Der schwarze See [1/2]

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Das Gerücht, dass Hermine Granger und Draco Malfoy ein Paar waren, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Schule. Viele schenkten dem jedoch keinen Glauben, da die beiden weder Händchen haltend noch knutschend durch die Gänge liefen. Von den Gryffindors redete nur noch Lavender mit Hermine. Ron, Harry und Ginny straften sie mit Verachtung und selbst Neville und Seamus versuchten ihr möglichst aus dem Weg zu gehen. Alle hielten Hermine für eine Verräterin, weil sie ihrer Meinung nach mit einem Todesser zusammen war. Wenn Malfoy Dumbledore auch nicht selbst getötet hatte, so hatte er doch einen entscheidenden Anteil dazu beigetragen. Als die meisten Slytherins sich im letzten Jahr vor der Schlacht um Hogwarts Lord Voldemort angeschlossen hatten, war er zwar nicht dabei gewesen, aber wohl eher aus Angst vor dessen Rache, als aus Überzeugung.
Blaise Zabini hielt zu Draco. Er selbst würde zwar nie so weit gehen, sich in eine muggelstämmige Hexe zu verlieben, aber Hermine als Dracos Freundin konnte er durchaus akzeptieren. Petronella hatte gelacht, als sie das hörte. »Was hättest du gemacht, wenn meine Mutter auch ein Muggel gewesen wäre?«
Darauf war Zabini die Antwort schuldig geblieben und hatte nachdenklich vor sich hin gestarrt. Die einzige, die diese Verbindung offen begrüßte, war Luna Lovegood. Draco und Hermine saßen in der Bibliothek. Luna kam auf sie zu und setzte sich einfach daneben. Dracos Miene verfinsterte sich augenblicklich. Hermine legte flüchtig ihre Hand auf seine. Sofort wurde sein Ausdruck freundlicher.
»Hallo ihr beiden«, sagte Luna sanft. »Hallo Luna«, entgegnete Hermine.
»Hallo Lovegood«, murrte Draco.
»Ich wollte euch nur sagen, wie schön ich es finde, dass ihr beiden euch ineinander verliebt habt«, lächelte die Ravenclaw verklärt.
»Danke Luna, aber leider stehst du mit deiner Ansicht ziemlich alleine da.«
»Das bin ich gewohnt«, antwortete die Blonde mit einem Schulterzucken.
»Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?«, brummte Draco und Hermine trat ihn unter dem Tisch leicht ans Schienbein.
»Ich habe allen erzählt, dass nur die Amoresken daran schuld sind«, fuhr Luna ungerührt fort.
Draco stöhnte. »Hör zu Lovegood, was zwischen Hermine und mir ist, können die meisten ohnehin nicht nachvollziehen. Ich wäre dir dankbar, wenn du auf weitere Hilfestellungen dieser Art verzichten würdest. Mir reicht es durchaus für hinterlistig und arrogant gehalten zu werden. Völlig übergeschnappt ist dagegen eine Bezeichnung, auf die ich locker verzichten kann.«
Luna bedachte ihn mit einem langen Blick. »Hermine wird dir gut tun.«
»Da sind wir ausnahmsweise einer Meinung.«
»Draco, wir wollten doch noch hinunter zum See«, warf Hermine dazwischen.
»Wollten wir das?«
»Komm Draco, schlag das Buch zu.« Die Gryffindor verabschiedete freundlich von der Ravenclaw und stand auf.
Mit einem Seitenblick auf Luna, die gerade irgendetwas Interessantes am Fenster beobachtete, erhob sich Draco ebenfalls und folgte Hermine aus der Bibliothek.
»Sie will uns doch nur helfen« sagte die Gryffindor, sobald sie den Korridor entlang gingen. »Lovegood sollte es besser lassen. Amoresken, also wirklich«, schnaubte Draco.
