Kapitel 5

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Um ein Haar hätte Lucien laut aufgelacht. Die Frau, die auf der anderen Seite seines Schreibtischs in angespannter Haltung auf dem Besucherstuhl saß, amüsierte ihn, verärgerte ihn zugleich aber auch. Und vor allem geb sie ihm Rätsel auf. In einem Moment wirkte sie wie ein unsicheres junges Ding, das nicht recht wusste, wie es sich ihm gegenüber verhalten sollte. Aber kaum, dass sie dann den Mund aufmachte, ging sie auch schon zum offenen Angriff über. Wer, zum Henker, war diese Frau? Sie war hübsch, keine Frage. Nein, mehr noch: Sie war schön, Wunderschön. Doch sobald Lucien diese Feststellung getroffen hatte, fragte er sich, ob er den Verstand verloren hatte. Oder zu einem anderen Menschen geworden war. Denn eines stand fest: Die kleine vor ihm fiel absolut nicht in sein übliches Beuteschema.

Ihr Haar war so hellblond, wie man es gewöhnlich nur bei Frauen aus dem hohen Norden sah, doch er war bereit, darauf zu wetten, dass sie es nicht künstlich bleichte. Überhaupt schien sie nicht viel davon zu halten, ihrer Schönheit mit irgendwelchen Tricks und Mittelchen auf die Sprünge zu helfen. Allerhöchstens trug sie ein sehr leichtes Make Up und - da war er sich beinahe sicher - einen Hauch von Lippenstift. Nicht, das  sie es sich nicht leisten konnte.....

An ihren Lippen blieb sein Blick einen winzigen Moment lang hängen, und er fragte sich, wie es wohl sein würde, sie zu küssen. Ein absurder Gedanken, wie ihm schon in der nächsten Sekunde klar wurde. Einmal mehr begann er, an seinem Verstand zu zweifeln. Unmerklich atmete er durch und setzte seine Betrachtung ihrer Person fort. Der Hosenanzug, den sie trug, stand ihr nicht schlecht, stammte aber ganz eindeutig von der Stange. Ebenso wie ihre Ballerinas zwar aus Leder waren, aufgrund der Verarbeitung aber sogleich als Discounterware entlavt werden konnten.Das alles schien sie aber nicht zu irritieren, denn sie blitzte ihn aus ihren funkelnden, graublauen Augen herrausfordernd an, die Laptoptasche auf ihrem Schoß fest mit beiden Händen umschlossen.

,,Für einen Mann wie mich?'' Er kniff die Augen zusammen. ,,Genauer bitte!'' Sie schluckte hörbar. Dann nickte sie, so als würde sie sich gerade im Stillen selbst Mut zusprechen. ,,Für einen Mann, der Menschen behandelt, als seien sie nichts wert'', sagte sie schließlich trotzig. Lucien unterdrückte ein Seufzen. Dieser Tag hatte es wirklich in sich. Erst diese Bewerberin eben, die weinend aus seinem Büro gestürmt war- dabei hatte er ihr doch überhaupt nichts getan, sondern sie lediglich darauf hingewiesen, dass ihr Spezialgebiet Familienrecht absolut nicht in den Bereich fiel, für den er eine Juristin benötigte. Darauf hatte sie ihm ihr Leid geklagt. Dass sie von ihrem Mann nicht nur einfach sitzen gelassen worden war, sondern dass dieser sich auch noch die gesamten Ersparnisse unter den Nagel gerissen hatte und sie jetzt dringend einen gut bezahlten Job brauchte. Da hatte Lucien abgeblockt, denn wenn er eines nicht ausstehen kann, dann war es Bettelei. Und das hatte er ihr auch, ruhig aber deutlich zu verstehen gegeben, woraufhin sie in Tränen ausgebrochen und nach draußen gerannt war. Im Grunde hätte Lucien das gleichgültig sein können. Dies hier war ein hartes Business, darüber musste sich jeder im Klaren sein. Dennoch hatte er kurzerhand beschlossen, der Frau von seiner Assistentin eine Entschuldigung und die Adresse einer Kanzlei zukommen zu lassen, die auf Familienrecht spezialisiert war und deren Partner er kannte. Denn zum einen konnte er Frauen schlecht weinen sehen, und zum anderen musste er unbedingt jegliches negative Gerede, das sein Stiefbruder Olivier gegen ihn verwenden konnte, vermeiden.

Umwillkürlich ballten sich seine Hände zu Fäusten. Immer wenn er an Olivier dachte, spürte er, wie Wut in ihm aufstieg. Wut, Hass - und Hilflosigkeit. Schnell schüttelte er die Gedanken an ihm ab. Sollte diese Bewerberin also ihr Glück woanders versuchen. Erheblich mehr Kopfzerbrechlich bereitete ihm im Augenblick die Frau, die ihm nun gegenübersaß. Offenbar hielt sie ihn auch für einen Inmenschen. Oder warum sonst führte sie sich derart auf?

,Sie denken also, ich behandle andere Menschen schlecht?'', hakte er nach. ,,Weil diese Frau vorhin aus meinem Büro gelaufen ist?'' ,,Sie lief nicht einfach nur aus Ihrem Büro,sie stürmte weinend nach draußen'', gab sie zurück. ,,Aber das meinte ich gar nicht.''

,,Sondern?''

,,Ich spreche davon, dass Sie offenbar Gefallen daran finden,meine Familie zu ruinieren.''

,,Ihre Familie?'' Er legte die Stirn in Falten. Dann war sie also tatsächlich nicht wegen der Stellenausschreibung hier. Er beugte sich zu ihr vor und blickte in die Augen. ,,Wer, zum Teufel, sind Sie überhaupt?''

Schicksalstage in Monaco *Abgeschlossen*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt