Ärger

466 14 2
                                        

"Sharon! Antworte mir gefälligst!"
Ich sitze geschockt im Auto und kriege keinen Ton mehr heraus. Mom und Dad sind zuhause. Und ich bin es nicht, da ich hier in Harry's Wagen sitze und mit ihm durch die Gegend fahre.
"Ist alles ok?", ertönt es von Harry's Seite. Ich sehe ihn an und schüttle meinen Kopf.
"Wer war das?", klingt Mom's Stimme wieder aus dem Höhrer.
"Niemand", antworte ich schnell.
"Junge Dame, du sagst mir jetzt sofort wo du bist. Jetzt!" Ihre Stimme wird immer lauter und agressiver. Ich erschaudere und weiss nicht, was ihr antworten.
Eigentlich geht sie das ja nichts an, ich bin schliesslich volljährig und noch dazu waren sie die restlichen Jahre auch nicht hier. Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: "Ich bin in Holmes Chapel."
"Wie bitte? Was hast du denn dort zu suchen?"
"Ich bin bei meinem Freund." Beim letzten Wort schiele ich zu Harry herüber, der leicht lächelt, als ich ihn so nenne.
"Freund? Du hast einen Freund? Wieso hast du uns nichts von ihm erzählt?"
"Weil es euch nie interessiert hat und ich echt keinen Grund darin sehe, euch soviel aus meinem Privatleben mitzuteilen."
"Jetzt werd mal nicht frech. Wir waren immer für dich da."
"Klar. Mal in Shanghai, mal in New York, dann wieder in Sydney. Nur kommt euch nie die Idee, mich wenigstens zu fragen, ob ich mitkommen will. Ist ja nicht so, dass ihr es euch nicht leisten könntet."
"Du hast nie danach gefragt?"
"Ach, ist das nun auch noch meine Aufgabe?!", fahre ich sie giftig an. Meine Eltern verstehen mich einfach nicht. Vorallem nicht meine Mutter.
Ob sie ahnt, dass ich bei Anne bin? Ich denke nicht.
"Ich bin enttäuscht von dir, Sharon." Wie bitte? Was ist denn jetzt in sie gefahren?
"Mom worüber bist du denn enttäuscht?"
"Dass du uns belogen hast und niemand von deiner kleinen Reise wusste."
"Oma wusste es."
"Oma?"
"Ja. Ihr vertraue ich nähmlich."
-Stille-. Ich denke, dass ich sie damit verletzt habe. Nur habe ich kein schlechtes Gewissen.
"Es wäre besser für dich, wenn du so schnell wie möglich heimkommst. Sonst kannst du deine Koffer gerne packen."
Und nach diesem Satz legt sie auf und ein grausamer Ton durchfährt meine Ohren.

"Sharon? Was war das gerade?"
Ich habe gar nicht bemerkt, wie Harry an der Strassenseite angehalten hat und mich besorgt mustert.
"Das war Mom. Sie und Dad sind wieder zuhause."
"Du meinst in Totnes?" Ich nicke nur. "Oh."
Ich werde jetzt nicht weinen, nicht schon wieder. Doch als Harry seine Hand auf die meine legt, kommt alles in mir hoch. Ich schluchze auf und lasse mich in seine Arme fallen, in denen ich mich am sichersten fühle.
"Ich denke es ist das Beste, wenn wir morgen wieder zurückfahren. Mit meiner Mom", sagt Harry.
Ich nicke und schniefe an sein Shirt. Ich bin so froh, dass ich ihn habe. Er bedeutet mir alles!
"Sie hat gesagt, dass ich ausziehen kann, wenn ich nicht wieder nach Hause komme", informiere ich ihn.
"Das wird nicht passieren", versichert er mir.