»Nun, vielleicht haben sie dich doch ein klein wenig verzaubert, so dass du mich so leidenschaftlich küssen musstest.«
Er brachte seinen Mund ganz nah an ihr Ohr heran. »Soll ich dir gleich hier beweisen, dass ich das auch ohne Hilfe kann?«
Hermine fühlte, wie sie errötete. »Das glaube ich dir aufs Wort.«
Draco seufzte theatralisch auf. »Wie schade.«
Die beiden verließen das Schulgebäude und gingen hinunter zum See. Sie nahmen nicht den Weg zu dem kleinen Wäldchen, sondern gingen geradeaus auf den einzelnen Baum zu. Trotz des schönen Wetters war der Platz noch frei.
Draco setzte sich zwischen die Wurzeln der Eiche und zog Hermine an sich. Eine ganze Weile saßen die beiden so aneinander gekuschelt da und sahen auf den See hinaus. »Wie soll es weitergehen?«, fragte Hermine in die Stille hinein.
»Wir heiraten, bekommen einen Haufen Kinder und leben glücklich bis ans Ende unserer Tage«, antwortete er und zog sie noch ein bisschen näher.
Hermine wurde schwer ums Herz. Draco war es nicht gelungen, den ernsten Unterton aus seinen leichten Worten heraus zu halten. »Ich habe nichts mehr, wo ich hin könnte«, sagte sie tonlos. »Meine Eltern haben ihr Haus verkauft, als sie nach Australien ausgewandert sind.« Die Möglichkeit, in den Fuchsbau zurückzukehren, war ihr ebenfalls verwehrt, doch das erwähnte sie nicht.
»Ich wäre ohnehin nicht in ein Muggelhaus gezogen«, antwortete Draco und zog die Nase kraus. »Aber ich hätte da schon eine Idee.«
Hermine kam ihm zuvor. »Ich werde auf keinen Fall im Haus deiner Eltern leben. Das will ich am liebsten nie wieder betreten.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte er leise. »Weißt du«, fuhr er betont locker fort, »so ein riesiger Landsitz ist etwas Schönes, aber es ist üblich, dass man noch ein oder zwei Häuser nebenbei hat.«
»Ich möchte auch nicht in einem Gartenschuppen auf eurem Grundstück leben«, sagte Hermine sofort.
Draco grinste. »Selbstverständlich, haben wir noch ein Haus in London und tatsächlich noch ein kleineres in einem angesehenen Vorort.«
»Ich will auch nicht in einem Haus wohnen, das deinem Vater gehört.«
»Für jemanden, der gar nichts hat, stellst du ganz schöne Ansprüche, findest du nicht?«, fragte er und zog spöttisch eine Augenbraue hoch.
Hermine knuffte ihn in die Seite. Lachend fing er ihre Fäuste ab und raubte sich einen Kuss. »Dann werden wir auf das Stadtdomizil verzichten müssen. Es gehört meinem Vater und er hält sich gerne dort auf, wenn er in London ist. Aber das kleine Häuschen in dem schicken Vorort, der zwar mit Muggeln durchsetzt, aber nicht verseucht ist, das ist tatsächlich mein Eigentum.«
»Weshalb hast du schon ein eigenes Haus?«
»Meine Großmutter hat es mir hinterlassen. Sie meinte, ein junger Mann müsste früh auf seinen eigenen Füßen stehen.«
Er zögerte ein wenig, dann sagte er: »Wenn das alles vorbei ist und wir in dem Haus wohnen, dann holen wir deine Eltern aus Australien zurück.«
Hermine lehnte wieder den Kopf an seine Schulter. Sie genoss es, wenn er ihren Nacken kraulte. Die Vorstellung, mit ihm und ihren Eltern auf ewig vereint zu sein, gefiel ihr. Doch sie war realistisch genug, diesem Trugbild nicht nachzuhängen. »Ich habe Angst vor der Zukunft, genauer gesagt, vor deinem Vater, Draco. Hier in Hogwarts sind wir sicher, aber was passiert, wenn er entlassen wird und erfährt, mit wem du dich eingelassen hast? Er wird dein Haus in die Luft sprengen und mich gleich mit.«
»Er hat sich verändert, Hermine. Das Gefängnis, in dem er nun schon zum zweiten Mal ist, die Zeit vor V... Voldemorts Sturz, das alles hat tiefe Wunden in ihm hinterlassen. Er ist des Kämpfens müde, glaub mir. Natürlich wird er nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn ich ihm seine zukünftige Schwiegertochter präsentiere, aber ich bin zuversichtlich, dass er meine Wahl akzeptieren wird.«
»Was macht dich da so sicher?«, wollte Hermine zaghaft wissen.
