Überfall

46 0 0
                                        

Obwohl wir eingeschlafen waren, schafften wir es noch rechtzeitig zurück ins Schloss. Um Punkt 17.58 Uhr betraten Severus und ich gemeinsam die Große Halle. Oder besser gesagt hintereinander, denn seine Kumpels durften, wie ich ja schon erwähnt habe, nicht wissen, dass zwischen uns was lief. Das hatte ich doch glatt vergessen, Severus zu fragen. Na ja, dann musste ich es halt morgen machen, wenn wir uns wiedersehen würden, denn heute gönnten wir uns mal einen ruhigen Abend. Wir mussten ja schließlich nicht ständig ein Risiko eingehen.
Severus und ich hatten uns bereits am Schultor gebührend voneinander verabschiedet. Mit einem langen Kuss, versteht sich.
„Es hat mir wirklich mehr als nur gefallen, Mimi", hatte er mir noch ins Ohr geflüstert.
„Das freut mich wirklich", hatte ich zurück gegeben.
Dann hatte ich mich umgedreht und war in Richtung Schloss davon gegangen, Severus folgte mir in einem Abstand von etwa zwanzig Metern. Muss ich denn wirklich sagen, dass das nicht mein Vorschlag gewesen war? Wenn es nämlich nach mir gegangen wäre, dann wäre ich nämlich ihm hinterher gelaufen. Wahrscheinlich wollte er mir nur auf den Arsch schauen, dieser geile Bock. Wobei, da durfte ich mich jetzt schon geehrt fühlen, oder etwa nicht? Ich meine, wenn er mir auf den Hintern starrte, dann musste er ihm auch gefallen oder etwa nicht?
Professor McGonagall nickte mir vom Lehrertisch aus freundlich zu und ich hob grüßend die Hand. Tja, ich kann eben auch mal ein braves Mädchen sein. Manchmal! So ab und zu! Ja, gut, ich bin ja schon ehrlich, sehr selten mal. Kein Grund, gleich ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Ich ließ mich am Gryffindortisch nieder und zog die Platte mit den Schweinekoteletts zu mir. Jetzt hatte ich wirklich einen Bärenhunger.
„Darf ich mich setzen", unterbrach eine Stimme meine Fressattacke. Wer wagte es?
Ich blickte auf und sah Lilly vor mir stehen. Sie wirkte ziemlich geknickt. Da fiel mir unser Streit von heute Morgen wieder ein. Oje, den hatte ich ja komplett vergessen. Aber wir mussten das klären, denn ich wollte sie als Freundin nicht verlieren. Wen hatte ich denn sonst noch? Gut, okay, ich hatte Severus, aber der zählte nicht, genauso wenig wie Sirius und seine Jungs, denn das waren alles Männer und ein Mädchen braucht eine Freundin, mit der sie über diese fremden Wesen vom Mars auch einmal lästern konnte. Das konnte man mit Männern nur, wenn diese schwul waren, aber ich bezweifelte stark, dass das einer der Fünf, mit denen ich Kontakt hatte, war. Also Severus und James definitiv nicht. Und auch Sirius und Remus fielen da raus. Blieb nur noch Peter und der war irgendwie seltsam.
„Ja klar, darfst Du Dich setzen", antwortete ich ihr daher und deutete auf den Stuhl, auf dem sie sonst immer saß. „Was soll denn die Frage?"
Lilly setzte sich und schaute mich unsicher an.
„Na ja", meinte sie. „Weil ich mich heute Morgen so daneben benommen habe. Dafür wollte ich mich bei Dir entschuldigen."
„Kein Thema, Lilly. Jeder hat mal einen schlechten Tag."
„Das wenn es nur wäre, dann..." Sie brach ab. Oje, da stimmte was nicht.
„Was ist denn los, meine Süße? Hast Du ein Problem?"
„Ja, so kann man es definitiv nennen."
„Und was ist das für ein Problem?"
„Das hat sogar einen Namen. James!"
„James?"
Ich verstand nur Bahnhof. Gestern hatten die beiden sich doch noch super verstanden. Und sie hatten immerhin die halbe Nacht irgendwo im Schloss verbracht, als sie ein Date gehabt hatten. Was war also passiert?
„Ja, genau, James, dieser blöde Vollidiot. Der braucht sich in den nächsten Tagen gar nicht mehr bei mir blicken lassen."
„Mal ganz langsam, Lilly, damit ich es auch verstehe. Was ist denn überhaupt passiert?"
„Wir haben uns gestritten."
Tja, so viel hatte ich auch schon mitbekommen. Ganz blöd war ich ja immerhin auch nicht.
„Und worüber?"
Lilly druckste herum. Das konnte jetzt entweder zwei Gründe haben. Erstens: Sie wusste es selber nicht mehr so genau. Oder zweitens: Sie wollte mir nicht sagen, warum, aus Angst, mich in irgendeiner Art und Weise zu verletzen. So ein Quatsch aber auch. Warum sollte Lilly sich davor fürchten, mir weh zu tun, es sei denn es ging um...
„Wegen Severus", bestätigte sie meine Vermutungen.
„Ihr habt euch wegen Sev gestritten?"
Wieso, warum, weshalb? Immerhin war er mein Freund und nicht mehr mit Lilly zusammen. Was hatte James also für ein Problem? Und wieso stritt sich Lilly mit ihm darüber? Ihr war Severus doch egal. Wie hatte sie es so schön gesagt: „Der kann mir mal gewaltig den Buckel runter rutschen!"
