Draco sah Hermine durch die geschlossene Tür nach. Der Löwe auf dem Banner war ebenfalls verschwunden und hatte die Schlange allein zurück gelassen.
Der Slytherin konnte immer noch Hermines Duft spüren und den Geschmack ihrer Haut auf seiner Zunge. Es war so ganz anders verlaufen, als er sich das gedacht hatte. Ursprünglich wollte er zunächst nur mit ihr reden, vielleicht wäre später mehr daraus geworden – nach seiner Rückverwandlung. Doch als sie ihm so nahe war, und er sie erst einmal geküsst hatte, war es um seine Beherrschung geschehen gewesen.
Draco fühlte sich rundum entspannt und glücklich. Ein höhnisches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, als er an das Gespräch mit dem Porträt Professor Snapes zurückdachte, das er nach seinem Besuch bei Elaine Rawlish mit ihm geführt hatte.
Sein ehemaliger Lehrer für Zaubertränke hatte ihn schlichtweg gewarnt, sich an Hermine heranzumachen. »Mit der Liebe spielt man nicht«, hatte er gesagt.
Er wolle gar nicht spielen, hatte Draco ihm geantwortet. Nie würde er es schaffen, Miss Granger für sich zu gewinnen, hatte der Professor ihm prophezeit.
Aus Dracos Augen waren Blitze geschossen. »Nur weil Sie damals bei Lily Potter versagt haben, heißt das noch lange nicht, dass ich mich ebenso dumm anstelle.«
Obwohl ein Porträt sich zwar bewegen, aber weder Kleidung noch Farbe wechseln konnte, hatte Snape plötzlich noch ein wenig bleicher gewirkt als sonst. Natürlich wusste Draco keine Einzelheiten über dessen unglückliche Liebe, doch immerhin hatte Potter so etwas bei seinem Kampf mit dem Dunklen Lord erwähnt. Snapes schwarze Augen waren hin und her gehuscht. Dracos Grinsen verschwand, als er an die nächste Frage seines ehemaligen Hauslehrers dachte. Er zog die seidene Bettdecke ein wenig höher.
Wie Draco Miss Granger vor seinem Vater schützen wollte, hatte Snape weiter wissen wollen. Bei Dracos Antwort, seine Mutter würde ihn schon überzeugen, hatte Snape nur müde gelächelt. Daraufhin hatte sich Dumbledore in das Gespräch eingeschaltet. Er hatte betrübt ausgesehen, als er sagte, er teile die Befürchtung des Tränkemeisters. Draco sollte sich darüber im Klaren werden, wie er wirklich zu Miss Granger stehe und ob er sich vor sie stellen würde, sollte Lucius Malfoy, trotz Fürsprache seiner Frau, Hermine nicht akzeptieren wollen.
Der ehemalige Schulleiter hatte Draco eindringlich gebeten, in sich hineinzuhorchen. Sollte er glauben, nicht die Kraft zu haben, sich seinem Vater zu widersetzen, so sollte er Miss Granger lieber bei Mr. Weasley belassen.
Draco hatte die Zähne zusammen gebissen und war aus dem Büro gestürmt. Er hatte es sich reiflich überlegt. Der Jäger in ihm war befriedigt. Er hatte sie bekommen und jetzt würde er sie sich auch von niemandem mehr wegnehmen lassen. Natürlich hoffte er auf das Geschick seiner Mutter. Sie war der einzige Mensch, von dem sein Vater einen Rat annahm. Doch sollte sie scheitern, würde Draco eine Entscheidung treffen müssen.
Wenn Granger sich vor allen zu ihm bekennen würde, würde sie ihre Freunde verlieren und stünde alleine da. Dann hatte sie nur noch ihn. Draco konnte sie nicht im Stich lassen. Sollte sein Vater ihn verstoßen, dann war es eben so. Er war jung und intelligent. Gemeinsam mit Granger würde er es schaffen, in der Zaubererwelt wieder einen Namen zu erlangen. Eigenes Geld hatte er genug. Vielleicht würden sie für eine Weile aus England fortgehen. Draco verlor sich in den Tagträumen. Erst sein knurrender Magen holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er setzte sich auf. Plötzlich hatte er einen Einfall. Eine Sache musste er noch ausprobieren, hier, wo ihn niemand stören konnte. Draco stand auf. Er zog sich das T-Shirt an, das ihm wieder passte, und die mittlerweile zu groß gewordene Hose. Auf den scheußlichen Strickpulli würde er verzichten. Ihn würde er auf dem Rückweg auf der Fensterbank eines Korridors liegen lassen. Weasley würde ihn schon wiederfinden.
Draco hob seinen Zauberstab. Er dachte an Hermine Granger, ihren Duft, ihren Geschmack und an das überwältigende Glücksgefühl, als er sie zu der seinen gemacht hatte. »Expecto Patronum.«
Die klar geformte Tatze schoss aus der Spitze seines Zauberstabes, gefolgt von einer zweiten. Ein riesiger Löwenkopf brach hervor und zog seinen mächtigen Körper mit sich. Instinktiv ging Draco einen Schritt zurück. Das Tier stand mitten im Raum, ließ ihn optisch zusammen schrumpfen. Es riss das Maul auf und gab ein lautloses Brüllen von sich. Seine Mähne erinnerte den Slytherin irgendwie an Grangers buschige Haare.
»Warum muss es ausgerechnet ein Löwe sein?«, stöhnte Draco.
Hermine schloss die Tür des Raumes der Wünsche hinter sich und lächelte vor sich hin. Die vergangenen Stunden hatten ihr Leben vollständig durcheinander gewirbelt. Sie fühlte sich federleicht, erfüllt von ihm und glücklich. Am meisten freute sie sich jedoch darüber, dass Harry Unrecht gehabt hatte, als er annahm, Draco sei ein Todesser. Hermine hatte heute seinen unbefleckten linken Unterarm gesehen. Er hatte für Voldemort gearbeitet, aber nur, um sich und seine Eltern zu schützen. Nicht weil er den Dunklen Lord bewunderte und hoffte, in seinem Dunstkreis würde ein wenig von der Macht und dem Ruhm auf ihn abfärben.
Auf dem Weg zum Gryffindorturm kehrten jedoch ihre Bedenken zurück. Es war Draco nicht gelungen, sie zu zerstreuen. In seinen Armen fühlte sie sich geborgen, aber jetzt würde sie der rauen Wirklichkeit gegenübertreten müssen.
Sie atmete tief durch, als das Porträt der fetten Dame beiseite schwang und sie den Gemeinschaftsraum betrat. Augenblicklich verstummten alle Gespräche und die Köpfe der anwesenden Gryffindors wandten sich ihr zu. Doch Hermine hatte nur Augen für Ron. Er saß in dem Sessel in der Ecke, hielt Lavender auf seinem Schoß umklammert und drückte unentwegt kleine Küsse auf ihren Hals. Das Mädchen versteifte sich und starrte Hermine an. Harry und Ginny sprangen auf. Sie kamen zu ihr, doch Hermine sah immer noch auf Ron und versuchte ihre Gefühle zu ergründen. Da war - nichts.
Ginny legte den Arm um ihre Schulter. »Komm, ich muss dir was erklären. Auch wenn's schwer fällt, aber lass die beiden jetzt.«
Wie in Trance folgte Hermine Rons Schwester in den Mädchenschlafsaal. Ginny drückte sie aufs Bett. »Hör mir jetzt bitte genau zu. Harry und ich vermuten, dass Lavender ihm einen Liebestrank verabreicht hat. Sie kamen gemeinsam aus der Schule und Lavender meinte, ihr hättet euch gezankt und du wolltest nicht mit nach Hogsmeade kommen. Ron hat das nicht bestritten, also haben wir zunächst keinen Verdacht geschöpft. Uns fiel nur auf, dass er Lavender immer so komisch ansah.«
Ginny machte eine kleine Pause, um Hermine Gelegenheit zu geben etwas zu sagen, doch sie schwieg.
»Naja, jedenfalls schlug Lavender vor, ins Café vom Madam Puddifoot zu gehen. Ron war sofort Feuer und Flamme. Harry und ich hatten keine Lust auf Kuchen und so sind wir zu Aberforth in den Eberkopf gegangen. Als wir uns später wieder trafen, knutsche mein Bruder mit Lavender. Wir stellten sie natürlich zur Rede. Lavender behauptet steif und fest, dass Ron nun mal seine Gefühle für sie wieder entdeckt hätte. Wir glauben das aber nicht. Harry sprach meinen Bruder auf dich an und da sagte er doch tatsächlich, er kenne keine Hermine. Dabei grinste er so dämlich, dass wir der festen Überzeugung sind, Lavender hat einen Liebeszauber verwendet.«
»Das muss aber ein verdammt guter Trank gewesen sein, wenn er mich schlichtweg vergessen hat«, meinte Hermine leise.
