Dass das Training nicht spurlos an mir vorbei gegangen war, spürte ich mittlerweile deutlich und beschloss gegen die bereits schmerzenden Muskeln ein Bad zu nehmen. Als ich jedoch nach 10 Minuten im warmen Wasser vor Müdigkeit gähnte, empfand ich es doch nicht mehr als gute Idee, in der Badewanne zu liegen. Man hatte ja schon Geschichten gehört... Ich muss wohl doch für Sekunden weggewesen sein, denn ich erschrak tierisch, als die Haustür laut krachend ins Schloss fiel. Ich hörte es klappern - eindeutig Frauen Absätze - und rumpeln, als wäre etwas umgefallen. Vorbei war es mit der Ruhe, sagte ich mir schon innerlich, doch wollte ich die warme Wanne eigentlich noch nicht aufgeben. Nun kam allerdings zu dem lauter gewordenen Gerümpel auch noch eine Stimme dazu. Daraufhin beschloss mein Körper, dass es vorbei war mit der seligen Entspannung. Dumpf hörte ich ihn zu jemanden sagen "Geh du schon mal ins Zimmer. Ich komm sofort!" Jetzt erklangen die Absätze erneut, diesmal entfernten sie sich jedoch. Immer noch mit dem Gehör ganz woanders, waren es diesmal meine Augen, die die Situation zuerst erfassten. Lucien stand mitten im Raum, zu Salzsäure erstarrt, sein Blick auf mir, auf meinem nackten Körper!
Statt mich zu bedecken oder ihn anzukeifen, zwang ich mich zur Ruhe. Während er immer noch da stand und nun minder überrascht meinen Körper anstarrte, tat ich es ihm nach. Ich schaute ihn mir an - verwuschelte Haare, eindeutig die Tat einer Frau, Lippenstiftreste am Hals, halb aufgeknöpftes Hemd - das hier war ein anderer Lucien als der kühle abweisende Mann, den ich kennen gelernt hatte. Unwillkürlich stellte ich es mir vor: Wie es wäre, wenn ich mit meinen Händen durch seine Haare fahren würde, wie es sich anfühlen würde von seinen Fingern gestreichelt zu werden, wie es sein könnte wenn....STOP! Jetzt komm mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück! Dieser Mann ist ein absolutes No-Go Terrain. Außerdem wartet da bereits eine Frau in seinem Zimmer! Wie armselig bist du eigentlich... Schallte mir meine "innere Stimme" auch schon entgegen. Zum ersten Mal war ich froh diese Stimme zu hören.
Ich riss meinen Blick von ihm los und schaute stur die Tür an. "Hast du genug gegafft? Kannst du jetzt gehen?!"sagte ich mit unterdrückter Wut, auch wenn ich nicht so genau wusste, weshalb ich wütend war.
Ohne ein weiteres Wort - seine arrogante Schlagfertigkeit hatte er anscheinend verschluckt - ging er hinaus. Erst aber als die Tür ins Schloss gezogen wurde, verließ mich die angestaute Anspannung. Ich ließ meinen Kopf in die Hände fallen und schüttelte mich kurz. Statt einmal normal zu reagieren - schreien, fluchen oder mich wenigstens bedecken- musste ich ihn ungeniert anstarren. Was war bloß falsch in meinem Kopf?! Ich musste unbedingt mit Violett sprechen - ein Mädels Tag wäre wohl genau das Richtige.
