Frankreich's Küste

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Nachdem wir drei wundervolle Tage in Paris verbrachten, haben wir unsere Worte in die Tat umgesetzt und Harry's Auto verkauft. Dafür haben wir einen kleinen Van vor dem Schrottplatz gerettet, der in einem sehr guten Zustand war.

Wir haben das Hotel bezahlt und unsere Koffer gepackt. Neugierig, was uns erwarten wird, verlassen wir den Parkplatz in einem kleinen Bus. Von der ersten Sekunde an habe ich mich in unseren neuen, organgefarbenen Freund verliebt.
Der Gedanke, mit Harry für unbekannte Zeit in einem kleinen Bus die Welt zu erkunden, hört sich einfach perfekt an.

"Sag mal", frage ich ihn, "Wo hin solls denn jetzt gehen?"
"An die Küste", antwortet Harry mir mit einer sanften Stimme, die bei mir sofort Gänsehaut auslöst.
"Das Meer", flüstere ich und schaue aus dem Fenster in den Himmel hinauf. Für mich war das Meer früher immer etwas unerreichbares. Ich wusste nie, wie es sich anfühlen würde, in den Sommerferien ans Meer zu fahren und einfach mal 14 Tage nur am Strand zu liegen.
Während meinen Sommerferien war ich mal eine Woche bei Oma, dann wieder bei mir zu hause. Ich habe tausende von Büchern ausgeleiht, sie zwei- oder dreimal gelesen, und dann wieder in die Bibliothek zurückgebracht. Tausende von Filmen habe ich mir reingezogen, nur um die Zeit schneller vorbeigehen zu lassen.

"Kleines?", reisst Harry mich aus meinen Gedanken.
"Hmm?", erkunde ich mich.
"Ich hatte mir gedacht, wir könnten nun einige Zeit am Strand verbringen. Da gibt es ja manchmal diese öffentlichen Plätze, wo man kostenlos campen kann. Was hälst du davon?"
"Tolle Idee!" Ehrlich gesagt, ist es mir fast schon egal, wo Harry mich hinbringen möchte, wo wir übernachten werden oder was wir alles erleben werden. Alles was zählt ist der Mensch an meiner Seite. Er, der immer für mich da war. Er, der mich vor jedem verteidigen würde. Er, den ich fast verloren hätte, weil ein scheiss Gehirntumor ihn aus seiner Lebensbahn werfen musste.

Erst durch Harry habe ich begriffen, was es bedeutet, zu leben. Man braucht nur die Menschen um sich, die man liebt und die einem das Gefühl geben, wichtig zu sein.
Wieso verschwenden wir so viel Zeit damit, anderen Menschen gefallen zu wollen? Wieso suchen wir uns unrealistische Vorbilder und versuchen, so zu sein wie sie es sind. Weshalb den ganzen Aufwand, wenn es auf der Welt einen Menschen gibt, der genau nach deiner Persönlichkeit sucht und dich perfekt findet, so wie du bist.

Ich hätte es niemals für möglich gehalten, eines Tages einem Mann zu begegnen, der alles an mir liebt.
Harry hat es geschafft, mir meine Schönheit zu zeigen, sodass ich mich selbst mag.
Ich wünsche mir so sehr, dass jeder Mensch auf dieser Welt den einen findet. Manche eben erst nach 10 Jahren....

"Also abgemacht? Wir suchen uns ein schönes Plätzchen und verbringen einige Tage dort?", hackt Harry nochmals nach.
Ich lache und lege meine Hand an seine Wange: "Ach Harry. Mir ist es komplett unwichtig, wohin wir nun gehen, solange ich dich an meiner Seite habe."
Harry lächelt, nimmt meine Hand und küsst meinen Handrücken. "Du hast recht."

"Könntest du bitte kurz beim nächsten Briefkasten kurz halten?", bitte ich ihn.
"Wieso denn das?", möchte er wissen und runzelt die Stirn.
Ich hatte ihm bis jetzt noch nichts von meiner Idee erzählt. Umso mehr freue ich mich, ihn nun in meine Gedanken einzuweihen.

"Also", beginne ich Stolz meinen Satz. "Ich habe in Paris eine Postkarte gekauft, die ich an Oma adressiert habe und ihr zusenden werde. Ich möchte von nun an überall, wo wir hinreisen, eine Karte kaufen und Oma nach zukommen lassen."
"Das ist eine wundervolle Idee", antwortet Harry begeistert.
"Fand ich auch. Ich möchte Oma meine ganze Reise dokumentieren, jedoch ohne dass ich auch nur ein Wort auf die Karte schreiben. Oma wird nur die Karten erhalten, den Rest darf sie sich ausdenken. Oma wird es verstehen."
"Wie kommst du nur immer auf solche wundervollen Ideen?", lächelt Harry.
"Keine Ahnung." Ich zucke mit den Schultern und widme mich wieder der Aussenwelt, die an uns vorbeizieht. "Ich möchte, dass Oma ein Teil dieser Reise wird. Als wäre sie dabei."

Da von Harry keine Antwort kommt, wende ich meinen Kopf in seine Richtung und betrachte ihn. Seine Augen leuchten stärker als sonst.
"Was ist denn?", will ich wissen.
"Deine Oma bedeutet dir sehr viel, habe ich recht?"
Wieso aufs mal meine Augen bei dem Wort 'Oma' so wässrig werden, kann ich nicht sagen. Du meine Güte, ich vermisse sie so sehr. Sie war die einzige Person, die für mich da war. Nun hat Harry ihre Stelle eingenommen. Ich möchte nicht, dass Oma das Gefühl hätte, sie wäre nun nicht mehr wichtig in meinem Leben.

"Hey, Kleines", sagt Harry sanft und streicht mir übers Haar. "Du musst dir keine Vorwürfe machen. Deine Oma liebt dich und weiss, dass du sie niamals verstossen würdest."
"Kannst du Gedanken lesen?", lächle ich ihn an.
"Vielleicht", zwinkert er mir zu.

Nach einer halben Stunde entdecke ich auf der rechten Strassenseite einen Briefkasten, worauf Harry eine Vollbremse hinlegt und rechts hält. Ich steige aus unserem Bus, nehme Oma's Karte in die Hand und werfe sie in den Briefkasten.
"Gute Reise", flüstere ich.

Ich steige zurück in den Van und lehne mich zufrieden zurück. "Und nun gehen wir ans Meer."

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"Sharon, wach auf Kleines", weckt mich eine sanfte Stimme am Ohr. Gähnend öffne ich die Augen und begegne Harry's Blick, der mich liebevoll mustert.
"Bevor du etwas sagst", fährt er weiter,"schau einfach nach vorn."
Etwas verwirrt blicke ich nach vorn und erstarre. Vor mir erstreckt sich eine lange, dunkelblaue Weite: Das Meer.
"Ich liebe dich", sage ich zu Harry und presse meine Lippen auf die seinen. "Unser gemeinsamer Traum kann nun beginnen."

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