Ginny streichelte sie über den Arm. »Ich bin echt froh, dass du das so gelassen nimmst. Wir hatten schon befürchtet, du würdest die beiden in Stücke reißen. Wo warst du denn die ganze Zeit?«
»Ich war mit Ron um halb drei in der Bibliothek verabredet. Er ist nicht gekommen und ich hatte schlichtweg die Zeit vergessen. Du weißt ja wie das ist, wenn ich einmal vor einem Buch sitze«, sagte Hermine und starrte auf ihre Finger.
»Aber so lange?« Ginny sah misstrauisch aus.
»Natürlich nicht. Ich war noch spazieren und habe mir den Kopf zermartert, weshalb ihr wohl ohne mich aufgebrochen seid. Jetzt gibt auf einmal alles einen Sinn. Ron hat mich gar nicht versetzen wollen. Er muss auf dem Weg zur Bibliothek Lavender in die Arme gelaufen sein. Wahrscheinlich hat sie ihm irgendetwas zu essen angeboten. Vor einem halben Jahr habt ihr Ron noch ausgezankt, er solle nur Speisen von Leuten annehmen, die er kennt. Nun, daran hat er sich offenbar gehalten.«
»Du machst Ron also mal wieder keinen Vorwurf, na schön. Aber Lavender wirst du dir doch noch vornehmen, oder?«, fragte Ginny mit einem lauernden Unterton.
»Und ob. Mit der werde ich noch ein Hühnchen rupfen«, sagte Hermine deshalb scharf. Dabei wusste sie ganz genau, dass Lavender mit Draco gemeinsame Sache gemacht hatte. Demzufolge wusste das Mädchen, mit wem Hermine ihren Nachmittag verbracht hatte, wenn auch Draco sie mit Sicherheit im Unklaren hinsichtlich dessen Ausgestaltung gelassen hatte. Jedenfalls schien sie ihre Freundin fürs erste überzeugt zu haben. Ginny sah nämlich ziemlich zufrieden aus.Beim Abendessen staunten einige nicht schlecht, als Ron Weasley Hand in Hand mit Lavender Brown auftauchte. Hermine setzte sich demonstrativ ein wenig abseits. Sie schielte zum Tisch der Slytherins hinüber. Dracos Blick traf sie und sofort spürte sie ein Rudel Schmetterlinge im Bauch, die miteinander Tango zu tanzen schienen. Zwar drehte sich Draco sogleich wieder weg, aber für Hermine sah er irgendwie gelöster, beinahe heiter aus. Er lachte sogar einmal laut, als Zabini ihm etwas zuflüsterte. Sie lächelte ihren Teller an und langte mit Appetit zu. »Wenigstens schlägt dir die Sache mit Ron diesmal nicht auf den Magen«, meinte Harry.
»Er kann doch nichts dafür«, sagte Hermine halbherzig.
»Und ob. Ich denke, morgen wird die Wirkung des Trankes nachgelassen haben«, vermutete Harry.
Dem war allerdings nicht so. Auch den ganzen Sonntag hingen Ron und Lavender zusammen. Bei Harry und Ginny fühlte sich Hermine wie das fünfte Rad am Wagen. Deshalb ging sie allein in den Hof. »He, Granger.«
Falsche Stimme, dachte Hermine und drehte sich um. Neben dem Torbogen, aus dem sie gerade herausgetreten war, stand Zabini und hatte den Arm um die Taille seiner Freundin aus Hufflepuff gelegt. Allerdings stand Draco neben ihnen.
»Was willst du?«, fragte Hermine und bemühte sich, dabei nur Zabini anzusehen.
»Jetzt, wo du offenbar deinen Freund los bist, dachte ich, du könntest etwas Abwechslung gebrauchen.«
»Nein, danke. Ich hatte bereits genug Zerstreuung.«
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ein Grinsen in Dracos Gesicht aufblitzte, aber sogleich wieder verschwand. »Tut mir echt Leid, das mit Weasley. Ich finde, ihr wart ein gutes Paar«, sagte Zabini und es klang aufrichtig.
»Ein Reinblüter und eine wie mich? Das nennst du ein gutes Paar?« Hermine war ehrlich überrascht.
Zabini sah verlegen aus. »Daran habe ich wirklich nicht gedacht. Ich fand nur, dass ihr beide irgendwie zusammen gepasst habt. Vielleicht kriegt er sich auch wieder ein. Draco, jetzt steh nicht da wie ein Götzenbild, sondern sag auch mal was.«
»Was denn?«, erklang es gelangweilt.
»Du könntest Granger Mut zusprechen. Ich finde, sie hat eine kleine Aufmunterung verdient.«
»Seit du verliebt bist, bist du ganz schön weich geworden, Blaise. Aber wenn es dir Freude macht, also gut.« Draco wandte sich an Hermine. Es fiel der Gryffindor schwer, ruhig zu bleiben. Sie konnte sich schon ungefähr denken, was jetzt kommen würde.
