Nun bin ich schon etwas über zwei Monate hier. Das Band an meinen Arm erinnert mich daran das ich nicht vollwertig bin. Ich bin stumm. Die Menschen stört das nicht. Waffen haben nicht zu reden. Doch mich stört etwas. Grade. Genau in diesem Moment. Es ist Mittwoch früh. Heute ist der 29. Juni. Alles war wie immer. Eine Durchsage erklang. Alle sollten sich dort, dem Hauptgebäude versammeln. Nun stehe ich hier. Links und rechts, Fremde. Ein Meer von Eyes umgibt mich. Kein bekanntes Gesicht. Nur im Horizont sieht man das Hauptgebäude. Ein großer Bildschirm, auf dem ich klein Anna Spin hinter einem Mann entdecken kann. Der Mann stellt sich an ein Mikrophon. „Sehr geehrte Eyes.“ erklingt eine Stimme aus allen Richtungen, laut und deutlich. Der Mund der Person auf dem Bildschirm bewegt sich. „Ich habe schlechte Nachrichten.“ fährt er fort. Ein Schauer läuft über meinen Rücken, eine Gänsehaut breitet sich über meine Haut aus. Mein Herz schlägt schneller. Pure Angst beginnt rasend schnell durch meine Adern zu fließen. „Ich will nicht drum herum reden... Es gibt Probleme. An der Oberfläche spitzt sich die Situation immer weiter zu. Wir hoffen sehr, dass ihr uns in dieser langen und harten Zeit des Krieges weiter beiseite stehen werdet... So bitten wir alle Soldaten, die wir auserwählt haben, sich bereit zu erklären als Unterstützung an die Oberfläche zugehen.“ wieso tut dieser Mann so, wie als hätten wir eine Wahl? Wir müssen doch alles tun was sie sagen. Wir sind die Minderwertigen. Der Mann beginnt die Personen der Einheit vor zu lesen, welche nach oben geschickt werden. Meine Einheit ist es nicht. Roses auch nicht. Gott sei dank. Auch Artus Hachmann und seine Gruppe bleibt heute verschont. Denkt nicht das sei die erste Versammlung. Ich bin nun, noch nicht ganz, zwei Monate hier. Vor zwei Wochen fing das alles an. Alle vier Tage wird eine Einheit eingezogen, also vier Gruppen. Bei der ersten Versammlung wurden sogar drei Einheiten eingezogen. Niemand ist bis jetzt zurück gekehrt. Was wirklich los ist weiß niemand. „So was gibt es immer wieder.“ hatte Sarwig Fels versucht mich zu beruhigen. Vergebens. Es kann doch nicht normal sein, das so viele von uns gehen und einfach nicht wiederkommen! Geduld, vielleicht muss ich einfach Geduld haben. Es ist erst seit zwei Wochen so. Wir werden sicher nicht gehen müssen. Nicht in der nächsten Zeit. Wir sind noch nicht lange vollständig. Wir sind kaum ausgebildet. Uns nach oben zu schicken wäre doch Verschwendung, oder? Rede ich mir ein um ruhig zu bleiben. Sie werden uns nicht nach oben schicken. Bestimmt nicht! Was ist mit Rose? Sie ist wie eine Schwester für mich geworden. Ich will sie nicht verlieren. Keinesfalls. Ich muss wohl einfach hoffen. „Vielen Dank für ihre Unterstützung.“ schallte die Stimme von allen Richtungen. Die Leute um mich begannen sich zu bewegen. Diese Bewegungen reißen mich abrupt aus meinen Gedanken. So verlasse auch ich meine Haltung, gehe aus meiner Reihe. Ordentlich. Es ist verboten, das hier Hektik entsteht. Vor allem ich darf mir keinen Fehler erlauben. Denn ich bin schließlich behindert. Doch es ist nicht so das man mir irgendwie beigebracht hat Kommunizieren zu können. Niemand kümmert sich um eine stumme Eye wie mich. Sie warten alle nur darauf, das ich oben sterbe und sie mich los sind. „Guten Morgen Sila.“ stößt Paulus zu mir. Er findet mich immer. Selbst in solchen Massen von Eyes. Ich sehe ihn an und nicke. „Wir hatten wieder Glück.“ stellt er fest. Doch ich sehe das er traurig ist. Fragend und besorgt verziehe ich meine Mimik. Nur mit meiner Mimik rede ich. Paulus und Rose verstehen mich. Obwohl sie keinen Erkennerblick haben. Sie kennen mich einfach. „Ist schon gut.“ seufzt Paulus. „Nur mein Zimmergenosse ist in der Einheit die eingezogen wurde.“ er seufzt erneut. Verdammt. Das tut mir wirklich Leid. Er und sein Zimmergenosse sind beste Freunde. Ich glaube er heißt … Jonas? „Ist schon gut!“ meint Paulus. Er hat mein Mitgefühl mitgekriegt. Wie immer. „Ich hoffe einfach das er überlebt.“ flüstert er halb. Wir kommen bei unserem Platz 61 an. Viele Stunden später erreiche ich dann mein Zimmer. Ich öffne die Tür. Rose, auf dem Boden, weinend. Ich lasse die Tür zufallen, ziehe meine Weste aus, schmeiße sie auf mein Bett und setze mich neben sie. Sie hat sich mit dem Rücken an ihr Bett hingesetzt. Beine angewinkelt, Arme um diese geschlungen und Gesicht hinter den Beinen versteckt. So sieht sie aus. Ich lege meinen Arm um sie, erschöpft streckt sie ihre Beine aus und kuschelt sich an mich. Selbst wenn ich reden könnte, würde ich nichts sagen. Denn in solchen Momenten ist jedes Wort unangebracht. Nur sie darf reden, ihr Herz ausschütten. So ist das immer. „Ich kenne die Einheit. Sehr gut sogar.“ beginnt sie schluchzend. Dachte ich mir es doch. Arme Rose. „Jack,Tim, Julius einfach fast all meine Freunde sind in dieser Einheit.“ schluchzt sie weiter. Ich spüre die Nässe ihrer Tränen, wie sie mein Shirt durchweichen. Mein Herz verkrampft sich. Ich sah Rose oft mit ihren Freunden. Beim Frühstück kamen sie oft zu uns. Rose hatte in dem selben Teil wie ich ihr Feld. So konnten wir immer zusammen essen. Ich weiß nicht wie viele Teile es gibt. Es sind unglaublich viele. Doch ein Teil sind immer einhundert Felder. Doch das ist jetzt unwichtig, wieso denke ich in so einer Situation überhaupt an so etwas? Dumm Sila, einfach nur dumm so was. Ärgere ich mich über mich selbst... Ich kenne ihre Freunde jedenfalls, und obwohl sie ausschließlich männlich sind und ihr gewaltig auf die Pelle rücken, wann immer sie sie sehen, scheinen sie alle wirklich tolle Typen zu sein. Bringe ich meinen zuvor angefangenen Gedanken zu ende. Ich lasse Rose weinen. Es ist am besten, wenn sie alles nur herunter schluckt würde es sie einfach irgendwann von innen zerfressen. Deswegen ist es mir lieber wenn sie hier, heimlich in meinen Armen weint. Auch wenn es mir das Herz zerbricht, die sonst so unzerstörbare Rose so schwach und klein in meinen Armen zu halten und sie weinen zu hören. Ihre Stimme die redet und redet, der man die Angst und die Trauer anhört, zu hören. Das von ihr ausgehende Zittern zu spüren. Und das Schluchzen das entsteht wenn sie versucht zu atmen. Das alles drückt aus was ich seit dem ich hier bin nie ausdrücken konnte. Die Angst, das was man in dieser kalten Welt gefunden hat, was einen aufwärmt, das zu verlieren. „Hab ich dich etwa angesteckt?“ fragt Rose lachend. Was meint sie? Doch auf einmal merke ich das auch mir die Tränen wie Wasserfälle über das Gesicht fließen. So sitzen wir gemeinsam weinend da. Leise. Denn Waffen dürfen eigentlich nicht weinen. Und irgendwie bin ich mir sicher, das wir nicht die einzigen sind. Nicht die einzigen die heimlich weinen. Denn auch wenn wir keine Menschen sind. Steine sind wir auch nicht. Wir geben uns nach außen so. Doch in uns lebt es. Unser Wunsch nach einem normalen Leben ist da. Bei jedem. Doch wir alle wissen es gibt kein entrinnen. Wenn wir diesen Krieg nicht mitmachen, müssen wir einen anderen führen. Ändern würde es nicht viel. Es würden nur viele Leben verschwendet werden. Unschuldige. Wenn der Krieg dort oben vorbei ist. Dann kann irgendwann vielleicht auch mal ein neuer Platz für uns entstehen. Doch ich glaube, der wahre Grund warum wir Eyes brav gehorchen ist: wir sind zwar höher entwickelt als die Menschen. Körperlich. Doch die Menschen sind mehr. Sie haben die Technologien. Sie haben die Mehrzahl. Wir würden trotz unser Körper verlieren. Weil sie dazu auch jede Schwäche von uns kennen. Da wir zu lange schon mitmachen. So haben wir keine Wahl, als in diesem Spiel mit zu spielen. So unterwerfen wir uns den zerbrechlichen Menschen, machen diese stark. Diese Welt ist so unlogisch. Die schwachen sind die Starken. Die Starken sind die Schwachen. So müssen wir alles tun. So ein verdammter Scheiß. Alles was uns bleibt ist Angst und unsere heimlichen Tränen, die wir mit Leuten teilen die wir so schnell wieder verlieren können. In unserem kurzen Leben, denn die Lebenserwartung einer Eye liegt bei 40 Jahren. Denn so gut wie alle streben früh oben. Schöne Aussichten, oder?
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Sila Klein
FantasyNiemand weiß was wir genau sind, doch jeder meint zu wissen WIE wir sind. Grausam,herzlos, nur so beschreibt man uns. Doch wir wissen nicht mal wodurch wir ihren Hass gelegt haben und weswegen wir ihn unser ganzes Leben bestimmen lassen müssen. Wir...