Mit einem kurzen Anruf aus der Badewanne heraus, hatte ich mich bei ihr zum Filme gucken und quatschen angemeldet. Nun musste ich nur noch den Weg zu meinem Zimmer überstehen, ohne an Ohrenkrebs zu sterben. Mittlerweile hatte sich das Stöhnen in unserem hellhörigem Bungalow breit gemacht. So sprintete ich also, nur mit einem Handtuch bekleidet aus dem Bad. Einen kurzen Abstecher in die Küche, um Schokolade zu holen, konnte ich mir allerdings nicht verkneifen. So stand ich also wenige Augenblicke später, mit nassen Haaren und lediglich in einem Handtuch gehüllt vor dem Vorratsschrank. Ein lauter Schrei, der aus meiner unmittelbaren Nähe stammte, ließ mich zusammenzucken. Natürlich drehte ich mich um - was ich eindeutig nicht hätte tun sollen. Da stand er - Lucien - und vögelte eine Frau auf unserer Küchenanrichte. Dass die beiden mich noch nicht bemerkt hatten und es anscheinend ein Aufschrei der Entzückung war, dämmerte mir nur langsam. Blind schnappte ich mir das erstbeste Päckchen aus dem Schrank und wollte den Raum fluchtartig verlassen, doch etwas hielt mich davon ab. Lucien stand mir zugewandt und ich fixierte sein Gesicht. Seine Lippen waren leicht geöffnet, seine Augen geschlossen und alles in allem sah dieser Mann selbst beim Sex göttlich aus. Ich konnte mich nicht davon abhalten, meinen Blick runter gleiten zu lassen. Blondchen saß allerdings direkt vor ihm und so blieb mir nur seine tätowierte Schulter. Ich sollte mich eigentlich endlich aus dem Staub machen, doch diese Szene fesselte mich viel zu sehr. Während mein Kopf alle möglichen, peinlichen Situationen abspielte, trat ich wohl unbewusst ein paar Schritte Richtung Tür, denn Luciens Kopf fuhr ruckartig hoch. Sein Blick schoss sofort zu mir und er schien mich förmlich zu durchbohren. Natürlich verfiel ich in eine Schockstarre und blieb stehen. Urgh wie unangenehm! Gerade als ich mich peinlich berührt abwenden wollte, bildete sich ein überhebliches Grinsen auf seinem Gesicht. Dieser arrogante Arsch dachte, ich stand hier extra rum um ihn beim Sex zu beobachten. Dass ich gerade tatsächlich gestarrt hatte, versuchte ich geflissentlich zu ignorieren, als sich ein Plan in meinem Kopf bildete. Leise, um Blondchen nicht jetzt schon auf mich aufmerksam zu machen, schlich ich zu Tür. Erst da angekommen schaute ich Lucien wieder an - diesmal bildete sich allerdings auf meinen Lippen ein gemeines Grinsen. Als er fragend eine Augenbraue hochzog, ging ich, immer noch leise, aus der Küche. Augenblicke später stürmte ich mit schnellen Schritten wieder hinein und schrie dann überrascht auf. "Oh fuck, das tut mir ja sooo leid...", sagte ich gespielt schockiert. Blondchen - und darauf hatte ich spekuliert, fuhr herum und rutschte danach von der Theke. Statt mich nun allerdings anzukeifen, da ich ihr Schäferstündchen unterbrochen hatte, lief sie knallrot an und drehte sich - wahrscheinlich um ihre Brüste zu verdecken - zu Lucien um. Dieser starrte mich unentwegt an. Mit einem letzten zufriedenen Lächeln, schaute ich ihn in die Augen - dass diese vor unterdrückter Wut überkochten - ignorierte ich einfach. Mit zügigen Schritten lief ich nun in mein Zimmer und schloss erleichtert die Tür. Könnten Blicke töten, wäre ich nun hinterrücks erstochen worden - mehrmals.
Als ich eine Stunde später mein Zimmer wieder verließ, schien der Bungalow leer. Wesentlich entspannter, nun, da keine Konfrontation mit Lucien auf dem Plan stand, verließ ich das Haus.
Violett - ich komme!
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A lovely Nightmare
Literatura KobiecaSeit knapp vier Jahren besteht Ava's Leben aus Konzerten, Groupies und ihrer Musik. Doch als sie sich der Schattenseite dieses Lebens nicht mehr entziehen kann, verlässt sie die Band. In London versucht die mittlerweile 21 Jährige ein normales Lebe...
