Erneut bahnte sich ein Tropfen seinen Weg zwischen meinen Brüsten entlang. Ich spürte das deswegen so genau, weil ich mittlerweile seit 15 Minuten am Barren hing. Mein Atem ging flach und um meinen Kopf beschäftigt zu halten, fiel mir nichts anderes ein, als die Schweißtropfen auf meiner Haut zu zählen. Nach weiteren 10 Minuten machte sich das bekannte Zittern in meinem Körper breit und das Zählen wurde zur unmöglichen Aufgabe. Die letzten Minuten waren unerträglich und ich musste mich zusammen reißen, nicht aufzugeben. Als Jay mir dann endlich das Zeichen gab, dass die Zeit um war, ließ ich mich auf die Matte unter mir fallen. Mit ausgestreckten Gliedern, erlaubte ich mir eine kleine Verschnaufpause, bis Jay vor mir stehen blieb und mit hochgezogener Augenbraue auf mich herab schaute. "Das reicht, liegen kannst du nachher, in deinem Bett. Jetzt will ich erstmal sehen, was du drauf hast", sagte er grimmig und ging ein paar Schritte zurück. Nachdem ich mich wieder aufgerichtet hatte, fragte er mich: "Was bevorzugst du? Einen einfach Bo oder eine Axt?" Bevor er diese Frage gestellt hatte, waren mir die wunderschönen Kindschal, russische Dolche, natürlich schon aufgefallen, die dort an der Wand hingen. Das wollte ich allerdings nicht preisgeben. "Eigentlich bevorzuge ich eher ein Katana für den Nahkampf", sagte ich lächelnd und begutachtete die japanischen Langschwerter an der Wand. Schnaubend griff er sich einen Bo-Stab von der Wand und schmiss ihn mir zu. Weshalb fragte er mich dann überhaupt?! Ich stellte mich in die Ausgangsposition und schaute ihn erwartungsvoll an. Er selbst spielte mit dem Kindschal in seiner rechten Hand, indem er ihn in die Luft warf und wieder auffing.
Anfänger sagte ich in Gedanken grinsend und machte mich bereit. Meinen Holzstab locker in der linken Hand, wartete ich auf seinen Angriff. Der ließ gar nicht lange auf sich warten, denn plötzlich spannte er sich an, sprang nach vorne und versuchte mich mit der Übungsklinge am Bauch zu treffen. Gelangweilt ließ ich den Bo in meiner Hand einmal kreisen und drehte mich dann um die eigene Achse während ich seinen Dolch parierte. Mit gerunzelter Stirn ging er einen Schritt zurück um dann erneut innerhalb weniger Sekunden, den nächsten Angriff auszuführen. Völlig unbeeindruckt wehrte ich diesen erneut ab und wippte anschließend auf meinen Zehen - um ihm deutlich zu zeigen, dass ich mich langweilte. Jay zog die Augenbrauen zusammen und zog sich zurück, um sich eine neue Taktik zu überlegen. Während er also da stand und über sonst was nachdachte, begutachtete ich ihn genauer und seufzte innerlich auf. Gab es in dieser verdammten Stadt nicht einen Kerl, der mal durchschnittlich gut aussah? Mussten alle so schön sein wie dieses Exemplar - oder das bei mir Zuhause?! Während ich weiter darüber philosophierte, weshalb hier wieder so ein hübscher Mann vor mir stand, machte sich Jay bereit. Diesmal war ich abgelenkt, bemerkte seinen Angriff allerdings noch rechtzeitig. Ich duckte mich reflexartig, machte eine Drehung mit Schwung und zog ihm damit die Füße weg. Das klatschende Geräusch, als er wie ein gefallender Baum auf der Matte aufschlug, hallte im ganzen Raum wieder. Wenige Augenblicke später kam eine blonde Frau herein und rief dabei: "Du sollst die Neuen doch nicht immer so hart dran..." Sie unterbrach sich selbst, als sie die Situation genauer erfasste. Ihre Arme, die bis eben noch auf ihre Hüfte gestemmt waren, fielen herab und die Augen weiteten sich. Ich schaute zu Jay hinunter, der sich mittlerweile aufsetzte und die Dolche neben sich legte. Das nahm ich zum Anlass die Stunde zu beenden. "Nächstes Mal solltest du vorher überlegen, mit wem du die Anfängernummer abziehst. Wir sehen uns dann nächste Woche!", sagte ich noch an Jay gewandt bevor ich den Bo an die Wand hing und mit schnellen Schritten den Raum verließ.
Anstatt mich in den dafür zugewiesenen Räumen umzuziehen, schnappte ich mir lediglich meine Tasche und kramte nach dem Autoschlüssel. Nichts wie weg aus dieser unangenehmen Situation, die ich mir irgendwie selbst eingebrockt hatte. Als ich heute, nach der Campustour, im Fitness-Studio ankam und bemerkte, dass es auch einen abgeschiedenen Kampfkunst-Bereich gab, konnte ich nicht widerstehen. Ich hatte seit mehreren Monaten nicht mehr wirklich trainiert, da hatte es mich einfach in den Fingern gejuckt. Das ich gut war, ist kein Wunder, denn ich praktiziere schon seit klein auf. Mit 6 Jahren hatte ich angefangen mit Kinder-Pilates. Das hatte mir nicht wirklich viele Freunde eingebracht, denn Pilates ist nun mal nicht Reiten oder Ballett. Doch davon ließ ich mich nicht entmutigen. Meine erste Tat als 9-Jährige war es, meine Mom zu bitten, mich beim Karatekurs anzumelden. Ab diesem Zeitpunkt war ich hoffnungslos und unwiderruflich in den Kampfsport verliebt. Jahre voller blauer Flecken, geprellten Rippen und schlussendlich auch gebrochenem linken Fuß folgten. Von da an, bis zu meinem 16. Geburtstag, hatte ich meiner schwarzen Gürtel in Karate, Ninjitzu, Kraf-Maga & jeden erdenklichen Kampfkunst-Waffenschein der Welt erhalten. Aus gutem Grund hatte ich die Wettbewerbe allerdings vermieden, denn ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich mochte es, dass diese Seite von mir nur meine Eltern & Nev kannten. Würde wir in einer längst vergangenen Zeit leben, wäre ich voller Herzblut Assassine geworden.
Tief in Gedanken versunken lief ich fast an meinem Auto vorbei, stoppte dann aber abrupt. Da hing eindeutig ein Zettel unter meinem Scheibenwischer, der vorher nicht dagewesen war. Ich ahnte bereits was es war, als mir erst jetzt der Parkscheinautomat ins Auge fiel. Fuck!
Schnell schnappte ich mir das Knöllchen und stieg in den Wagen. "Sehr geehrter Halter...bla bla...Ordnungsgeld...Verwarnung...bla bla...innerhalb 10 Tage....Post...Überweisung...bla" Es war also offiziell, ich hatte soeben mein erstes Knöllchen erhalten. Genervt setzte ich den Blinker und fuhr los.
Hey Leute,
ich hoffe bisher gefällt euch die Geschichte. Ich würde euch gerne bitten, sofern die Kapitel euch bisher gefallen haben, dafür zu voten. (Sternchen anklicken) Das würde mich sehr freuen und auch immens weiterhelfen.
Danke & bis bald! :)
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A lovely Nightmare
أدب نسائيSeit knapp vier Jahren besteht Ava's Leben aus Konzerten, Groupies und ihrer Musik. Doch als sie sich der Schattenseite dieses Lebens nicht mehr entziehen kann, verlässt sie die Band. In London versucht die mittlerweile 21 Jährige ein normales Lebe...
