Der Höllenbus

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Es war laut. Es war stickig. Es war beklemmend. Wir fuhren erst seit 2 Stunden und ich war bereits total genervt. Irgendwelche Proleten fanden es schlau Alkohol in den Bus zu schmuggeln, leider saß einer eben dieser Proleten genau hinter mir. Dadurch roch es nach Bier und gerade leise war es auch nicht. Weder Grey, Tim noch Moe konnten mein Leid mit mir teilen. Sie saßen verstreut im Bus. Nur Lucien hatte es genau neben mich verschlagen, der Gang trennte uns. Da mein Blick gerade am Gang hängen blieb, fiel mir auch die Bierdose auf, die ihre Reise nach vorne angetreten hatte. Kopfschüttelnd wand ich mich zum Fenster. Neben mir saß ein Mädchen mit blonden Locken, das ebenfalls aus dem Fenster schaute. Eine Weile verging und ich döste vor mich hin, als mich etwas Spitzes in die Seite pikste. Ich drehte meinen Kopf nach rechts und blickte Luce ins Gesicht. Ich schaute ihn einfach nur an, auch er schien mich einfach nur anzusehen. Ungeniert beobachteten wir uns und mir fiel der kleine Tunnel in seinem Ohr auf. Außerdem hatte er unglaublich reine Haut. Als ich seinen Hals ansah, entdeckte ich einen Knutschfleck. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen und unsere Blicke trafen sich erneut. Er grinste zurück. Dann wanden wir uns wieder beide nach vorne um. Ich wusste nicht, was das gerade zu bedeuten hatte, aber ich glaube wir hatten uns gerade stillschweigend vertragen. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen während die Landschaft an uns vorbeizog. Nach einer Weile steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und genoss den Sound von You me at six, während ich weiter aus dem Fenster schaute.

Vier Stunden und mehrere Playlists später steckte ich die Kopfhörer wieder weg. Ich war total müde und erschöpft und meine Laune sank auf den Gefrierpunkt, genau wie es den Temperaturen draußen erging. Der Bus fuhr gerade auf einen Rastplatz mit Tankstelle und ich war mehr als froh darüber, denn meine Blase machte sich bemerkbar. Da es mir zu umständlich war, meine dicke Jacke aus dem Gepäckfach zu zwängen, trat ich nur bewaffnet mit meinem Schal nach draußen. Als die Massen den Bus verlassen hatten, entdeckte ich endlich Grey. Prompt lief ich zu ihr und zog sie mit mir Richtung Tankgebäude. „Ich hasse Busfahrten", sagte sie auch sogleich und schaute mich mit noch finsterer Miene an, als meine vermutlich aussah. „Kannst du laut sagen. Wie sollen wir das noch 20 Stunden aushalten?" Grey stöhnte auf, als sie die Zahl 20 hörte und sagte nichts mehr. So schwiegen wir die meiste Zeit während der 20 Minütigen Pause. Mit leerer Blase gingen wir nun wieder auf den Bus des Grauens zu. „Ich will schlafen", sagte ich völlig fertig zu Grey, während wir in der Kälte auf den Rest warteten. „Ich auch! Aber in diesem Bus kann ich das einfach nicht!" Mit einem geflüsterten „Geht mir genauso", war unsere Unterhaltung auch schon wieder beendet. Moe und Tim kamen auf uns zu und grinsten breit. „Wollt ihr auch was?" fragte Timm auch sofort, als sie neben uns stehen blieben. „Was?", fragte ich völlig verplant und Grey lachte kurz. „Wir haben ein bisschen Gras dabei. Bevor die anderen kommen, können wir noch einen Rauchen!", sagte Moe ganz aufgeregt. Mein erster Impuls war es „Ja" zu sagen, doch ich war bereits so müde, dass es keine gute Idee war, eine beruhigende Droge zu mir zu nehmen. Auch Grey schien zu diesem Entschluss gekommen zu sein. „Ne Jungs, zu müde." Auch ich gab noch meinen Senf dazu: „Jap. Aber lasst uns was für später übrig!" Es erschien mir als würden sie, etwas geknickt, hinter den Bus verschwinden. Luce trat als nächster zu uns, andere fanden sich auch langsam am Bus ein. Mir war so kalt, dass ich bereits zitterte. Grey nahm meine Hand in ihre und ich lächelte sie kurz an. Sie war so schlau gewesen, sich ihren Wintermantel anzuziehen. Plötzlich legte Lucien seinen Arm um meine Schultern. Ich sah zu ihm hoch, doch er schaute in die Ferne. Eine kalte Brise wehte mir ins Gesicht und meine Zähne schlugen aufeinander. Ein Ruck ging durch Luciens Körper und plötzlich befand sich mein Kopf an seiner Brust. Luciens Pullover an meiner Wange fühlte sich weich an. Die Wärme seines Körpers, an den er mich drückte, ging langsam in mich über. Sein Arm, der um meine Schultern lag, schütze meinen Nacken vor dem kalten Wind. Grey hielt noch immer meine Hand. Es musste von außen betrachtet verdammt komisch aussehen. Ich war so überrascht von Luciens Geste, dass ich erstmal steif stehen blieb. Dann legte ich jedoch den Arm, der an meiner Seite baumelte auf seine Brust und grub ihn in seinen Pullover. Er roch unglaublich gut und ich schloss kurz meine Augen. Niemand sagte etwas und so standen wir da, mitten im Nirgendwo und warteten auf den Busfahrer. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte dieser gleichzeitig mit Moe und Timm auf. Als die Türen aufgingen waren wir die ersten, die reinstürmten. Enttäuscht kämpfte ich mich durch den Gang, der Bus war vollkommen ausgekühlt und nicht viel wärmer als draußen. Luce ging vor mir und blieb vor seinem Platz stehen. Kurz schien es als würde er sich setzen doch dann schaute er mich an und sagte: „Setzt du dich neben mich?" Vollkommen überrascht schaute ich ihn an und blieb wo ich war - nämlich mitten im Gang - stehen. Mit: „Ey! Geh mal weiter, Mädchen!", wurde ich aus meiner Starre gerissen. Ohne ihn anzusehen setze ich mich an den Fensterplatz. Luce setze sich neben mich. „Danke. Der Kerl der vorher neben mir saß roch nach Zwiebeln. Das hätte ich die nächsten 20 Stunden nicht ausgehalten" sagte Lucien mir zugewandt. Ich verdrehte die Augen und lächelte ihn Matt an. Er runzelte die Stirn und sagte: „Bist du immer noch sauer auf mich?" Verwirrt, wie er darauf kam zog ich fragend meine Augenbraue hoch. „Du guckst so...emotionslos, wenn man das so sagen kann", erklärte er mir daraufhin besorgt. Ich schloss kurz die Augen und flüsterte dann: „Ich bin einfach nur so unglaublich müde, Lucien." Nun schaute er mich verwirrt an. „Dann Schlaf doch einfach?" „Ich kann nicht. Nicht hier", flüsterte ich wieder und rieb mir über die Augen. Ich war echt froh, dass ich ungeschminkt war. „Aber..." bevor er den Satz beenden konnte unterbrach ich ihn: „Ich kann es dir nicht erklären. Ich kann in sich bewegenden Objekten nicht schlafen, ganz einfach." Wir schwiegen und ich wollte mich gerade ans Fenster wenden, als er sagte: „Dann lass uns ein Spiel spielen. Ich stelle dir eine Frage und dann du mir. Keine Gegenfragen!" Eigentlich war ich viel zu müde dafür, doch es versprach Ablenkung und so nickte ich ihm zu. Seine erste Frage: „Hast du Geschwister?" konnte ich mit einem kurzen Kopfschütteln verneinen. „Bist du religiös?" Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Nein. Zumindest nicht wirklich." Ich hätte gerne nachgefragt, doch er stellte mir bereits die nächste Frage: „Wann hast du Geburtstag?" „18.08.1996", flüsterte ich. Mir fiel es immer schwerer meine Augen offen zu halten. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Kopf zur Seite, auf seine Schulter kippte. Kurz wurde er ganz starr, doch dann schien er sich wieder zu entspannen. Er legte seinen Arm um mich und mein Kopf rutschte auf seine Brust. Das letzte was ich mitbekam, war seine Hand in meinen Haaren. Dann schlief ich, zum ersten Mal in meinem Leben, in einem sich bewegendem Objekt ein.

Als kleiner, persönlicher Tipp wenn ihr gerne Rock hört, You me at six macht echt richtig tolle Musik! :) Und bitte ein Sternchen bei dem Kapitel da lassen, danke!

A lovely NightmareWo Geschichten leben. Entdecke jetzt