Ich kann nicht sagen, wie lange Professor Taylor und ich so da gesessen hatten, auf jeden Fall fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Ich lehnte mit dem Kopf an seiner Brust und ruinierte sein anthrazitfarbenes Hemd, das er zu einer blauen Jeans trug. Während ich meinen Tränen freien Lauf ließ, streichelte mir mein Lehrer beruhigend über den Kopf und über den Arm. Ich weiß, dass es sich eigentlich falsch anfühlen sollte, denn immerhin war ich hier im Büro meines Lehrers, aber das tat es nicht, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, es tat richtig gut, sich endlich einmal gehen zu lassen und jemanden zu haben, der einem aufrichtig zuhörte.
Ich erzählte Professor Taylor alles, was mir in den letzten Monaten widerfahren war und wenn ich alles sage, dann meine ich auch alles. Ich ließ nichts aus. Ich begann bei meinem Umzug aus Frankreich in dieses verregnete Land und redete, bis ich beim heutigen Tag angelangt war. Ich sprach von meiner ersten Begegnung mit Fucking Bat, sagte, wie ich Lilly dadurch kennen gelernt hatte, erklärte auch, warum ich James, Remus und den anderen beiden hinterher gelaufen war und erzählte ihm von meiner Fähigkeit, mit Hunden und Werwölfen sprechen zu können. Auch die Angriffe von Avery, Nott und Mulciber redete ich mir von meiner geschundenen Seele. Und Professor Taylor ließ mich einfach nur reden, während er zuhörte. Er machte keinerlei Kommentare, stellte keine Fragen, sondern lauschte einfach nur dem Klang meiner traurigen Stimme. Dafür war ich ihm sehr dankbar, denn ich wusste nicht, ob ich hätte weiterreden können, wenn man mich unterbrochen hätte.
Es tat wirklich gut, all diese Sachen einfach einmal raus zu lassen. Zu lange hatte ich sie in mich hinein gefressen und sie hatten mich gequält. Doch irgendwann war ich am Ende angelangt, mehr oder weniger zumindest. Die Tränen waren versiegt, vorerst, wahrscheinlich hatte ich einfach keine mehr.
„Tja und als ich dann den Vorhang zur Seite riss, da sah ich Snape und Lilly, wie sie es miteinander trieben“, endete ich und schluckte ein paar Mal heftig, weil meine Stimme weg zu brechen drohte.
Ich schwieg, denn ich wollte nicht weiter erzählen und noch eine weitere Straftat gestehen, denn ich hatte in den letzten Monaten genug davon begangen. Die ganzen Nächte, die ich nicht in meinem Bett sondern im Raum der Wünsche verbracht hatte zum Beispiel, um nur eine davon zu nennen. Doch ich war mir sicher, dass mir von Taylor keine Strafe drohen würde. Hoffte ich zumindest, aber so schätzte ich ihn auch nicht ein.
„Und dann, Marie“, unterbrach mein Lehrer meine Gedanken. „Was ist dann passiert?“
„Ich... bin weg gelaufen“, erklärte ich ihm. „Severus ist hinter mir her gerannt und da ich einfach nur von ihm weg wollte, war ich so unaufmerksam, dass ich das Loch in der Treppe übersehen habe. Ich bin natürlich genau da rein getreten, umgeknickt und die Treppe runter gefallen. So konnte mich Snape auch einholen. Er hat mich angefleht bei ihm zu bleiben. Er hat alle möglichen Tricks angewendet. Er hat versucht, mir weismachen zu wollen, dass er auch nicht weiß, was da in ihn gefahren ist und dann meinte er auch noch, dass er mich liebt. Er kennt mich gut genug um zu wissen, wie ich normalerweise darauf reagiere. Aber dieses Mal konnte ich es nicht. Ich habe mich einfach nur noch vor ihm geekelt und... keine Ahnung, das war einfach zu viel. Ich möchte ihn nie wieder sehen und nie wieder ein Wort mit ihm sprechen.“
„Das kann ich verstehen, Marie. Ich hätte wahrscheinlich auch nicht anders reagiert, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre. Aber was hast Du dann gemacht? Ich hoffe, Du hast ihm ordentlich die Meinung gesagt.“
„Das habe ich in der Tat. Ich bin quasi ausgerastet und habe ihn angeschrien. Das ist einfach mein französisches Blut. Wenn ich sauer oder verletzt bin, dann richtig und es ist mir dann auch scheißegal, ob mich dabei das ganze Schloss hört oder nicht. Aber ich habe nicht nur geschrien.“
„Was meinst Du damit?“
„Ich habe ihn geschlagen und in den Bauch getreten.“
„Was in Deiner Situation nur allzu verständlich ist.“
„Aber das ist immer noch nicht alles. Nachdem er immer noch nicht aufgegeben hatte, habe ich ihn eine widerliche Fledermaus genannt und ihm anschließend einen Schockzauber aufgehalst, damit er mich in Ruhe lässt. Dann konnte ich endlich abhauen und so bin ich Ihnen begegnet.“
„Du willst wohl sagen, Du hast mich beinahe umgerannt. Wobei es ja eher anders herum war. Schließlich bist Du auf Deinem Hintern gelandet und nicht ich. So, so, eine Fledermaus also. Ja, wenn ich recht überlege, dann hast Du sogar recht. Severus Snape kann einen wirklich daran erinnern, nicht wahr? Mit den schwarzen Haaren und Augen, den weiten, dunklen Klamotten und seiner Art. Eine wirklich passende Beschreibung auf die Du da gekommen bist. Aber meinst Du nicht, dass der Schockzauber ein wenig übertrieben war, Marie?“
„Nein, war er nicht. Ich kenne Snape zu gut. Er hätte mich nie gehen lassen. Er wäre mir überall hin gefolgt und dabei wollte ich einfach nur alleine sein um den Schmerz, den er mir zugefügt hat zu verarbeiten.“
„Ich kann Dich verstehen, aber eigentlich müsste ich Dir jetzt eine Strafe dafür aufbrummen. Du weißt genau, dass man solche Zauber nicht auf andere Schüler los lassen darf, es sein denn man befindet sich im Verteidigungsunterricht und ich als Lehrer erlaube es.“
„Ich weiß, Professor, aber trotzdem tut es mir überhaupt nicht leid.“
„Das sehe ich schon. Und weißt Du was? Ich bewundere Dich dafür, dass Du es getan hast. Nicht viele bringen es über sich, den Menschen, den sie lieben zu verhexen, auch wenn sie einem noch so sehr weh getan haben. Und dass Du es mir dann auch noch erzählst... Du bist echt mutig, Marie.“
„Danke, Sir. Und... wie sieht jetzt meine Strafe aus?“
Ich hoffte, sie würde nicht zu hart ausfallen, immerhin hatte ich in den letzten Stunden genug durchgemacht.
„Ich bestrafe Dich nicht, Marie“, meinte Taylor und lächelte mich an. Er schien die Sache genauso wie ich zu sehen. „Das, was Du erlitten hast, reicht völlig.“
„Danke“, sagte ich noch einmal und war wirklich erleichtert. Nachsitzen oder so hätte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen können. Da hätte ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und das war das letzte, was ich jetzt wollte. Vergessen, das war das, was auf meiner Prioritätenliste ganz oben stand. „Sagen Sie mal, haben Sie vielleicht ein Badezimmer oder so? Ich würde mir gerne kurz die Tränen und das andere Zeug aus dem Gesicht waschen. Ich sehe mit Sicherheit aus wie ein Pandabär der einen Allergieschock hat.“
„Natürlich, klar. Die linke Tür.“
Er zeigte an die rechte Wand, an der zwei Türen abgingen. Ich bedankte mich noch einmal und ging in das angrenzende Bad.
DU LIEST GERADE
Come fly with me loving bat
FanfictionMimi ist gerade 16 geworden, als sie mit ihren Eltern von der wunderschönen Cote d'Azur in das regnerische England zieht. Das bedeutet für sie nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch eine neue Schule. Dort kommt sie soweit auch ganz gut klar, auße...