»Er ist ein Slytherin. Für die, die ein Slytherin wirklich liebt, seine Familie, seine Freunde, geht er durch die Hölle«, sagte Draco bestimmt.
»Ich gehöre nicht zu diesem Kreis«, widersprach sie.
Draco lächelte beruhigend und strich Hermine eine Haarsträhne aus dem besorgten Gesicht. »Aber ich tue es. Mein Vater liebt mich. Er wird dir niemals etwas antun, weil er weiß, wie sehr er mich damit verletzen würde.« »Hoffentlich sieht er das genauso, wenn es eines Tages soweit ist«, setzte sie leise hinzu.Die Wochen zogen ins Land. Der April neigte sich dem Ende zu. Draco hatte vor einer Woche von seiner Mutter die Nachricht erhalten, dass die Anhörung seines Vaters erfolgreich verlaufen war. Auch die letzten Zeugen hatten bestätigt, dass er sich von dem Dunklen Lord bereits innerlich losgesagt und nicht in Hogwarts gekämpft hatte. Direkt im Anschluss an die Verhandlung wurde sein Vater frei gesprochen. Der Tagesprophet hatte einen Bericht darüber verfasst. Auf dem dazugehörigen Bild waren seine Eltern zu sehen gewesen, die ein wenig gequält in die Kamera gelächelt hatten. Auch Hermine hatte den Artikel gelesen. Sorgenfalten waren auf ihrer Stirn erschienen und Draco war es nicht gelungen, ihre düsteren Gedanken zu vertreiben. Sie dachte immerzu an den Tag der Konfrontation und malte ihn sich in den schrecklichsten Farben aus, während er auf seine Mutter hoffte und den Rest am liebsten verdrängt hätte.
Draco war längst nicht so zuversichtlich in Bezug auf seinen Vater, wie er sich Hermine gegenüber gegeben hatte. Sicher wurde er von Lucius Malfoy geliebt, aber ob diese Liebe groß genug war, Hermine anzuerkennen, löste in ihm starke Zweifel aus.
Es gab sogar Tage, an denen Draco sich fragte, weshalb er ihr das alles angetan hatte. Seine Liebe war selbstsüchtig. Er hätte niemals die Finger nach ihr ausstrecken sollen. Dann wäre sie weiterhin mit Weasley glücklich und hätte ihre Freunde noch. Doch da war diese Sehnsucht in seinem Herzen. Dieser Drang, ihr nah zu sein, ihren Duft zu trinken und ihre Haut unter seinen Fingerspitzen zu fühlen. Er hatte nie etwas Vergleichbares erlebt. Dracos Vater war nach Malfoy Manor zurückgekehrt. Nach und nach musste ihm die Tragweite seiner neuen Situation bewusst werden. Er würde nun miterleben, was es hieß, kein geachtetes Mitglied der Zauberergemeinschaft mehr zu sein. Draco bezweifelte im Gegensatz zu Lucius, dass ihnen das Geld alle Türen öffnen würde. Es gab Menschen, die sich nicht dadurch beeindrucken ließen, wie Hermine zum Beispiel.
Draco musste unwillkürlichen lächeln, als er an sie dachte. Er saß allein hinter der Eiche am schwarzen See. Der Nachmittag war schon weit vorangeschritten. Er lehnte seinen Kopf zurück gegen den Stamm. Sein Lächeln gefror.
Hermine war unglücklich. Sie versuchte es vor ihm zu verbergen, doch er kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass ihre Fröhlichkeit zum Teil nur aufgesetzt war. Da war sicher ihre Angst vor der Zukunft, aber da war auch die Traurigkeit über den Verlust ihrer Freunde.
Die Gryffindors hielten ihre abweisende Haltung aufrecht, selbst Longbottem redete nur das absolut Nötigste mit Hermine. Draco musste sich eingestehen, dass er das zu Beginn völlig in Ordnung fand. Dadurch war Hermine mehr für ihn da und er musste sie nicht mit anderen teilen. Doch ihre traurigen Augen, wenn sie Potter oder dem Wieselmädchen nachblickte, schnitten ihm ins Herz. Draco wusste, Hermine liebte ihn, aber er konnte ihre Freunde nicht ersetzen. Er hatte versucht sie zu trösten, indem er ihr sagte, sie würde neue Freunde finden. Doch Hermine hatte ihn nur betrübt angesehen. Es würde eine andere Art von Freundschaft sein, nicht mehr die ihrer Kindertage, hatte sie gesagt. Keine Menschen, die mit ihr durch dick und dünn gehen würden, auf die sie sich in jeder Lebenslage hätte verlassen können.
»Deine Freunde haben dich doch auch im Stich gelassen«, hatte Draco gerufen, doch Hermine hatte nur den Kopf geschüttelt und betrübt geantwortet: »Nein, Draco, das war ich.«
Dazu war ihm keine passende Erwiderung eingefallen. Er wollte nicht, dass sie sich wegen ihrer Entscheidung für ihn zerfleischte, doch er wusste auch, sie konnte ihre Freunde niemals mehr zurückgewinnen, selbst wenn sie ihn aufgeben würde.
Draco hatte lange überlegt, doch er wusste nicht, wie er Potter dazu bringen könnte, Hermine wieder als Freundin zu akzeptieren. Außer, er setzte Magie ein, aber das kam natürlich nicht in Frage. Sobald Hermine dahinter kam, und daran bestand für Draco keinen Zweifel, würde sie ihm Vertrauensmissbrauch vorwerfen. Sie würde die gute Absicht dahinter zwar erkennen, aber nicht werten. Draco kratzte sich nachdenklich am Kinn. Eigentlich blieb ihm nichts anderes übrig, als mit Potter zu reden. Das Problem daran war nur, dass der Auserwählte überhaupt kein Interesse dafür zeigen würde. Der stand vollkommen unter der Fuchtel von diesem Weasleymädchen. Draco schnaubte. Sie war diejenige, die in der Beziehung die Schritte lenkte. Erstaunlich, dass ihr jüngster Bruder so gar nichts von dieser Tatkraft geerbt zu haben schien. Den hätte Hermine genauso rumkommandiert, wie seine Schwester Potter.
Doch sich Ginny Weasley vorzunehmen war ein aussichtsloses Unterfangen. Die würde in einhundert Jahren nicht nachgeben. Nein, er musste irgendwie an Potter rankommen. Der war nicht aus so einem harten Holz geschnitzt, jedenfalls nicht, wenn es um andere Menschen ging, noch dazu einem Menschen, der ihm einst sehr am Herzen gelegen hatte.
Draco hörte sie schon streiten, als sie noch weit entfernt waren. Vorsichtig lugte er um den Stamm der Eiche. Das Traumpaar von Hogwarts, an das er gerade gedacht hatte, kam geradewegs auf den See zu. Sofort zog sich Draco wieder zurück. Wer weiß, vielleicht war das genau die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Draco zog seine langen Beine dicht an seinen Körper. Den Desillusionierungszauber anzuwenden, wagte er nicht. Dann hätten die beiden ihn zwar nicht sehen, aber durchaus über ihn stolpern können. Draco presste seinen Rücken an die Rinde. Wenn sie ihn hinter dem breiten Stamm bemerken würden, hätte er eben Pech gehabt. Aber er hoffte, dass die beiden so tief in ihren Streit verwickelt waren, dass sie nicht mit einem Lauscher rechnen würden.

Brennendes EisWo Geschichten leben. Entdecke jetzt