Edinburgh - Sieg oder Niederlage

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Ich hatte Shelly's Erklärung nicht ganz folgen können, da ich von dem Süßigkeiten Laden abgelenkt war, vor dem wir stehen geblieben sind. Die Auslage sah köstlich aus und meine Gedanken kreisten um die goldenen Caramel-Fudge. Mit einem kurzen Seitenblick auf meine Gruppe, die immer noch zu diskutieren schien, ging ich mit zügigen Schritten in den Laden. Eine fröhlich klingende Glocke und das Lächeln eines älteren Herrn begrüßten mich. Der Laden war klein und mit zahlreichen Glasdosen und Boxen überseht. Ich sah auch viele Spiegel und altes, dunkles Holz. „Sie haben aber lange gebraucht um sich zu entscheiden, Miss." Ich lächelte verlegen, da er meinen inneren Konflikt durchs Schaufenster beobachtet hatte. „Seien Sie nicht schüchtern, es gibt heutzutage wenige Menschen, die mich hier drinnen noch besuchen. Die meisten gehen lieber in den Supermarkt drei Straßen weiter." Überrascht über seine Redseligkeit, riss ich meine Augen auf. „Aber wie können Sie den Laden denn noch halten?" Mit einem milden Lächeln beantwortete er meine neugierige Frage. „Der Laden ist schon seit einem Jahrzehnt in der Familie Brown, betrachten Sie es einfach als mein Hobby. Und jetzt sagen Sie mir, womit kann ich Ihnen eine Freude bereiten?" Erneut lächelte ich, dieser alte Herr war echt total nett. „Die Fudges mit Caramelgeschmack, bitte!"

Als ich nach dem Kauf den Laden wieder verließ, war meine Gruppe ein streitender Haufen Individuen. „Leute, wenn ihr weiter streitet und wir hier stehen bleiben, werden wir nie ans Ziel kommen", sagte ich laut und unterbrach damit alle in ihrer Argumentation. Genüsslich schob ich mir eine der eben erworbenen Köstlichkeiten in den Mund. Nach einer kurzen Stille, sagte zu meiner Überraschung Shelly: „Sie hat recht." Keine 10 Minuten später waren wir am nächsten Hinweis und diesmal wusste Holger die Antwort und versuchte sie uns mittels Händen und Füßen halbwegs verständlich zu erklären. Irgendwie fanden wir heraus, dass wir erneut in eine bekannte Straße mussten um dort das finale Rätsel zu erhalten.

Eine halbe Stunde und einige Schwierigkeiten später hatten wir das kniffelige Rätsel dann auch gelöst.

Wir waren nicht die ersten am Ziel und Shelly verfluchte uns dafür. Ich verlor ebenfalls ungern, doch mit diesen Gruppenmitgliedern hatte ich nicht mehr erwartet. Timms Gruppe und eine weitere waren bereits vor Ort und uns wurde mitgeteilt, dass nur noch ein Team fehlte. Während wir also warteten, dass Greys Gruppe zurückkam, sprach ich mit Timm und Moe über die kommenden ersten Uni Tage. So erfuhr ich auch, dass Moe Architektur und im Nebenfach Deutsch studieren würde und Timm englischer Tourismus mit Schwerpunkt Eventmanagement. „Was ist denn bitte unter englischem Tourismus zu verstehen?", fragte Moe bevor ich die Frage selbst stellen konnte. „Eigentlich bezieht sich das nur auf den sprachlichen Fokus meines Studiengangs. So hab ich keine zweite Fremdsprache wie ihr Freaks, sondern bleibe beim guten, alten Englisch. Außerdem gibt es bestimmte Wahlkurse wie „Tourismus in England" oder „Wieso jeder Tourist Englisch sprechen sollte". Moe zog eine Augenbraue hoch, bevor er erneut das Wort ergriff: „Also bist du gar kein Sprach-Student und dürftest gar nicht hier sein?" Timm grinste schelmisch als er antwortete: „Ich bin offiziell hier, zwar nur weil mein Studiengang den Namen „Englisch" trägt, aber was soll's!" Moe schüttelte belustigt den Kopf und murmelte in seinen nicht vorhandenen Bart: „Und dafür werden unsere Steuergelder verwendet..." Immer noch grinsend nickte Timm und lachte kurz, als er Moes gemurmelte Worte hörte. „Warum hast du dich für diesen Studiengang entschieden?", fragte ich interessiert nach und erhielt auch prompt eine Antwort: „Ich reise gerne und würde das später auch in meinen Beruf integrieren wollen. Als Reisebegleitung oder Tourismus Manager kann man das", sagte Timm mit glänzenden Augen. Als sich unsere Blicke kreuzten wurde das Lächeln, das sich während seiner Antwort auf meinem Gesicht gebildet hatte, breiter. Seine blauen Augen hefteten sich kurz auf meine Lippen, bevor er zusammen zuckte. Shelly hatte sich unserer kleinen Truppe genähert und hatte augenscheinlich ihre Nägel über Timms Nacken fahren lassen. „Du bist Timm, oder?", fragte sie nun kokett lächelnd und stellte sich zu uns. Sein Blick fuhr über ihr Gesicht, dann weiter runter. Ich beobachtete die Jungs still, denn auch Moe stand plötzlich kerzengerade und schaute Schneewitchen interessiert an. „Ja, der bin ich", sagte Timm für meinen Geschmack etwas zu Stolz. „Und du bist?", setzte Moe hinterher. Shelly warf Moe einen kurzen Blick zu, der wider erwartend nicht bösartig war. „Shelly", erwiderte sie, fast schnurrend. Innerlich bekam ich einen leichten Kotzreiz bei ihrer offensichtlichen Flirterei. „Ich schmeiße am Wochenende eine kleine Party und würde euch gerne dabei haben", sagte sie und überraschender Weise schloss ihr Blick mich mit ein. Während die Jungs begeistert zusagten und nach der Adresse fragten, lächelte Shelly mich an. Plötzlich wurde ihr Lächeln süßlich und ein hinterhältiger Tonfall schlich sich in ihre Stimme als sie sagte: „Lädst du Lucien und seine Freundin für mich ein? Ich habe keine Lust mehr hier zu warten und möchte schon zum Bus gehen." Ich wollte gerade etwas erwidern, doch mein Kopf setzte plötzlich eigenständig Puzzelteile zu einem Bild zusammensetzten. Die junge Frau, die mich argwöhnisch beäugt hatte, als ich die WG-Besichtigung hatte, Lucien wie er ihren Namen flüsterte, als er aus versehen neben mir schlief, das untypische Verhalten von Blondchen in der Küche, Lucien, der mich erst küssen wollte und es dann doch nicht tat. Lucien hatte eine Freundin. Doch bevor ich mich an diesen Gedanken aufhängen konnte, lächelte ich Shelly freudestrahlend an. „Natürlich Süße, das mach ich doch gerne!" Meine falsche Freundlichkeit schien mir jeder abzunehmen. Die kurze Irritation in ihrem Blick, schien nur mir aufzufallen, dann lächelte sie. Kurz streifte sie noch Timms Arm, bevor sie uns wieder verließ. Mein Lächeln verschwand augenblicklich und ich versank in meinen Gedanken. Dabei sollte es mich nicht mal interessieren, dass dieser arrogante Arsch eine Freundin hatte, denn es machte keinen Unterschied. Die sexuelle Spannung, die offensichtlich manchmal zwischen uns entstand, würden wir einfach weiter ignorieren. Trotzdem sagte mir eine leise Stimme, dass es mir nicht ganz so egal war, wie ich mir versuchte einzureden. Augenscheinlich schien dieses Thema aber nicht nur mich zu Interessieren, denn Moe fragte irritiert in die Runde: "Lucien hat ne Freundin?" Dabei hatte er eine Augenbraue angehoben. Auch Timm wirkte nicht ganz überzeugt von dieser Tatsache, sagte jedoch nichts. Um das Thema zu wechseln, stellte ich mich zwischen die Jungs und fragte grinsend, ob sie das Weed noch übrig hatten.

Wart ihr schon mal in Edinburgh? Wie haben euch die Kapitel außerhalb von London gefallen? :)

A lovely NightmareWo Geschichten leben. Entdecke jetzt