. Über Berufserfahrungen verfügte sie zwar nicht, weil sie ihr Studium erst vor Kurzem beendet hatte, aber bei seinen Recherchen war Lucien auf etwas anderes gestoßen, das sein Interesse an ihr noch steigerte: nähmlich Adriennes ehrenamtliche Tätigkeiten. Sie hatte klein angefangen, ber viel geleistet. Zuletzt für die Organisataion Good Deeds, und soweit Lucien in Erfahrung bringen konnte, war sie die treibende Kraft bei einem großen Coup gewesen, der vor gerade einmal einer Woche über die Bühne gegangen war. Lucien zeigte das Ganze, dass Adrienne über ein enormes Maß an Verhandlungsgeschick und Überzeugungskraft verfügte.

Und genau deshalb wollte er sie als seinen persönlichen Rechtsbeistand einstellen. Schatten seines Stiefbruders Olivier hervorzutreten, dann brauchte er jemanden, auf dessen Fähigkeiten er sich zu einhundert Prozent verlassen konnte. Doch zu seiner Schande musste er sich eingestehen, dass dies nicht der einzige Grund für sein Interesse an Adrienne war. Ein weiterer Grund war sie selbst. Er hatte keine Ahnung, wie es sein konnte, aber sie hatte ihn vom ersten Moment an gefangen genommen. Ihre scheinbar unschuldige Art, das schüchterne Lächeln,die Tatsache, dass sie immer irgendwo anders hinblickte, bloß um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen, ihr leichtes Stottern, wenn sie nervös war - und gleichzeitig ihre forsche Art, wenn Worte aus ihr hervorsprudelten, die sie einfach nicht zurückhalten konnte....

Lucien wusste, es war verrückt, aber diese Frau interessierte ihn augenblicklich mehr als alles andere. Allein die Art und Weise, wie sie nun zu essen begann, brachte ihn fast um den Verstand. So heißhungrig und gleichzeitig bemüht, es sich nicht anmerken zu lassen. Es war ein höchst sinnliches Erlebnis, zu beobachten, wie ihre Lippen sich um die Gabel schlossen. Er wollte sie. Und zwar nicht nur als seine Angestellte Er wollte sie für sich. Mit Haut und Haar.


Schicksalstage in Monaco *Abgeschlossen*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt