Die Strafarbeit
Hermine lag wach im Krankenflügel. Madam Pomfrey hatte ihre Wunde versorgt. Da Draco diese so schnell geschlossen hatte, war der Blutverlust nicht weiter tragisch. Hermine bekam zwar einen Blut bildenden Trank, aber das war nur eine Vorsichtsmaßnahme. Mehr Sorgen bereiteten der Medihexe die Löcher, welche die Zähne der Hydra hinterlassen hatten. Sie waren sehr tief und heilten nur langsam. »Ich fürchte, es werden ein paar Narben zurückbleiben, Miss Granger. Eine Erinnerung an Ihr Abenteuer.«
Es blieben Hermine noch viel mehr daran, doch die waren nicht sichtbar.
Professor McGonagall suchte ihre Schülerin sofort auf, sobald Madam Pomfrey die Erlaubnis dazu gab. Hermine erzählte der Lehrerin alles, angefangen von dem Patronus bis zu dem Moment, als Draco und sie das Schulleiterbüro betreten hatten.
Daraufhin schwieg Professor McGonagall eine Weile, bevor sie ruhig sagte: »Ist Ihnen eigentlich klar, wie viel Glück Sie hatten? Das meine ich jetzt nicht nur in Bezug auf die Schlange.«
Hermine antwortete nicht.
Die Schulleiterin kniff die Augen zusammen und wurde deutlicher. »Es ist nicht meine Art, über andere Schüler zu sprechen, aber es wundert mich sehr, dass Draco Malfoy Sie nicht im Stich gelassen hat. Wir haben ihn alle eher als feigen Menschen kennen gelernt.«
»Vielleicht lassen wir uns bei Slytherins zu leicht von Äußerlichkeiten ablenken, oder haben zu viele Vorurteile ihnen gegenüber«, sagte Hermine leise.
Professor McGonagall schürzte die Lippen. »Sie beide haben ganz im Sinne des Sprechenden Hutes gehandelt. Ich hätte nur nicht erwartet, dass es ausgerechnet bei Malfoy geschieht. Er hat sich übrigens nach Ihnen erkundigt.«
»Wirklich?«, fragte Hermine verblüfft.
»Natürlich nicht direkt und vor aller Augen, aber immerhin so, dass ich annehme, sein Interesse ist nicht nur geheuchelt. Er hat mich gebeten, Sie zu fragen, ob er Sie besuchen dürfte.«
»Gebeten?«, echote Hermine.
Professor McGonagalls Mundwinkel zuckten. »Nun ja, er hat es eher so dargestellt, dass er nach all dem Stress, den er mit Ihnen hatte, nun auch noch einen Krankenbesuch auf sich nehmen könnte.«
»Sagen Sie ihm, er kann bleiben, wo der Pfeffer wächst.« Hermine war verärgert. Sie wollte sein Mitleid nicht.
»Er wird enttäuscht sein, Miss Granger. Ihm war die Erleichterung deutlich anzusehen, als er hörte, dass Sie bald wieder gesund wären und ich zuversichtlich bin, dass Sie ihn sehen wollen.«
»Meinetwegen, dann schicken Sie ihn halt her, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es so einrichten würden, dass er nicht gerade dann bei mir auftaucht wenn meine Freunde hier sind.«
Professor McGonagall nickte. »Wo wir gerade von ihnen reden, Harry Potter und die Weasleys wollen natürlich sofort zu Ihnen. Ich muss Ihnen aber das Versprechen abnehmen, niemandem von dem zu erzählen, was sich unter der Schule zugetragen hat. Damals der Basilisk und jetzt eine Hydra. Der Ruf der Schule ist bald völlig ruiniert.«
»Ich hatte noch nie ein Geheimnis vor ihnen«, sagte Hermine kleinlaut. »Es passt mir nicht, dass ich jetzt ausgerechnet eins mit Draco Malfoy haben soll.« Dabei fiel ihr auf, dass sie ein solches bereits mit ihm hatte, denn auch über den Patronus würde sie schweigen müssen.
»Das ist nun einmal leider nicht zu ändern. Schade, Mr. Weasley wäre bestimmt erfreut, wenn er wüsste, wie heldenhaft der Slytherin Ihr Leben verteidigt hat«, behauptete die Lehrerin.
Das sah Hermine allerdings anders, sagte aber nichts dazu.
Nicht lange nach Professor McGonagalls Besuch kamen Harry, Ron und Ginny, beladen mit Süßigkeiten und einigen Büchern, an ihr Krankenbett gestürmt. Sie bedrängten sie mit Fragen, doch Hermine gab ihnen klipp und klar zu verstehen, dass die Schulleiterin ihr den Mund verboten hatte.
Ron brütete vor sich hin. »Muss ja was ganz Schlimmes sein, wenn du nicht darüber sprechen darfst. Das hat doch nichts mit Malfoy zu tun, oder?«
»Wie kommst du denn auf den?«, fragte Hermine betont unschuldig.
Ron zuckte die Achseln. »Ich meine ja nur, er war schließlich auch nicht auf der Party und da dachte ich ...«
»Und da dachtest du, deine Freundin geht Händchen haltend mit deinem Feind spazieren und feiert mit ihm alleine Halloween«, fauchte Hermine.
»Es stört mich halt, dass du jetzt ein Geheimnis vor mir hast«, maulte Ron.
»Ach, hast du etwa keine?«, fuhr Hermine auf und dachte an sein Treffen mit Lavender Brown.
»Jetzt hört schon auf, euch zu streiten«, sagte Harry. »Wir sind heilfroh, dass es dir wieder besser geht, Hermine. Als du nicht auf dem Fest aufgetaucht bist, hatten wir zuerst angenommen, du hättest eine tolle Verkleidung. Doch so nach und nach wurde uns bewusst, dass du tatsächlich nicht da warst. Wir haben McGonagall die Hölle heiß gemacht. Zuerst wollte sie es abtun. Dann wurde sie jedoch unruhig, als das Schloss durchsucht wurde und weder wir, noch die Geister dich fanden. Zu allem Überfluss kam noch Zabini und sagte, Malfoy sei auch nicht auffindbar. Da hatten wir noch mehr Angst bekommen. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass er dir hinterrücks einen Fluch aufgehalst hatte und dich irgendwo versteckt hielt.« Harry machte eine kleine Pause. Doch Hermine hütete sich, etwas über den Slytherin zu sagen.
Zu ihrer Erleichterung erschien kurz darauf Madam Pomfrey und scheuchte die drei hinaus.
Hermines Freunde besuchten sie auch am nächsten Tag. Diesmal sprachen sie Hermines Verschwinden nicht an und es entspann sich eine fröhliche Unterhaltung.
Nur einmal schoss Hermine giftige Blicke auf Ron, als er sich darüber lustig machte, dass Draco Malfoy immer noch keinen Patronus zustande brachte. »Er hat es im Unterricht nicht einmal versucht, hat behauptet, er würde mit dem Gryffindor weiterüben und den Patronus vorführen, sobald er ihn beherrscht.«
»Er hat gelogen, damit ihm und mir keine Punkte abgezogen werden«, sagte Harry und sah die anderen ein wenig herausfordernd an. »Und ihr könnt von mir jetzt denken, was ihr wollt, ich bin ihm sogar dankbar dafür. Ich weiß nicht, wie lange er die Geschichte aufrecht erhalten kann, doch Professor Wyckham hat sich zunächst damit zufrieden gegeben.«
Hermine sah auf ihre Finger, die sich während der letzten Minute unwillkürlich in die helle Bettdecke gekrallt hatten. »Hast du ihn noch mal gefragt, ob er nicht doch mit dir trainieren will?«
»Hermine, also wirklich, diese Blöße werde ich mir nicht geben. Vielleicht lässt der Professor auch Milde walten. Ich glaube nicht, dass es in der Familie Malfoy schon einen gegeben hat, der es konnte.« Harry grinste.
»Einer ist immer der erste«, widersprach Hermine. »Sirius wurde auch nach Gryffindor geschickt, obwohl alle anderen Mitglieder seiner Familie in Slytherin waren.«
»Malfoy ist aber ein waschechter Slytherin!«, sagte Harry scharf.
Hermine zog vor, das Thema zu wechseln. Sie verstand ihren Drang nicht, Draco vor den anderen zu verteidigen. Selbst wenn sie von seinem Verhalten berichten könnte, keiner ihrer Freunde würde ihr glauben. Sie konnte es ja selbst kaum.
Nachdem Harry, Ron und Ginny gegangen waren, starrte sie lange an die Decke. Von Zeit zu Zeit nahm sie sich einen der Schokofrösche, die ihr die drei mitgebracht hatten. Sie ärgerte sich ein wenig über sich selbst. Seit Professor McGonagall Dracos möglichen Besuch erwähnt hatte, musste sie immer wieder an ihn denken und gestand sich ein, dass sie auf ihn wartete. Nun war sie schon seit drei Tagen hier und er hatte sich bis jetzt noch nicht blicken lassen. Mittlerweile begann Hermine sich selbst davon zu überzeugen, dass seine Fürsorge nur gespielt gewesen war.
Inzwischen lag sie allein im Krankenflügel. Der letzte Patient war heute Mittag entlassen worden. Draußen hatte sich die Dunkelheit hinabgesenkt. Das Abendessen musste längst vorüber sein.
Madam Pomfrey kam herbei und schnippte mit ihrem Zauberstab die Lampe auf Hermines Nachttisch an. »Noch nicht schlafen, meine Liebe, sonst sind sie morgen wieder so früh wach.«
Sie wuselte noch ein wenig im Saal herum, bis es an der Tür klopfte. Madam Pomfrey öffnete sie. »Ah, da sind Sie ja. Miss Granger liegt da vorne, hinter dem dritten Paravent.«
Hermine richtete sich im Bett auf und fuhr sich hastig mit den Fingern durch die Haare. Eine Sekunde später tauchte Dracos blonder Schopf hinter dem grünen Stoff auf.
»Hallo Granger«, sagte er und schmunzelte.
Hermines Herz schien ein wenig schneller zu schlagen.
Draco sah sich offenbar nach einem Stuhl um, fand keinen und folgte zögernd ihrer Aufforderung, sich auf den Bettrand zu setzen.
Verlegen öffnete er sein Jackett und holte ein kleines rundes Glas heraus. Auf dem Boden lag feiner Sand und in der Mitte befand sich eine Lotosblüte. Draco tippte kurz mit dem Zauberstab dagegen und die Blüte begann sich zu öffnen. Dabei wurde sie orange, während der Sand eine blaue Farbe annahm. Etwas später schloss sie sich, nur um im nächsten Augenblick in Grün zu erblühen und der Sand blutrot wurde.
»Wunderschön«, sagte Hermine hingerissen. »Ist das etwa für mich?«
»Wie kommst du denn darauf? Das ist mein Bestechungsgeschenk für die Medihexe.«
Hermine glaubte zu bemerken, wie eine feine Röte sein blasses Gesicht überzog, während er die Schokofroschschachteln achtlos beiseite schob und die Blume auf ihrem Nachttisch platzierte.
»Danke Draco, das ist wirklich sehr lieb von dir. Ein netter kleiner Zauber. Hast du ihn dir selbst ausgedacht?«
Der Slytherin nickte verlegen. »Schließlich wollte ich nicht, dass jemand merkt für wen er ist. Außer McGonagall und Madam Pomfrey weiß auch niemand, dass ich hier bin.«
»Deshalb kommst du so spät, normalerweise ist doch jetzt Ausgangssperre.«
»Unter den gegebenen Umständen hat McGonagall eine Ausnahme gemacht. Ich hoffe nur, dass Potter nicht wieder unter seinem Tarnumhang nachts durch die Gänge schleicht.« Draco klang missmutig.
»Warum bist du überhaupt gekommen, wenn es dir so unangenehm ist?«, fragte Hermine enttäuscht.
Draco wirkte beschämt. »Weil ich dich sehen wollte, Granger. Ich musste mich selbst davon überzeugen, dass du über den Berg bist.«
»Ich habe dir noch gar nicht gedankt«, sagte Hermine, irritiert durch das heftige Pochen in ihrer linken Brust.
»Geschenkt. Hätte ich dich nicht gegen die Schrankwand gedrückt, wäre das alles nicht passiert.«
»Das hättest du nicht getan, wenn ich nicht versucht hätte, an dir vorbei zu kommen«, gestand sie ehrlich.
Draco straffte die Schultern. »Du machst mir keine Vorwürfe?« Er klang überrascht.
Hermine seufzte. »Wenn, dann höchstens mir selbst. So den Kopf zu verlieren wegen dieser Lavender. Ich habe schon damals nicht verstanden, was Ron an der so toll fand. Kapierst du es?«
»Ich?«, fragte Draco entsetzt.
»Ja, du bist schließlich männlichen Geschlechts, also, was ist an der so anziehend?« Hermine brannte vor Neugier.
Der Blonde saß einen Moment lang da und sah aus, als müsste er sich krampfhaft ins Gedächtnis rufen, wer Lavender Brown überhaupt war. Schließlich zuckte er mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, aber mir ist auch schleierhaft, was du an Weasley gefressen hast.«
»Ron ist nett, lustig, mutig und hilfsbereit. Für seine Freunde würde er durchs Feuer gehen«, sagte Hermine sofort.
»Warum er? Ich könnte ja noch verstehen, wenn du an Potter interessiert wärst, der ist berühmt und hat immerhin ein Minimum an Intelligenz aufzuweisen, aber Weasley?«
»Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Es passiert einfach«, antwortete sie dünn.
Draco sah Hermine an und sie senkte den Blick. »Aber ich kann mir vorstellen, was ihn an dir reizt«, sagte er leise. »Ich glaube nicht, dass er dich für diese Lavender verlassen würde.«
Hermine blickte weiter auf ihre Hände. Weshalb nur trommelte ihr Herz so schnell? »Fährst du Weihnachten nach Hause?«, fragte sie, nur um das Thema zu wechseln.
»Wie jedes Jahr, und du?« Er sprach wieder mit normaler Lautstärke.
»Ich darf mit Harry die Ferien bei den Weasleys verbringen.«
»Warum fährst du nicht zu deinen Eltern?«
Falsche Frage. Hermine spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie wandte den Kopf und wischte sie mit dem Handrücken ab. Sein Gesicht war plötzlich ganz nah. Sie roch seinen Duft nach frisch gemähtem Gras und Pfefferminz.
»Ich habe vor einem Jahr ihre Gedächtnisse gelöscht und sie nach Australien geschickt. Sie sollten vor Voldemort in Sicherheit sein«, presste sie hervor.
Draco zuckte bei der Nennung des Namens zusammen und lehnte sich wieder zurück. »Schon merkwürdig«, sagte er langsam, wobei er aus dem Fenster starrte. »Wir beide haben versucht, unsere Eltern zu schützen, nur mit unterschiedlichen Methoden.«
»Du wolltest Menschen umbringen!«, entfuhr es der Gryffindor.
»Und sogar damit bin ich gescheitert.« Draco klang bitter.
Hermine berührte vorsichtig seine Hand, die auf der Bettdecke ruhte. Draco sah sie an.
»Ist es nicht ein erhabeneres Gefühl, jemanden zu retten? Selbst eine wie mich?«, fragte sie scheu.
Er ließ die Antwort offen, doch seine Hand drehte sich und seine Finger schlossen sich sanft um ihre.
»Ich sollte jetzt gehen, Granger«, sagte er, während sich seine Augen in den ihren versenkten.
»Ja«, antwortete Hermine, entzog ihm ihre Hand jedoch nicht. Sie versuchte, das elektrisierende Kribbeln einzuordnen, das seine Finger auf ihrer Haut hinterließen. Sein Daumen streichelte behutsam über ihre Knöchel.
Dann drückte er beinahe zärtlich ihre Hand und ließ sie los. »Gute Besserung, Granger. Wir sehen uns dann im Unterricht.«
Hermine antwortete nicht, ihre Kehle war zugeschnürt. Sie schaute Draco nach, und als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, fühlte sie sich plötzlich einsam.
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Brennendes Eis
FanfictionDas goldene Trio kehrt nach dem Tod Voldemorts nach Hogwarts zurück. Hermine freut sich auf ein letztes ruhiges Schuljahr mit ihrem geliebten Ron, doch das Schicksal hat andere Pläne. Ständig kreuzt Draco Malfoy ihren Weg. Zuerst sacht, dann immer s...
