Am nächsten Tag versuchte Hermine eine Besuchserlaubnis bei Madam Pomfrey zu erwirken. Doch die Medihexe zeigte sich unerbittlich. »Mr. Malfoy hat das Bewusstsein noch nicht wieder erlangt. Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid, wenn er aufwachen wird. Doch bis dahin muss ich auf absolute Ruhe für meinen Patienten bestehen.«
Hermine reckte den Hals. Draco war in den hinteren Teil der Krankenstation verlegt worden. Es erschien ihr jedoch, als würde jemand bei ihm sein. Hermine glaubte einen menschlichen Umriss durch den Paravant schimmern zu sehen.
»Er hat doch Besuch«, protestierte sie.
»Das ist seine Mutter. Sie ist eben angekommen. Ich kann ihr nicht verwehren, nach ihrem Sohn zu sehen. Sie, Miss Granger, haben ihn gestern mit hierher gebracht. Sie konnten sich bereits mit eigenen Augen davon überzeugen, wie es um ihn steht. Nun muss ich Sie bitten zu gehen.«
Hermine warf einen letzten sehnsüchtigen Blick in Dracos Richtung und verließ missmutig die Krankenstation.
Sie musste bis zum Nachmittag warten, ehe Professor McGonagall sie in ihr Büro beorderte. Sie verharrte einen langen Augenblick in der Tür, als ihr Blick auf das silberblonde Ehepaar fiel, das auf zwei Stühlen vor einem runden Tisch Platz genommen hatte. Das Möbel war neu, wahrscheinlich extra zu diesem Gespräch hergeschafft worden. Die Form deutete darauf hin, dass die Schulleiterin ein äußeres Zeichen setzen wollte, um sich mit ihnen als gleichberechtigt zu unterhalten. Sie saß ebenfalls dort und deutete auf den freien Stuhl neben sich. »Kommen Sie, Miss Granger.«
Narzissa Malfoy wandte den Kopf. Sie lächelte in einer Art und Weise, die wohl eine Ermunterung darstellen sollte, doch Hermine blieb reserviert. Ihre Augen suchten Lucius Malfoy, der stur vor sich auf die Tischplatte starrte. Vorsichtig, mit geradem Rücken, jederzeit bereit aufzuspringen, setzte sich Hermine auf die Stuhlkante. »Entspannen Sie sich Miss Granger«, sagte Professor McGonagall. »Niemand wird Ihnen etwas antun.«
Dracos Mutter nickte, während sein Vater sich immer noch ausschließlich für den Tisch interessierte. Aus dem Nichts erschienen plötzlich vier Teetassen mit dampfendem Inhalt.
Professor McGonagall griff nach ihrer, nahm einen Schluck und setzte sie wieder ab. »Ich habe Sie rufen lassen, weil Draco Malfoys Eltern Ihnen etwas zu sagen haben, das Sie mit Sicherheit sehr freuen wird.«
Hermines Kopf ruckte herum und sie sah ihre Lehrerin an. Professor McGonagall zeigte eines ihrer seltenen Lächeln. »Darf ich die gute Nachricht vorwegnehmen?«, fragte sie mit Blick auf das Ehepaar.
»Tun Sie das, Ihnen wird sie mehr glauben als uns«, antwortete Narzissa.
Die Schulleiterin berührte Hermine kurz an der Schulter. »Mr. und Mrs. Malfoy haben nichts gegen eine Verbindung zwischen Ihnen und ihrem Sohn einzuwenden.«
Hermines Hände wurden feucht, während ihr Mund sich plötzlich ganz trocken anfühlte. Sie sah skeptisch zu Dracos Mutter.
Narzissa beugte sich ein wenig vor. »Ich hatte mit Draco schon Weihnachten darüber gesprochen. Hat er Ihnen das nicht erzählt?«
»Doch«, antwortete Hermine und ihre Stimme klang ihrer Meinung nach ein wenig dünn.