„Ja, wegen ihm", begann Lilly nun zu erzählen. Doch ich war mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob ich das auch wirklich hören wollte. „Also, zuerst lief es wirklich prima. Wir waren zuerst ein bisschen draußen spazieren und sind dann in das leere Klassenzimmer im dritten Stock gegangen um nicht von Professor Slughorn erwischt zu werden (Der hatte gestern Dienst.). Wir haben zuerst nur geknutscht, doch irgendwann wollte ich mehr. Das ist ja auch nur zu verständlich. Doch daraufhin meinte James, dass wir lieber noch warten sollten, da er mir nicht weh tun wollte (Das kannte ich doch irgendwo her. Von wegen, alle Männer wollen nur das eine!). Also habe ich ihm gesagt, dass das schon okay sei, da ich ja keine Jungfrau mehr bin. Da ist er auf einmal voll ausgerastet und hat mich doch glatt gefragt, ob ich es wirklich mit Schniefelus getrieben hätte. Getrieben, das musst Du Dir mal vorstellen. Als wären wir Karnickel."
Mir war schon ganz schlecht. Am liebsten hätte ich das alles gar nicht mehr gehört, denn es beschwor Bilder in mir herauf, an die ich gar nicht denken wollte. Mich überkam auf einmal das dringende Bedürfnis, mir die Finger in die Ohren zu stecken und laut „La la la la la laaaaa" zu sagen. Aber was wäre ich denn für eine Freundin, wenn ich das jetzt tun würde? Eine ziemlich miese würde ich sagen.
„Ich meine, wie kommt James denn überhaupt auf die Idee, dass ich noch Jungfrau bin", fuhr Lilly nun fort. „Ich habe nie etwas in der Richtung erwähnt, Mimi, das schwöre ich Dir, so wahr ich hier sitze. Außerdem weiß James doch, dass ich ein halbes Jahr mit Severus zusammen war. Das ist eine lange Zeit um es zu tun. (Gleich kotze ich auf den Tisch!) Ich meine, für wen hält er Severus denn eigentlich? Für einen, der hinter dem Mond lebt oder was? Severus ist ein Mann wie jeder andere auch und da ist es doch ganz normal, dass er auch einmal ran wollte. (UUUÄÄÄH!) Außerdem haben wir es doch nur einmal getan. (Und nochmal UUUUÄÄÄÄH!) Was ist daran so schlimm?"
Was sollte ich denn darauf jetzt sagen? Ich konnte James einfach verstehen. Bis jetzt hatte ich es einfach ausgeblendet, dass mein Freund mit meiner Freundin geschlafen hatte, doch jetzt hatte ich es wieder deutlich vor Augen. Oh mein Gott! Was sollte ich denn jetzt machen?
„Und was ist dann passiert", wollte ich deshalb schnell wissen.
Lilly sollte weiter von James erzählen. Vielleicht konnte ich so die Bilder, die jetzt in meinen Kopf erschienen, verdrängen.
„Dann hat er gemeint, dass er Zeit zum Nachdenken braucht und ist einfach so abgehauen. Er hat mich einfach sitzen lassen. Das musst Du Dir mal vorstellen! Was mir da alles hätte passieren können. Ich meine, wie würdest Du da an meiner Stelle reagiert?"
Ich hatte wirklich keine Ahnung, aber das konnte ich Lilly jetzt ja schlecht sagen. Sie erhoffte sich von mir Unterstützung, deswegen sagte ich einfach genau das, was sie von mir hören wollte:
„Wahrscheinlich genauso!"
Doch ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Ich musste ständig daran denken, dass Severus mit Lilly geschlafen hatte, mich aber ständig abblockte. Oh Mann, gerade war ich noch so gut drauf gewesen, weil sich Severus endlich einmal hatte fallen lassen und ich ihm auf eine andere Art als ein Handjob Erleichterung hatte verschaffen können. Und jetzt das. Ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf jetzt reagieren sollte. Es war auch nicht gerade förderlich für meine Stimmung, dass ich wieder einmal abgeblitzt war. Ich fühlte mich absolut dreckig, fast so wie Abschaum. Wieso hatte Severus mit Lilly schlafen wollen, mit mir aber nicht? War irgendetwas falsch an mir? Oder war es einfach nur, weil ich nicht sie war? Oh Gott, liebte er sie vielleicht immer noch? Er hatte mir zwar oft genug gesagt, dass er mich liebte, aber was war das schon? Drei kleine Worte und sagen konnte man bekanntlich viel. Aber man musste es auch einmal zeigen. Und wie ging das besser als mit Sex? Hilfe, ich weiß nicht mehr, was ich denken oder fühlen soll.
„Mimi, hörst Du mir überhaupt zu", riss mich Lilly aus meinen Gedanken.
Nein, das hatte ich nicht, denn ich war einfach zu sehr mit meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen, aber das konnte ich meiner Freundin ja wohl schlecht sagen.
„Ja, klar", antwortete ich deshalb. „Männer, alles Schweine!"
Ich hatte zwar keinen Plan ob das so passte, aber ich konnte es mir durchaus vorstellen.
„Das sage ich doch auch. Aber weißt Du, was das schlimmste ist?"
Bla, bla, bla. So ging das den ganzen Abend weiter. Und ich saß einfach nur schön da und nickte brav und gab ab und zu mal einen zustimmenden Kommentar ab. Doch zu mehr war ich einfach nicht mehr fähig.

Come fly with me loving batGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt