Die heulende Hütte [2/3]

1.5K 84 3
                                        


Der nächste Tag war ein Samstag. Die Schüler hatten ihr Frühstück beendet. Ein Rauschen von hunderten von Flügeln kündigte das Eintreffen der Eulenpost an. Hermine erschrak nicht schlecht, als einer der Vögel vor ihr landete. Sie glaubte nicht richtig zu sehen, als die Eule ihr den roten Brief entgegenstreckte, den sie im Schnabel hielt.
Wer um alles in der Welt sollte ihr einen Heuler schicken? Hastig sprang Hermine auf und entriss dem Vogel die Nachricht. So schnell sie konnte, rannte sie zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Sie wusste, je länger sie wartete, desto schlimmer würden die Konsequenzen sein, aber sie hätte den Brief keinesfalls in der großen Halle geöffnet, um allen ein kostenloses Schauspiel zu bieten.
Hermine war gerade durch das Porträtloch geschlüpft, als sie auch schon mit zitternden Fingern den Umschlag öffnete. Mrs. Weasleys Stimme erschallte ohrenbetäubend im Gemeinschaftsraum. Die Fensterscheiben klirrten ein wenig.»WAS BILDEST DU DIR EIGENTLICH EIN? WIR HABEN DICH IN UNSERE FAMILIE AUFGENOMMEN UND ZUM DANK FÄNGST DU ETWAS MIT MALFOY AN. WIR HABEN DAS BILD IN DER ZEITUNG GESEHEN UND RON KONTAKTIERT. ER HAT UNS GESAGT, DASS DU SCHON SEIT EINIGER ZEIT MIT DEM TODESSER GEHST. BIST DU VON ALLEN GUTEN GEISTERN VERLASSEN? DU BRICHST RON DAS HERZ WEGEN SO EINEM?
ES GESCHIEHT DIR RECHT, WENN ER DICH AUSNUTZT. DU HAST NICHTS BESSERES VERDIENT. FÜR ARTHUR UND MICH BIST DU GESTORBEN. WIR WOLLEN NIE WIEDER ETWAS MIT DIR ZU TUN HABEN!«Schreckensbleich sah Hermine zu, wie der Brief explodierte und seine Überreste in das Kaminfeuer schwebten.
»Hast du im Ernst geglaubt, du wärst im Fuchsbau noch willkommen?«
Hermine flog herum. Ron stand im Eingang und Ginny direkt hinter ihm.
»Nein, ich habe mir schon gedacht, dass Weihnachten mein letzter Besuch dort war, nur habe ich nicht mit der Art und Weise der Abfuhr gerechnet«, sagte Hermine tonlos. Sie drehte sich um und stieg hoch in den Mädchenschlafsaal. Sie hörte noch, wie Ron ihr nachrief: »Deine Entscheidung für Malfoy wird dir noch Leid tun. Meine Mutter hat Recht, er verarscht dich nur, aber glaub ja nicht, du könntest wieder angekrochen kommen.«
Hermine antwortete ihm, indem sie die Tür zupfefferte. Einen Augenblick später wurde sie wieder geöffnet und Ginny steckte den Kopf hindurch. »Ich wollte dir nur sagen, egal was meine Familie denkt, Harry und ich halten zu dir. Ich glaube, meine Mutter wird sich schon wieder beruhigen, wenn ich ihr erst einmal alles erklärt habe.«
»Danke Ginny.«
»Ich lass dich dann mal allein.«
Erleichtert vernahm Hermine, wie ihre Freundin sich zurückzog. Sie holte Dracos Blütenzauber aus dem Nachttisch und betrachtete ihn eine Weile. Das gleichmäßige Öffnen und Schließen, verbunden mit dem Farbwechsel beruhigte sie jedes Mal. Sie wusste, solange der Zauber anhielt, ging es Draco gut. Sie hatte Angst um ihn. Der Bericht im Tagespropheten hatte ihr wieder deutlich gemacht, wie misstrauisch die Zaubererwelt auf ihre Verbindung reagierte. Was würde Lucius Malfoy zu dem Artikel sagen? Soweit sie das richtig beobachtet hatte, war heute keine Posteule für Draco angekommen. Merkwürdig, Hermine hatte eigentlich erwartet, dass seine Mutter ihm nunmehr schreiben würde. Sie musste doch mit ihrem Mann über die Wahl ihres Sohnes gesprochen haben.
Während sie vor sich hingrübelte, begannen ihre Augen zuzufallen. Sie stellte Dracos Zauber auf den Nachttisch und schlief ein. Geweckt wurde sie von einem stetigen Klopfen an der Fensterscheibe. Hermine blinzelte. Ein Rabe saß davor und hatte einen Zettel im Schnabel.
Sie stand auf, ging hinüber und öffnete das Fenster. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Der Vogel ließ das Stück Papier in ihre Hand fallen und flog augenblicklich in Richtung des verbotenen Waldes davon.
Verwirrt sah Hermine ihm nach, bevor sie den Zettel entfaltete. Sie erkannte sofort Dracos steile Handschrift.Meine Liebe,
bitte komme so schnell wie möglich zur Heulenden Hütte. Ich habe eine Überraschung für dich und erwarte dich sehnsüchtig. Sage zu niemandem ein Wort, sonst wirkt der Zauber nicht.
In Liebe
DracoHermine stutzte. Ihr Bauch signalisierte ein mulmiges Gefühl. Weshalb hatte er diesen unwirtlichen Ort gewählt und warum tat er so geheimnisvoll? Es war eindeutig seine Handschrift, aber der Stil der Mitteilung passte nicht so recht zu ihm. Hermine schob ihre Bedenken beiseite. Sie legte den Zettel mit Dracos Nachricht neben seine Zauberblume und verließ den Gryffindorturm.Enttäuscht hatte Draco feststellen müssen, dass seine Mutter ihm abermals nicht geschrieben hatte. Dafür hatte Hermine einen Heuler erhalten, mit dem sie sich schleunigst entfernte. Draco dachte sich schon, dass der Brief nur von der Wieselmutter stammen konnte. Hoffentlich hielt Ginny weiterhin an ihrer Freundschaft mit Hermine fest. Er fände es mehr als bedauerlich, wenn die zart geknüpften neuen Bande wieder zerschnitten würden. Draco beobachtete, wie die Weasleygeschwister Hermine nachgingen. Sie war bestimmt zu ihrem Gemeinschaftsraum gelaufen. Dorthin konnte er ihr ohnehin nicht folgen. Draco würde später mit ihr darüber reden. Langsam erhob er sich. Er überlegte, die Eulerei aufzusuchen. Wenn seine Mutter ihm nicht schrieb, so musste er es tun. Die Ungewissheit hielt er jedenfalls nicht länger aus.
Zunächst kehrte Draco in den Gemeinschaftsraum der Slytherins zurück. Er setzte sich in einen der grünen Sessel und schlug die Beine übereinander. Er brütete darüber nach, weshalb seine Mutter sich nicht bei ihm gemeldet hatte. War das nun gut oder schlecht?
Seine Grübeleien wurden durch Blaise Zabini unterbrochen, der ebenfalls den Gemeinschaftsraum betrat. »Dieses Nichtwissen ist zermürbend, was Draco?« Er lümmelte sich in den anderen Sessel. »Du solltest selbst an deine Mutter schreiben.«
»Stell dir vor, der Gedanke ist mir auch gekommen. Ich weiß nur noch nicht recht, wie ich es anfangen soll.«
Zabini legte die Finger aneinander. »Angenommen, dein Vater nimmt die Freundschaft zwischen dir und Hermine nicht gut auf, dann wäre es fatal, wenn ihm dein Uhu in die Hände fällt. Du solltest jedenfalls nichts Genaues schreiben. Vielleicht wäre es das Beste, wenn du eine Schuleule nehmen würdest. Dann schöpft er erst einmal keinen Verdacht.«
»Du verstehst es echt einem Mut zu machen, Blaise.« Dracos Stimme tropfte vor Ironie. »Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn du vom schlimmsten möglichen Fall ausgehst, kannst du nur positiv überrascht werden.«
»Deine Logik ist heute mal wieder bestechend.« Draco holte sich Pergament und Feder. »Dann leg mal los, ich habe keine Ahnung, wie ich anfangen soll.«
Sie brauchten lange Zeit. Etliche Entwürfe flogen im grünen Licht des Gemeinschaftsraumes umher, bis die beiden sich endlich auf einen einigen konnten. Zabini lehnte sich aufatmend zurück. »Es ist schon fast Mittagszeit. Los Draco, schwing dich in die Eulerei, damit der Brief heute noch ankommt.«
Der blonde Slytherin stand auf. Einen Augenblick später fanden die verworfenen Notizen ihren Weg ins Kaminfeuer und der Gemeinschaftsraum sah aus wie immer. Draco verließ die Schule und ging geradewegs zur Eulerei. Wie gewöhnlich hielt er kurz vor der Tür die Luft an, bevor er eintrat. Er sah sich um. Sogleich segelte lautlos sein Uhu heran.
»Nein Baldur, du bleibst besser hier.«
Der große Vogel klackerte mit dem Schnabel. Draco holte ein paar Erdnüsse aus der Tasche. »Dich erkennt Vater doch sofort.«
Er strich dem Uhu einige Male sanft über den Kopf.
Draco sah sich nach einem geeigneten unauffälligen Briefträger um, als eine Schleiereule auf dem Fenstersims landete und sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
»Mathilde!«
Die Eule seiner Mutter flog auf Dracos ausgestreckten Arm und hielt ihm ihr Bein hin. Vorsichtig löste er die daran befestigte Nachricht, setzte den Vogel auf eine Stange und belohnte Mathilde ebenfalls mit einigen Erdnüssen.
Er trat an die Fensteröffnung und entrollte das Pergament.Mein lieber Draco,
dein Vater ist seit heute Morgen spurlos verschwunden. Wir haben uns gestern fürchterlich gestritten. Er hat das Bild von dir im Tagespropheten gesehen und war außer sich. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass eine Verbindung mit Hermine Granger unserer Familie nur zum Vorteil gereichen würde, doch er war überhaupt nicht fähig, mir zuzuhören.
Ich habe den Blick gesehen, den das Mädchen dir zuwarf. Kompliment Draco, du hast es tatsächlich geschafft, sie zu gewinnen. Ihrem Gesichtsausdruck auf dem Foto nach zu urteilen, ist sie wirklich in dich verliebt. Alles könnte so wunderbar sein, doch dein Vater will den Nutzen, der aus dieser Verbindung entstehen würde, einfach nicht sehen. Er hat mir auch nicht geglaubt, dass du dich um das Mädchen bemüht hast. Lucius ist der festen Überzeugung, Hermine Granger muss dich verhext haben. Er weiß, dass du im Innersten froh über den Sturz des Dunklen Lords bist und viele seiner Ansichten nicht geteilt hast. »Du würdest aber niemals die Ideale verraten, mit denen du erzogen wurdest und deine Familieehre derart beschmutzen«, schrie er mir entgegen.
Ich fürchte, dein Vater ist nach Hogwarts unterwegs. Er war so aufgebracht, Draco, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Du musst deine Freundin schützen, das bist du ihr schuldig. Ich glaube nicht, dass dein Vater dir in seinem Zorn etwas antun würde, aber bei Miss Granger bürge ich für nichts. Geh zu Professor McGonagall, erkläre ihr alles, damit dein Vater keinesfalls unter einem Vorwand die Schule betreten kann. Dann suche ihn. Ich vermute ihn in Hogsmeade. Bemühe dich, mit ihm zu reden und ihn zu beruhigen.
Er wird auf einer Trennung mit Miss Granger bestehen. Die Entscheidung musst du natürlich selbst treffen. Solltest du jedoch bei deiner Freundin bleiben wollen, befürchte ich, wird dein Vater keine Ruhe geben, bis sie endgültig aus deinem Leben verschwunden ist.
Du weißt, er hat keine Skrupel, einen unverzeihlichen Fluch auszusprechen, auch wenn das für ihn bedeutet, wieder hinter die Mauern von Askaban zu wandern.
Wenn du das Mädchen wahrhaft liebst mein Sohn, dann trenne dich von ihr, ansonsten wird dein Vater sie töten.
In Liebe
Deine Mutter

Brennendes EisWo Geschichten leben. Entdecke jetzt