....und nahm nie ein Ende...

35 9 2
                                        

Auriellé, ein Name den meine drei Tanten mir gaben, weil sie ihn auf einer Fischpackung gelesen hatten, ich wurde also nach Fisch benannt, na gut. Sie waren nicht wirklich meine Tanten, sie hatten mich adoptiert, nachdem meine Mutter gestorben war. Sie ist ertrunken, welche Ironie. Ganz im Gedanken verloren hüpfte ich über die Bachsteine. Das Wasser rauschte in meinen Ohren und weckten in mir das Abenteuer nach dem Meer und der Freiheit. Aber als Mädchen durfte ich mich ja nicht für so einen Schwachsinn interessieren. Ich musste schön zuhause Sticken und warten bis mein Verehrer, den es nie gab und geben wird, nach Hause kehrte und mich abholte. Bei den Sätzen wurde mir jetzt schon übel, ehe ich sie aussprach. Ein Glück, dass ich heute zu dem Markt durfte, um meinen Vorrat an Lebensmitteln aufzufüllen. Ich sprang und sprang und wurde von einem Ritter in das Wasser gerissen. Er ritt an mir vorbei als gebe es für ihn nichts Leichteres. Es traf mich der Schlag, als ich ins kalte Wasser fiel. Himmel Herr Gott, jetzt musste ich sicher noch eine Rechnung zahlen für die Rettung, die er verursacht hatte. Ich sank zu Boden und wurde von dem Strudel hinunter gezogen. Toll, das gleiche Schicksal wie meine Mutter. Ich hatte nicht unbedingt das Bedürfnis es ihr gleichzutun. Eine Hand ergriff mich und zog mich aus den greifenden Schlingen des Wassers. ,,Holde Maid, seid Ihr wohlauf!'', der Ritter hatte mich gerettet. Ich starrte in seine Augen. Ich versank in ihnen, sie waren so unglaublich. Ich meine... wer konnte solche Augen haben? Das war doch abnormal! Wobei mein Leben, mit drei Tanten in einem Haus und sieben Gnomen als Nachbarn, die die meiste Zeit im Steinbruch arbeiteten, ja auch nicht ganz normal war. Jedenfalls musterte er mich: ,,Ihr seid wohl ohne Ton geboren, armes Kind!'' Ich wurde wach und befreite mich aus seiner Haltung. ,,Entschuldigen Sie, aber ich bin weder Arm noch verletzt, sie sind überhaupt Schuld, dass ich mich ins Wasser begeben habe!'' Ich fischte meinen Korb aus dem Wasser und richtete mein Klird, die Schnurr war an meinem Dekolte gelöst. Verdammt. Verschämt und wütend stapfte ich aus dem Wasser, ich drehte mich zu dem Herren um: ,,Wehe ich finde auch nur eine Rechnung von den jungen Prinzenverbänden in meinem Brieffach!'' Ich ging weiter. ,,Wartet!'', rief er mir nach. ,,Was ist!'', ich klang nicht sehr damenhaft. Er war mir tatsächlich nachgelaufen. Er kniete sich vor mich hin, ein schlechtes Zeichen. ,,Euer Schuh!'', er hielt meinen Holzschuh in den Händen und wollte das ich ihn anzog. Ich ließ mich erweichen: ,,Von mir aus, wenn es Euch glücklich macht!'' Als ich ihn wieder an meinem Fuß vernahm, stand mein Ritter auf und kam mir sehr nahe: ,,Guten Tag, holde Maid!'' Im nächsten Moment war er verschwunden. Ich stand da, allein, und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, bis ich mich wieder erinnerte, wo ich eigentlich hin wollte. Während ich so ging, dachte ich nochmals über die Situation von vorhin nach. Wer war dieser Mann, ein Ritter, Flegel? Allemal. Er war undefinierbar. Nach ein paar Minuten weg, verschwanden die dunklen Bäume langsam und der Wald schien Stück für Stück immer mehr wieder zu blühen, bis ich schließlich auf einen richtigen Weg kam und mir schon die ersten Menschen entgegenkamen.
An den Saisontagen war hier immer viel los. Manchmal war der Marktplatz zu klein für die großen Menschenmengen.
Es gab hier aber auch ziemlich viele Händler. Ich steuerte sofort zu der Gemüsehändlerin und überhörte das ewige Geschrei der Händler. ,,Einmal Karotten und Kartoffeln bitte!"
Agathe drehte sich sehr erfreut um, als sie meine Stimme hörte. ,,Auriellé", sagte sie, ,,Schön dich wiederzusehen, du warst ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier!" Agathe war die beste Freundin meiner Mutter, bis sie starb, ich habe zwar keine Ahnung wo sie jetzt ist, aber ich hoffe das es ihr gut geht. Agathe beugte sich über die Theke und sagte leise: ,,Und, wie läuft es mit deiner Ausbildung, ich meine, machst du Fortschritte?" Agathe wusste von uns bescheid, das wir im Wald lebten und Zaubern konnten. Meine Mutter hatte es ihr erzählt, weil sie es nicht aushalten konnte, ihr nicht die Wahrheit anzuvertrauen. Wir waren Hexen, aber das durfte eigentlich niemand wissen. Die Menschen hatten schreckliche Angst vor uns, jagten, quälten und verbrannten uns. Da meine Tanten auch nicht gerne unter den Menschen aufhielten, was meiner Meinung nach auch gut war, denn sie waren... speziell.
Ich grinste Agahte an und nickte. „Adél hat versucht mir beizubringen, jemanden in einen Frosch zu verwandeln." flüsterte ich ihr zu und lachte dann leise in mich hinein, „Plötzlich war sie selbst Einer!"
Agahte lachte und stemmte dann ihre Hände in die Hüfte, um mich kritisch zu mustern. „Du siehst ja ganz schrecklich aus meine Liebe."
Ich nickte und sah an mir herunter. Klatschnass und verdreckt, eben eine echte Vorzeigetochter. Ich verabschiedete mich von Agahte.

Als ich vom Marktplatz ging, versuchte ich so wenig wie möglich Blickkontakt zu haben, solange mich niemand kannte, konnte niemand mich für eine Hexe halten. Die letzten Schritte, die das Dorf von dem Wald trennten, lief ich im Gebüsch. Man konnte ja nie sicher sein, wer einem folgte. Sobald ich das Gefühl hatte in Sicherheit zu sein warf ich meinem Umhang nach hinten und bog in den düsteren Wald ein. Als ich klein war, hatte ich immer Angst gehabt vor den Geräuschen des Waldes, jetzt hatte ich mich aber schon daran gewöhnt.

Im Schatten der Königin #PlatinAward2018#iceSplinters18Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt