Der Morgen danach

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Am nächsten Morgen erwachte ich weder von Vogelgezwitscher, noch von meinem Handy. Meine Augen waren immer noch geschlossen, als mir zwei Dinge auffielen: mir war unerträglich warm und etwas Schweres lag auf mir. Nebenbei bemerkte ich auch noch leichte Kopfschmerzen, die wohl auf den vergangenen Abend zurückzuführen waren. Als ich meine Augen öffnete, entdeckte ich einen Kopf, der auf meiner Brust ruhte. Ich erkannte bereits an den Haaren, dass es Lucien war. Sein Arm lag quer über meinen Bauch, und er schien tief zu schlafen. Ich fragte mich gerade, was er in meinem Bett zu suchen hatte, als er mich näher zu sich zog und etwas im Schlaf murmelte. Ohne dass ich es wollte fing meine Haut dort, wo er mich berührte an zu prickeln. Ich hätte die Situation ausnutzen können, hätte mich wieder schlafen legen können, doch er hatte sich gestern bestimmt einfach im Zimmer geirrt. „Lucien", sagte ich und versuchte mich zu befreien. Doch als das nicht funktionierte rief ich ihn erneut bei seinem Namen. Diesmal zeigte es Wirkung, jedoch nicht die, die ich erwartet hatte. „Schrei doch nicht so Anna", murmelte er leise, während er sich weiter in meine Halsbeuge kuschelte. Shit, das war eine echt beschissene Situation. Für eine andere gehalten zu werden – unangenehm. Sich nicht befreien zu können – noch unangenehmer. Die körperliche Nähe von jemanden der dich verwechselte zu genießen – falsch. Als ich leichte Küsse an meinem Hals wahrnahm, zuckte ich erschrocken zusammen. „Lucien! Wach auf!", rief ich erneut laut und rückte endlich ein wenig von ihm ab, soweit mir das möglich war. Diesmal schlug er die Augen auf. „Warum schreist du denn so An...", fragte er verschlafen, brach den Satz aber ab. Er schien einen Moment zu erstarren, bevor er augenblicklich von mir abrückte. „Was zur Hölle?" rief Lucien überrascht aus, als er mir ins Gesicht sah. „Das könnte ich dich genauso gut fragen", sagte ich anklagend zu ihm und strampelte mir die Decke von den Beinen. Dann stand ich auf und lief zum Fenster, um endlich etwas kühle Luft ins Zimmer zu lassen. Als ich mich wieder umdrehte, war Luce bereits durch die Tür verschwunden.

Nach meiner morgendlichen Routine, plus einer Schmerztablette spazierte ich in die bereits volle Küche. Dass Grey & Co. ebenfalls im Haus geschlafen hatte, war mir wohl entfallen. „Guten Morgen", sagte ich also etwas überrascht in die Runde. Von Moe bekam ich nur ein grummeln, der war so fertig, dass er seinen Kopf auf die Theke gelegt hatte. Timm lächelte mich müde an und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Nur Grey schien ausgeschlafen und grinste mich kurz an, bevor sie einen bedeutungsvollen Blick auf ihr Handy warf. Ich schaute sie verwirrt an, bevor ich mir mein Handy aus der Hosentasche zog. „Snapchat" sagte sie noch kurz, bevor sie sich wieder ihrem Handy widmete. Wie befohlen öffnete ich die App, doch ich hatte kein Foto geschickt bekommen. Dann sah ich mir die geposteten Bilder von meinen Kontakten an. Neben einem Kerzenbild von Violett, dass nach einem romantischen Abend aussah, klickte ich auf Greys gepostete Story. Sie hatte tatsächlich den ganzen Abend über immer mal ein Bild gemacht und es gepostet, so dass es all ihre Freunde sehen konnten. Die Bilder sahen nicht schlecht aus und ich klickte mich bis kurz vorm Ende durch. Ein leichtes Lächeln hatte sich auf meine Lippen geschlichen, als ich die Bilder betrachtet hatte. Das löste sich allerdings in Luft auf, als ich das letzte Bild ansah. Es zeigte mich und Lucien, auf meinem Bett, in der komischen Position in der wir vor einer Stunde noch lagen. „Nicht dein Ernst", sagte ich murrend und hielt ihr das Bild hin. Sie zuckte nur die Achseln ohne groß aufzusehen. Eigentlich war es keine große Sache, doch irgendwas störte mich daran, dass sie ein Foto von uns gemacht hatte, statt uns zu wecken. Ich wollte darüber allerdings nicht weiter reden und beschloss, das Foto einfach zu vergessen.

Also steckte ich mein Handy weg und schenkte mir ein Glas Saft ein. Während wir alle in der Küche vor uns hinstarrten, hörte ich das Klicken der Haustür. Augenblicke später stand Max mit einer großen Tüte im Raum. Bevor ich fragen konnte was er gekauft hatte, schlug mir auch schon der Duft von frischen Brötchen entgegen. Plötzlich kam Leben in unsere kleine Gruppe. Jeder schien zu verhungern, denn keine 10 Minuten später bissen wir alle in unser erstes Brötchen. Und alle bis auf Luce lächelten mittlerweile vor sich hin. Das schien auch Timm aufgefallen zu sein: „Was ist denn mit dir Lucien? War unsere Katy letzte Nacht etwa nicht lieb zu dir?" Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, brach die Hölle los. Luce sprang auf, ich verschluckte mich und fing krampfhaft an zu husten, Max klopfte mir unbeholfen auf den Rücken und Timm bekam die bösen Blicke von Luce zu spüren. „Behaupte sowas nie wieder! Da war nichts und wird auch nie was sein. Ich hab mich lediglich im Zimmer geirrt!" Währenddessen entspannte sich mein Hustenreiz und ich konnte wieder atmen. Trotzdem hatte ich jedes seiner Worte mitbekommen. Statt mich zurück zuhalten sprang ich jetzt wütend auf. „Du tust ja gerade so als wäre ich die Pest! Was ist eigentlich mit dir los? Musst du immer so unfreundlich zu mir sein? Ich hab dir nichts getan!" Lucien wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als Timm dazwischen ging:
„Woah! Entspannt euch. Ich wusste nicht, dass das so ein heikles Thema ist." „Ist es nicht", sagten Luce und ich zur selben Zeit. Dabei starrten wir einander wütend an. Das angespannte Schweigen danach zog sich in die Länge und irgendwann fingen die anderen wieder an zu essen. Nach einer gefühlten Ewigkeit unterbrach ich unser Blickduell und biss in mein Brötchen. Verhungern wollte ich wegen diesem Arsch bestimmt nicht.

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