Während der Weiterfahrt ziehe ich ein Foto aus meiner Geldbörse, das ich vor zwei Jahren von meinen Elter gemacht habe. Wir haben damals meinen Geburtstag gefeiert und waren an diesem Tag alle überglücklich.
Dad trug mal keinen Anzug und Mom trug ausnahmsweise mal keinen Rock mit Bluse, sondern ein normals Shirt.
Ich lächelte das Foto an. Die beiden sahen so glücklich und sorgenlos aus. Ich vermisse sie, obwohl sie noch da sind. Es ist alles anders seit sie begonnen haben, auf Reisen zu gehen.
"Warum weinst du?" Ich blickte nach links in Harry's besorgtes Gesicht. Mir fiel erst jetzt auf, dass sich wieder Tränen den Weg über mein Gesicht nach unten bahnen. Ich war einfach viel zu nahe am Wasser gebaut.
Anstelle zu antworten, halte ich Harry das Foto hin. Er nimmt es mir aus der Hand und betrachtet es genau, währenddem er sich nebenbei auf die Strasse konzentriert.
"Sind das deine Eltern?"
"Ja. Vor zwei Jahren."
"Sie sehen glücklich aus."
"Ja, das tun sie." Ich senke meinen Kopf und versuche, kontrollierter zu atmen. Das Leben kann manchmal echt hart sein.
Harry sagt nichts mehr dazu und so fahren wir in Stille zurück.

Als Harry das Auto parkiert, steht Anne's Wagen bereits vor dem Haus. Sie ist also wieder da, ohne uns Bescheid gegeben zu haben. Auch gut.
Wir steigen aus dem Auto aus und gehen auf das Haus zu. Harry nimmt schweigend meine Hand.
Als er die Haustür öffnet, kommt uns bereits Anne entgegen, die uns beide in eine Umarmung schliesst.
"Da seid ihr ja wieder. Wo wart ihr denn?"
"Wir waren am Bach auf dem Feld."
Anne runzelt die Stirn und mustert mich. "Sharon ist alles in Ordnung?" Als Antwort schüttle ich nur den Kopf.
"Ihre Mom hat angerufen, sie und Sharon's Dad sind wieder zurück in Totnes und sind sauer, weil Sharon nicht da war. Und nun drohen sie Sharon, dass sie ihre Koffer packen kann falls sie nicht so schnell wie möglich nach Hause kommt."
Anne schüttelt den Kopf und lächelt gezwungen. "Typisch meine Schwester. Sie kann einfach nicht mit ihren Gefühlen umgehen und diese normal ausdrücken. Lieber bestraft sie."
Harry packt mich an der Tallie und zieht mich an seinen Körper, worauf er mich auf die Stirn küsst.

"Wir werden alle zusammen nach Totnes fahren. Ich möchte dieser ganzen Sache nun ein Ende setzten und endlich wieder meine Schwester und Mom sehen", verkündet Anne überzeugt. Harry sieht mich lächelnd an und ich versuche, zurück zu lächeln.
"Komm, wir packen unsere Koffer." Harry nimmt meine Hand und führt uns hoch in sein Zimmer. Ich knie mich vor meinen Koffer, währenddem ich meine restlichen Kleider wieder hinein lege. Im Badezimmer nehme ich meine Zahnbürste und lege sie ebenfalls in den Koffer.
Als ich mich umdrehe, steht Harry plötzlich vor mir. Ich sehe hoch zu ihm und lächle.
"Alles wird gut", beruhigt er mich. "Das verspreche ich dir."
"Ich danke dir. Ohne dich wäre ich verloren."
Ich stelle mich auf meine Zehenspitzen und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen, welchen er sanft erwiedert. Ich lege meine Hände an seine Brust und geniesse den Augenblick, ihm körperlich nahe zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, so viel für einen Menschen zu tun, den man gerne hat. Harry lässt alles stehen und liegen, nur um mir zu helfen.

Als er sich wieder von mir löst, streicht er mir zärtlich über die Wange und lächelt. "Ich liebe dich."
"Ich liebe dich", antworte ich zufrieden. "Hats du deine Medikamente genommen?"
Harry schlägt sich mit der Hand an die Stirn und verzieht das Gesicht. "Wollte ich gerade tun."
"Ja klar", antworte ich sarkastisch.
Während er nach unten geht, um seine Medikamente einzunehmen, ziehe ich mein Handy hervor und wähle Oma's Nummer. Ich schalte den Lautsprecher ein damit ich weiter packen kann. Nach dem dritten Ton geht sie ran.