Draco trat auf sie zu und griff zu Hermines maßlosem Erstaunen nach ihrer Hand. Zärtlich schlossen sich seine Finger um die ihrigen. »Nun Granger, offensichtlich bist du den Schwachkopf losgeworden. Freue dich, denn nun kannst du dich nach jemand anderem umsehen, der deinem Intellekt besser entgegen kommt.«
»Draco, das sind wohl kaum die Worte, die sie hören will und lass endlich ihre Hand los. Sie ist schon ganz rot im Gesicht«, eilte Zabini Hermine zu Hilfe.
Verlegen ließ sie ihre Hand aus Dracos gleiten. Zabini musste Recht haben, Hermine fühlte geradezu, wie ihr die Hitze zu Kopf gestiegen war, während ihre Finger durch seine Berührung zu pulsieren schienen. »Danke für die aufmunternden Worte«, presste sie hervor.
Schnell ging sie zurück durch den Torbogen und hörte noch, wie Zabini zu Draco sagte: »Dein Gebabbel empfand sie aufheiternd? Versteh einer die Frauen.«Hermine war klar, dass sie schon um Harry und Ginnys Willen mit Lavender reden musste. Am späten Abend ergab sich eine Gelegenheit, weil Lavender mal kurz die Finger von Ron ließ, um etwas aus dem Schlafsaal zu holen. Hermine nickte Ginny kurz zu und ging ihrer Hausgenossin nach. Oben angekommen schloss sie die Tür hinter sich. Lavender kniete vor ihrem Koffer und erschrak. Schnell versteckte sie etwas hinter ihrem Rücken.
»Wie viel Zaubertrank hast du noch übrig?«, fragte Hermine.
»Es reicht nur noch für einen Schluck«, antwortete das Mädchen und holte das Fläschchen hervor. »Malfoy hat es dir also erzählt. Wenn du mich verfluchst, Hermine, werde ich allen sagen, mit wem du tatsächlich zusammen warst.« »Es war Ron.«
Lavender blies die Wangen auf. »Ja, aber der falsche. Ich weiß auch, dass die Wirkung des Vielsafttrankes nur eine Stunde anhält. Du musst also spätestens nach sechzig Minuten gewusst haben, wer er ist. Du bist erst nach uns in den Gemeinschaftsraum zurückgekehrt, also war dein Nachmittag wohl schön. Aber keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.«
Hermine knirschte mit den Zähnen, doch Lavender hatte Recht. Missmutig sagte sie: »Es ist nur die Frage, ob dir jemand glauben wird. Wenn man immer wieder einen Schluck trinkt, kann man die Wirkung beliebig verlängern. Denk doch nur mal an unser viertes Jahr hier mit Professor Moody zurück.«
Lavender wurde blass, doch Hermine fuhr fort: »Wie dem auch sei, ich werde dich nicht verhexen, aber vor den anderen müssen wir so tun als ob.«
»Wohl eher um deinen Schein zu wahren, als den meinen«, schnappte die andere.
»Lavender, spätestens morgen ist Ron wieder normal. Es ist deine Entscheidung, inwieweit ich ihm deinetwegen zusetze. Je weniger, desto besser für dich.«
Das Mädchen überlegte nicht lange. »Nun gut, dann lass uns das Schauspiel beginnen.«
Unten ihm Gemeinschaftsraum musste das Theater gut zu hören sein. Die beiden schrien sich an, Flüche wurden an die Wand geschleudert, Sachen durch die Gegend geworfen und die Bettvorhänge zerrissen.
Nach einiger Zeit, in der keiner der anderen sich hatte blicken lassen, gingen die Mädchen mit roten Gesichtern und zerzausten Haaren nach unten. Ron wurde von Harry und Ginny festgehalten. »Was hast du mit meiner Freundin gemacht, du Hexe?«, brüllte er und Hermine brauchte eine Sekunde, bis sie erkannte, dass er mit Freundin Lavender meinte.
»Nichts habe ich ihr getan. Wir hatten nur etwas zu klären«, antwortete sie wahrheitsgemäß und setzte zu Ginny gewandt hinzu: »Es ist auch alles wieder aufgeräumt und repariert.«
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Brennendes Eis
FanfictionDas goldene Trio kehrt nach dem Tod Voldemorts nach Hogwarts zurück. Hermine freut sich auf ein letztes ruhiges Schuljahr mit ihrem geliebten Ron, doch das Schicksal hat andere Pläne. Ständig kreuzt Draco Malfoy ihren Weg. Zuerst sacht, dann immer s...
