Aber er hoffte, dass die beiden so tief in ihren Streit verwickelt waren, dass sie nicht mit einem Lauscher rechnen würden.»... finde ich trotzdem nicht in Ordnung«, vernahm er Potters Stimme.
»Das ist allein seine Sache«, fauchte das Weasleymädchen.
Die beiden waren jetzt so nah herangekommen, dass Draco jedes Wort hören konnte. Zum Glück für ihn blieben sie auf der anderen Seite der Eiche stehen.
»Er will doch in Wirklichkeit gar nichts von Lavender«, sagte Potter.
»Na und? Schließlich trägt die dumme Pute eine Mitschuld an dem Desaster. Wenn sie Ron nicht den Liebestrank gegeben hätte, wäre das Slytherinschwein doch gar nicht an Hermine rangekommen.«
Draco erstarrte bei diesen Worten. Seine Hand griff wie von selbst nach seinem Zauberstab. Erst als sich seine Finger um dessen Ende schlossen, wurde ihm bewusst, was er gerade zu tun beabsichtigte. Schnell ließ er den Weißdornstab wieder unter seinem Umhang verschwinden.
»Wie dem auch sei«, begann Potter erneut. »Lavender ist im Moment im siebten Himmel, weil Ron sie geküsst hat, ohne verzaubert zu sein. Sie liebt ihn aufrichtig und dein Bruder sucht doch nur einen Ersatz.«
»Kannst du es ihm verdenken, dass er Miss Oberschlau vergessen will?«
»Das funktioniert so aber nicht«, antwortete Potter barsch.
»Immer noch besser, als wenn er die ganze Zeit Trübsal blasen würde. Und warum setzt du dich plötzlich so für Lavender Brown ein?«, giftete das Mädchen.
»Sie tut mir halt Leid.«
»Du mit deinem großen Herzen. Jetzt sag bloß noch du bedauerst auch Hermine.«
»Ja, allerdings«, gab der Auserwählte zu.
»Sag mal, bist du jetzt völlig durchgeknallt? Sie war es doch, die die Seite gewechselt hat.«
»Sie hat nicht die Seite gewechselt, wie du es ausdrückst. Hermine würde sich niemals den dunklen Künsten zuwenden.«
»Ach nein? Aber sie steht auf einen Todesser. Wie weit glaubst du, ist der nächste Schritt entfernt?«
Draco musste an sich halten, nicht hinter dem Baum hervorzuspringen. Er biss sich fest auf die Unterlippe und schmeckte Blut.
»Hast du Hermines Gesicht gesehen?«, fuhr Potter unterdessen hitzig fort. »Sie ist traurig. Sie vermisst uns.«
»Das hätte sie sich früher überlegen müssen.«
»Ich denke«, antwortete der Gryffindor und seine Stimme klang plötzlich ganz leise, sodass Draco sich anstrengen musste, die nächsten Worte zu verstehen. »Hermine wusste bei ihrer Entscheidung genau, was wir davon halten würden. Deshalb ist sie auch im März, nachdem die Sache mit dem Zaubertrank passiert ist, so komisch gewesen.«
»Sie hat sich dennoch für den Slytherin entschieden«, sagte Potters Freundin schrill.
»Genau das ist der Punkt, Ginny. Sie wollte trotzdem mit Malfoy zusammen sein. Ich meine, überleg doch mal. Er hat sie nur getriezt, die ganze Schulzeit lang, gegen seinen Vater und die Todesser haben wir im Zaubereiministerium gekämpft, sie wurde von seiner Tante in seinem Wohnzimmer gefoltert und dennoch bekennt sie sich zu ihm.«
»Du meine Güte, Harry, glaubst du, dass Malfoy sie verhext hat? Dass sie gar keine andere Wahl hatte?«
Draco stand schon halb, als Potters klares »Nein« ihn wieder am Baumstamm herunter rutschen ließ.
»Nein, das glaube ich nicht, Ginny. Was für ein Zauber sollte das denn sein? Ich denke vielmehr, da ist etwas passiert, an Halloween oder sie weiß etwas über Malfoy, das wir nicht wissen. Es muss etwas Positives sein und zwar etwas so Starkes, dass wir ihr niemals glauben würden.«
Donnerwetter Potter, dachte Draco, du bist gar nicht so blöd wie du aussiehst.
»Er hat ihr das Leben gerettet«, sagte die Weasley plötzlich.
»Was?«
»Du hast mich genau verstanden, Harry. Ich habe Hermine in unserem Schlafsaal zur Rede gestellt. Sie sagte, sie dürfe nicht darüber sprechen, aber ohne Malfoy wäre sie nicht mehr bei uns.«
Potter schwieg einen Augenblick, dann fragte er: »Hat sie sonst noch was erzählt?«
»Dass er nicht der Feigling ist, für den wir ihn halten.«
»Verdammt, wieso hast du mir das nicht schon früher gesagt?« Potter klang aufrichtig verärgert.
»Weil es nicht wichtig ist, was sie von ihm denkt. Hermine war garantiert schon vorher bei Malfoy, als er sie gerettet hat. Wahrscheinlich ist sie durch ihn überhaupt erst in Gefahr geraten. Mir drängen sich dabei zwei Fragen gleichzeitig auf. Warum war Hermine eigentlich mit ihm zusammen und stimmt die Geschichte mit der Lebensrettung überhaupt? Ich kann mir keinen Grund vorstellen, weshalb Professor McGonagall den Mantel des Schweigens darüber breiten sollte.«
»Nur weil du dir keinen Reim darauf machen kannst, heißt das noch lange nicht, dass Hermine lügt«, brauste Potter auf.
Hinter dem Baumstamm nickte Draco mit dem Kopf.
»Harry, sie ist mit einem Todesser liiert. Sie wird ihn decken wollen. Lügen gehört einfach dazu, auch wenn sie es noch nie getan hat«, zischte seine Freundin.
»Du willst sie nicht verstehen, nicht wahr? Du lässt kein gutes Haar an ihr, nur weil sie sich gegen deinen Bruder entschieden hat. Ron hat bestimmt einiges dazu beigetragen, sie in Malfoys Arme zu treiben«, brüllte Potter jetzt außer sich.
»Ach, nun ist mein Bruder plötzlich an allem schuld. Eins sagte ich dir, Harry, wenn du wieder auf Hermine zugehst, sind wir geschiedene Leute«, fauchte das Mädchen.
Draco hörte, wie sich ihre schnellen Schritte entfernten. Ein dumpfer Ton erklang. Potter musste gegen den Baum getreten haben. Der ausgestoßene Fluch bestätigte seine Vermutung. Draco richtete sich auf. Es war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Er wollte schon hinter der Eiche hervortreten, als knapp neben der Rinde ein Schuh vorbei flog und am Rande des Wassers liegen blieb. Der zweite folgte einen Augenblick später.
Was hatte Potter vor, er wollte doch nicht etwa in den See gehen um sich zu ertränken? Die Geräusche waren eindeutig. Draco hörte, wie eine Gürtelschnalle geöffnet wurde. Offenbar wollte Potter tatsächlich in das Wasser, allerdings um seinen Zorn abzukühlen und nicht um sich umzubringen. Draco setzte sich lautlos wieder hin. Es würde besser sein zu warten, bis Potter sein Bad beendet hatte. Dann war der Hitzkopf abgekühlt und Dracos Bitte würde möglicherweise auf fruchtbaren Boden fallen. Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete er, wie der Wäschestapel anwuchs, sich plötzlich alles fein säuberlich zusammenfaltete und die Brille zum Schluss auf den Haufen schwebte.
Schließlich trat Potter in sein Sichtfeld, nur noch mit seiner Unterhose bekleidet. Draco rümpfte die Nase. Wer trug den heute noch weiße, fein gerippte Unterwäsche?
Potter hielt einen Moment inne, als er mit dem Fuß das Wasser berührte. Was hatte der denn erwartet, dreißig Grad Badetemperatur? Draco schüttelte sacht den Kopf. Das Grinsen wollte gar nicht mehr von seinem Gesicht weichen. Er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht loszulachen. Denn dann konnte er sein Vorhaben vergessen.
Zum Glück tat Potter ihm den Gefallen und drehte sich nicht um. Er ging langsam weiter in den See hinein. Als das Wasser bis zu seinen Hüften reichte, verharrte er einen Moment. Dann holte er tief Luft, ließ sich nach vorne fallen und schwamm zügig vom Ufer weg.
Draco stand auf und streckte sich. Er blickte auf den See hinaus und sah dem Auserwählten eine Weile zu. Sein schwarzer Kopf war schwierig auszumachen, da er direkt gegen die Sonne schwamm. Draco schirmte die Strahlen mit der Hand ab und beobachtete den Gryffindor, der mit gleichmäßigen Zügen weiter schwamm. Nach Dracos Schätzung befand sich Potter etwa einhundertfünfzig Meter vom Ufer entfernt. Er sollte langsam umkehren.
Draco entschloss sich dazu, sich wieder zu setzen und zu warten. Potter schien sich nicht weiter zu entfernen. Plötzlich hob der beide Arme, winkte und ließ sie aufs Wasser fallen, sodass Fontänen aufspritzten. Dann war er nicht mehr zu sehen.
Draco kniff die Augen zusammen. Potter kam wieder nach oben und ruderte erneut mit den Armen. Da stimmte etwas nicht. Er war offenbar in Gefahr. Weshalb benutzte er denn nicht seinen Zauberstab?
Draco zögerte. Er war unschlüssig, was er nun tun sollte. Dann fiel sein Blick auf die leichten Wellen, die am Ufer leckten. Auf ihnen dümpelte ein Zauberstab. Er musste Potter aus dem Hosenbund gerutscht sein, als er losgeschwommen war. Ohne den magischen Stab war der Gryffindor da draußen verloren.
Nun öffnete Draco hastig den Umhang, entledigte sich seiner Schuhe und Socken und streifte seine Hose ab. Die Krawatte zog er über den Kopf und warf sie daneben. Seinen Zauberstab steckte er in den Bund seines Slips. Das Hemd behielt er an. Für die vielen Knöpfe hatte er keine Zeit.
Potter war wieder verschwunden, aber nochmals aufgetaucht und schien irgendetwas zu rufen.
Draco rannte los, schnappte sich den berühmten Phoenixstab des Auserwählten, und warf sich ins Wasser. Für einen Moment glaubte er, jegliche Luft würde aus seinen Lungen gepresst, als die kalten Fluten über ihm zusammenschlugen. Kurz versicherte er sich, dass noch beide Zauberstäbe im Hosenbund steckten, und begann zu kraulen. Hoffentlich erreichte er Potter noch rechtzeitig. Er sah ihn nicht mehr. Draco erhöhte das Tempo, doch er wusste, er musste mit seinen Kräften haushalten. Wer weiß, was ihn noch erwartete. Ungefähr zehn Meter vor ihm tauchte der Gryffindor aus dem Wasser auf. Etwas, das wie eine grüne Schlinge aussah, hatte sich um seinen Hals gelegt. Er zog mit beiden Händen daran und wand sich. Seine Halsschlagadern traten hervor und er hatte die Zähne zusammen gebissen.
»Durchhalten, Potter!«, schrie Draco und schwamm auf ihn zu. Als ihn schätzungsweise nur noch fünf Meter von ihm trennten, zog die Liane Potter in die Tiefe. Draco holte Luft und tauchte. Der Gryffindor wurde am Hals abwärts gezogen. Merkwürdige Wesen, mit Hörnern auf dem Kopf schwirrten um ihn herum. Sie besaßen zwei Arme und in ihren langen Fingern hielten sie die grünen Wasserpflanzen, die sie wie Lassos schwangen. Auf ihren Gesichtern zeigte sich ein verschlagenes Grinsen. Dabei entblößten sie nadelspitze Vorderzähne.
Draco zog den Weißdornstab. »Relaschio«, blubberte er. Ein roter Blitz sauste aus seinem Zauberstab und durchtrennte die Liane, die Potter umschlungen hielt. Der Rest schwebte dem Auserwählten wie eine Krawatte um den Hals.
Draco durchstieß die Wasseroberfläche. Er atmete zweimal ein und aus, dann tauchte er erneut ab. Potter paddelte unter ihm. Seine Augen quollen merkwürdig aus seinem Kopf. Erst jetzt sah Draco, dass sich außerdem Seile um die Fußgelenke des Gryffindors geschlungen hatten. Diesmal dachte er den Fluch nur, um nicht unnötig Sauerstoff zu verlieren. Die Seile rissen und Potter kam langsam nach oben.
Doch so leicht wollten die Wasserdämonen ihre Beute nicht aufgeben. Jetzt griffen sie mit den Händen nach ihrem Opfer und versuchten, den Auserwählten wieder hinab zu ziehen. Draco zog nun auch Potters Zauberstab aus dem Hosenbund und feuerte damit heiße Wasserstrahle auf die Angreifer, die erneut losließen.
Potter kam endlich an die Oberfläche. Draco gelang es ebenfalls nach Luft zu schnappen, ehe er einen unerbittlichen Griff um seinen Fußknöchel spürte. Einen Augenblick später schlug das Wasser erneut über seinem Kopf zusammen.
Es waren zu viele. Aus beiden Zauberstäben Flüche abfeuernd, wurde Draco unerbittlich in die Tiefe gezogen. Potter ereilte das gleiche Schicksal. Der trat um sich, doch die Wasserkreaturen wichen geschickt seinen Füßen aus.
Dracos Sauerstoffvorrat ging zu Ende. Leider hatte er nie gelernt, den Kopfblasenzauber auszuführen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, seine Lunge schmerzte, wollte atmen, doch er wusste, wenn er dem Drang nachgab war es um ihn geschehen und er wollte noch nicht sterben. Nicht jetzt, wo er Hermine hatte.
Potter hatte aufgehört, sich zu wehren. Kleine Bläschen stiegen aus seinem Mund und die Augen waren weit aufgerissen. Es schien, als würden die Wesen ihren Griff lockern und ihn beinahe sanft weiter hinabziehen.
Draco nahm beide Zauberstäbe in eine Hand und erschlaffte ebenfalls. Sofort spürte er, wie die Hälfte der Angreifer ihn losließ. Lediglich zwei hingen noch an seinen Fußgelenken. Dracos Arme schwebten wie von selbst durch das immer dunkler werdende Wasser.
Wie zufällig griff seine freie Hand unter Potters Achsel und umklammerte unbemerkt dessen Oberarm. Mit letzter Kraft schwang Draco beide Stäbe und dachte »Ascendio.«
Die Wucht des Zaubers riss die beiden jungen Männer nach oben. Die Kreaturen waren von der Aktion so überrascht, dass sie nicht reagierten. Draco spürte, wie nur noch ein Wesen an seinen Füßen hing, als er aus dem Wasser katapultiert wurde. Sie flogen beinahe fünfzig Meter über die Oberfläche des Sees, ehe sie wieder eintauchten.
Tief sog Draco die frische Luft in seine Lungen, dann sah er sich hektisch um, doch von den Angreifern war niemand mehr zu sehen. Dem Dämon, der sich noch an ihn geklammert hatte, schien der Freiflug nicht bekommen zu sein. Potter hingegen auch nicht. Er war bewusstlos. Draco drehte ihn auf den Rücken und schwamm die letzten Meter bis zum Ufer. Dort schleppte er den Gryffindor die Böschung hinauf. Keuchend fiel er neben ihm auf die Knie.
»Aufwachen, Potter«, rief er und schlug ihm ins Gesicht. Doch der hielt an seiner Ohnmacht fest.
Draco presste beide Hände auf den Brustkorb des Auserwählten und drückte mehrmals zu. Plötzlich spuckte Potter einen Schwall Wasser aus. Sofort drehte Draco ihn auf die Seite. Der Gryffindor hustete und würgte und erbrach immer mehr Wasser. Draco ließ sich auf die Fersen sinken. Sein Hemd klebte am Körper, Wasser tropfte aus seinen Haaren und er begann vor Kälte zu zittern. Potter stützte sich am Boden ab und richtete sich mühsam zum Sitzen auf. Dann sah seinen Retter verblüfft an.
»Potter«, stieß Draco wütend hervor. »Du bist ein solcher Volltroll. Was bei Merlins Bart hat dich geritten, ohne Zauberstab schwimmen zu gehen?«
DU LIEST GERADE
Brennendes Eis
FanfictionDas goldene Trio kehrt nach dem Tod Voldemorts nach Hogwarts zurück. Hermine freut sich auf ein letztes ruhiges Schuljahr mit ihrem geliebten Ron, doch das Schicksal hat andere Pläne. Ständig kreuzt Draco Malfoy ihren Weg. Zuerst sacht, dann immer s...