»Ich weiß jetzt, wie sehr mein Sohn Sie liebt, doch ich muss wissen, ob Sie seine Gefühle mit gleicher Intensität erwidern.«
Hermine nickte wie in Trance. Dracos Mutter lehnte sich erleichtert zurück. »Ich dachte es mir, als ich das Bild im Tagespropheten gesehen habe.«
»Und er?« Hermine deutete mit dem Kopf auf Malfoy senior.
Narzissa ergriff sein Handgelenk und drückte es sanft.
»Lucius?«, sagte sie bloß.
Dracos Vater räusperte sich. Seine Augen klebten nach wie vor an der Tischplatte. »Nun gut, meinetwegen«, murmelte er dem Holz zu.
»Weiter Lucius«, forderte seine Frau ihn auf. »Es wäre nett, wenn du Miss Granger dabei ansehen würdest. Ein Malfoy verfügt neben Stil auch über gute Manieren.«
Hermine biss sich unwillkürlich auf die Lippen, als Lucius den Blick hob und seine hellgrauen Augen, die so sehr denen seines Sohnes ähnelten, auf die ihren trafen.
»Es ... es tut mir Leid, Miss Granger. Draco hat seine Frau gewählt und ich werde seine Entscheidung akzeptieren.« Er hielt inne und sah aus, als müsste er an dem nächsten Satz ersticken. »Ich, ich habe eine, nein, sogar zwei Bitten an Sie.«
Narzissa legte nun ihre Hand auf seine und ihre Finger verflochten sich ineinander. Lucius richtete sich ein wenig auf. »Ich ersuche Sie, ein gutes Wort für mich bei meinem Sohn einzulegen«, würgte er hervor und sein Blick wanderte erneut zum Tisch.
Hermine starrte Dracos Vater an. Sie hatte flüchtig den Eindruck, kleine Rauchschwaden von dem Holz aufsteigen zu sehen. Lucius Malfoy sah kurz auf und dann über Hermines Kopf hinweg.
»Wissen Sie, was Sie da von mir verlangen?«, fragte sie langsam.
»Ich fordere nicht, ich b... bitte Sie. Draco ist mein einziger Sohn. Durch meinen Fehler wird er sich von mir abwenden. Ich habe ihn nur noch mehr in Ihre Arme getrieben.«
Narzissas Knöchel hoben sich hervor, als ihre Finger sich um seine Hand krampften.
»Ich weiß, dass Sie bedauern, Ihren Sohn beinahe umgebracht zu haben. Doch ich bin nicht sicher, ob es Ihnen Leid tut, dass Ihr Fluch mich verfehlt hat. Bereuen Sie auch Ihren Versuch, mich zu töten?«, fragte Hermine leise.
Jetzt sah Dracos Vater ihr fest in die Augen. »Ja«, sagte er.
Sie erkannte, dass es die Wahrheit war. Hermine vermutete, es lag daran, dass er nun, wo er die wahren Gefühle seines Sohnes für sie erkannt hatte, ihm nicht den Schmerz zufügen wollte, seine Liebe zu verlieren. »Ich weiß, dass Sie Draco viel bedeuten und dass er unter einer Entfremdung leiden würde. Also gut, ich verzeihe Ihnen um Dracos willen. Und Bitte Nr. zwei?«
Lucius versuchte ein Lächeln, dass wohl entschuldigend wirken sollte, doch es sah eher aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Der Fluch«, begann er und Hermine sah, wie der stolze Zauberer anfing zu zittern. »Ich will nicht zurück nach Askaban«, krächzte er und sah die Gryffindor jetzt beinahe bettelnd an.
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Hermine und unterdrückte den Nachsatz, das hätte er sich früher überlegen müssen. Natürlich wusste sie, worauf Dracos Vater hinaus wollte und grübelte bereits über ihre Antwort nach.
Lucius Augen schnellten zu Minerva McGonagall, die ihn naserümpfend betrachtete und mit den Schultern zuckte. »Wie gesagt, die Entscheidung werden wir Miss Granger überlassen. Sollte Sie einverstanden sein, werde ich mich dem anschließen.«
Erneut fixierte Dracos Vater Hermine. »Bitte, Miss Granger, melden Sie mich nicht dem Ministerium. Ich flehe Sie an.«
Das musste Hermine erst einmal verdauen. Nicht die Bitte an sich, damit hatte sie gerechnet, aber nicht mit seiner Wortwahl. Es hatte den Mann sicherlich einiges an Überwindung gekostet. Doch jetzt hatte sie Lucius Malfoy da, wo sie sich niemals erträumt hätte, ihn zu haben. Er war ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und er wusste das.
Die Gryffindor bemühte sich, das plötzliche triumphale Gefühl, das sich in ihrem Innern ausbreitete, nicht nach außen dringen zu lassen. Sie räusperte sich, bewusst, dass durch die Verzögerung die beinahe greifbare Spannung zwischen ihnen nur noch mehr anstieg. Drei Augenpaare waren auf sie gerichtet, als Hermine langsam sagte: »Sie haben bereits zugestimmt, mich an Dracos Seite zu sehen. Würde sich das ändern, wenn ich Sie dennoch anzeigen würde?«
Die junge Frau hielt überrascht die Luft an, als Lucius schwerfällig den Kopf schüttelte. »Ihnen ist doch bewusst«, bohrte Hermine weiter, »dass Sie damit Ihr Druckmittel aus der Hand gegeben haben.«
Diesmal folgte ein müdes Nicken.
Erst jetzt lehnte sich Hermine entspannt zurück. »Also gut«, sagte sie schließlich. Es war sicherlich nicht der schlechteste Anfang, wenn Lucius Malfoy in ihrer Schuld stand. Außerdem hatte Draco Harry aus dem Wasser gezogen und vielleicht konnte sie ihm das vergelten, indem sie verhinderte, dass sein Vater wieder eingesperrt wurde. Doch eine Bedingung musste sie stellen, schon allein um Harrys und Ginnys Willen. Damit auch die beiden sich künftig keine Sorgen um ihre Freundin machen mussten. Deshalb sagte sie nachdrücklich: »Von mir aus müssen Sie nicht wieder in das Gefängnis – sofern Sie mich nie wieder bedrohen.« »Danke«, quetschte Lucius hervor und seine Augen schimmerten feucht, während seine Frau über das ganze Gesicht strahlte. »Sie haben mir gerade das Leben gerettet.«
Hermine beugte sich ein wenig vor und grinste ihren zukünftigen Schwiegervater beinahe frech an. »Daran kann man sich gewöhnen. Draco hat es auch schon mehrfach getan. Sie sollten es ebenfalls einmal versuchen.«Langsam tauchte sein Bewusstsein an die Oberfläche. Er spürte zwei unterschiedliche Hände, welche seine festhielten. Draco blinzelte. Ein brauner und ein blonder Haarschopf schoben sich in sein eingeschränktes Sichtfeld.
Seine Hände wurden stärker umklammert. »Ich glaube, er wacht auf«, sagte eine Stimme, die er seiner Mutter zuordnete.
Seine Mutter? Draco öffnete seine Augen ein Stück weiter. Tatsächlich, dort saß Narzissa Malfoy und auf der anderen Seite des Bettes – sein Herz machte einen Hüpfer – Hermine.
Nun riss er die Augen ganz auf. »Hallo«, krächzte er. »Da sind ja die beiden Frauen, die mir am wichtigsten auf der Welt sind.« Seine Worte riefen ein beidseitiges Lächeln hervor. Er sah von einer zur anderen. »Wie lange war ich weg?«
»Drei Tage«, antwortete seine Mutter.
»Was ist passiert?«
Abwechselnd berichteten Hermine und Narzissa, was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte. Dracos Lippen begannen zu beben und seine Augen glänzten freudig, als seine Mutter ihm erzählte, dass Hermine von nun an in ihrer Familie offiziell willkommen war.
»Vater akzeptiert sie auch?«, fragte Draco skeptisch nach.
Narzissa nickte und wandte leicht den Kopf. Lucius Malfoy trat in das Blickfeld seines Sohnes. Sofort spannte sich Draco an. »Du wolltest sie umbringen«, stieß er hervor.
Sein Vater warf Hermine einen Blick zu, der auf seinen Sohn irgendwie flehend wirkte. Sogleich streichelte Hermine behutsam seine Hand. »Ich habe ihm verziehen und werde ihn nicht dem Ministerium melden, damit er nicht wieder ins Gefängnis muss. Er wollte nur das Beste für dich, nach seinen Vorstellungen.«
Draco sah seinen Vater scharf an. »Ich entscheide, was oder besser wer das Beste für mich ist.«
Lucius nickte und wagte sich einen Schritt näher an das Bett heran. »Es ist in Ordnung, Draco. Wenn es Miss Granger sein soll, dann akzeptiere ich deine Wahl.«
Draco brauchte einen Moment, bis er den Sinn dieser Worte realisiert hatte. »Ich werde Hermine heiraten«, betonte er, »und eine Familie mit ihr gründen.« Gespannt beobachtete er die Gesichtszüge seines Vaters.
»Das ist die natürliche Konsequenz wenn man sich liebt«, sagte Lucius und sah seinem Sohn in die Augen.
Draco ließ sich ein wenig in die Kissen zurücksinken. Dann breitete sich ein entspanntes Grinsen auf seinen Zügen aus. »Dann war das die Sache doch wert. Ich glaube nämlich nicht, dass du dich ebenso schnell von drei derart mächtigen Schockzaubern erholt hättest.«
»Du verzeihst mir?«, fragte Lucius und konnte das Zittern aus seiner Stimme nicht heraushalten.
»Für den Fluch hättest du eigentlich lebenslänglich Askaban verdient, doch wenn Hermine sich großherzig zeigt, kann ich das auch, zumal du deinen Fehler wirklich einsiehst«, meinte Draco. »Doch wehe dir, du versuchst je wieder ihr etwas anzutun.«
Sein Vater schüttelte energisch den Kopf und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu.
»Wir werden in Großmutters Haus leben. Ihr versteht sicherlich, dass Hermine kein allzu großes Verlangen verspürt, in Malfoy Manor zu wohnen. Außerdem halte ich es dennoch nicht für ratsam, wenn ihr euch täglich über den Weg lauft.« Seine Eltern senkten betreten die Blicke, aber vor allem sein Vater sah eindeutig erleichtert aus.
Draco hob die Hand und deutete zur Tür. »Zudem ist Hermine nicht das einzige Mitglied des Hauses Gryffindor, das ihr ab jetzt häufiger zu Gesicht bekommt.«
Lucius fuhr herum. Harry Potter und Ginny Weasley zögerten, als sie die Malfoys erblickten, doch Draco winkte sie heran.
»Wie ich schon sagte, Hermine gibt es nicht alleine. Die beiden gehören auch dazu und noch ein paar andere.«
Sein Vater sagte nichts, doch Narzissa sah ihren Sohn liebevoll an. »Deine Freunde sind uns ebenso willkommen.«
»Das sind nicht meine ...«, begann Draco.
»Doch, du Held, sind wir«, sagte Harry.
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Brennendes Eis
FanfictionDas goldene Trio kehrt nach dem Tod Voldemorts nach Hogwarts zurück. Hermine freut sich auf ein letztes ruhiges Schuljahr mit ihrem geliebten Ron, doch das Schicksal hat andere Pläne. Ständig kreuzt Draco Malfoy ihren Weg. Zuerst sacht, dann immer s...