"Sharon? Bin ich froh rufst du an. Deine Eltern waren heute mittag bei mir - nicht sehr erfreut zu sehen, dass deine drei Katzen bei mir sind und du nicht."
"Ja ich weiss, Mom hat mich vor ungefähr zwei Stunden angerufen und mich klein gemacht wie ne Ameise."
"Das tut mir leid. Was wirst du nun tun?"
"Anne, Harry und ich sind dabei, unsere Koffer zu packen."
"Ihr kommt alle?", kreischt Oma überglücklich in den Hörer.
"Ja Oma", lache ich. "Wir werden zuerst bei dir vorbeischauen bevor wir nach hause gehen."
"Oh das freut mich. Wann gehts denn los?"
"Ich denke morgen in der früh."
"Da freue ich mich aber. Ich werde einen Kuchen backen."
Ich falte gerade mein Pygama zusammen und lege es in meinen Koffer.
"Das ist nett von dir Oma. Und ich danke dir für alles."
"Wofür denn?"
"Dass du zu mir gehalten hast. Das bedeutet mir viel, dass du Harry akzeptiert hast."
"Sharon, Liebes. Harry ist ein wundervoller Mensch und ich hätte mir keinen besseren vorstellen können. Liebst du ihn?"
"Ja das tue ich. Und wie! Ich kann mir kein Leben mehr ohne ihn vorstellen. Er ist einfach perfekt."
"Das freut mich. Das sieht man auch. Na dann, es ist bereits nach 22.00 Uhr, wir sehen uns morgen mein Schatz."
"Gute Nacht Oma." Mit diesen Worten drücke ich auf den roten Knopf meines Bildschirms und atme erleichtert aus.

"Ich wusste doch, dass du mir nicht wiederstehen kannst." Ich schrecke zusammen und drehe mich um, wo ich einen grinsenden Harry vorfinde. Er lehnt lässig am Türrahmen und blickt auf mich runter.
"Hast du etwa gelauscht?", frage ich ihn und hebe eine Augenbraue.
"Lauschen kann man das ja nicht nennen. War ja nichts dabei, was ich nicht wusste oder nicht wissen dürfte." Er lächelt und kommt auf mich zu.
"Trotzdem hast du gelauscht", necke ich ihn und versuche, eine beleidigte Miene aufzusetzen.
Harry lacht und zieht mich in eine Umarmung. "Ich kann mir, nur so nebenbei, auch keine Leben ohne dich vorstellen."
"Das freut mich aber."

Ich löse mich von ihm und reibe meine Augen.
"Bist du müde", fragt er mich. Ich nicke nur und lächle ihn an.
"Komm, lass und schlafen. Morgen müssen wir viele Nerven übrig haben."
Ich gehe auf das Bett zu und lege mich hin. Ich rutsche an die Wand, um Harry platz zu machen. Dieser ruft nur noch kurz Anne runter, dass wir schlafen gehen und wünscht ihr eine gute Nacht.
Darauf folgend zieht er sich seine Hose und sein Shirt aus und legt sich neben mich ins Bett. Er zieht mich mit seinem Arm zu sich heran und ich kuschle mich an seine Brust.
"Ich habe Angst", spreche ich meine Gedanken laut aus.
"Wovor denn?"
"Dass sie uns nicht akzeptieren. Dass sie so kalt sind und uns einfach trennen wollen."
"Ich denke nicht, dass sie das tun werden. Und auch wenn, das werde ich nicht zulassen." Er küsst mich auf den Scheitel und ich atme erleichtert aus.
"Niemals würde ich das zulassen", höre ich noch leise, bevor ich friedlich in seinen Armen einschlafe.

Hey AngelGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt