Nichtmal eine Sekunde dauerte es, da war er schon verwandelt und nicht mehr Kyle, sondern ein großer Wolf war vor mir. Ich wunderte mich darüber, dass es so schnell ging, da ich immer den Anschein hatte, als würde es länger dauern. Vielleicht blieb für einen ja die Zeit stehen, während man sich verwandelt.
Kyle blickte zur mir und bedeutete mir mich auch zu verwandeln. Ich zögerte. Ich wusste was er vor hatte und ich ekelte mich davor, aber andererseits hatte ich den Drang, ja nahezu das Verlangen mich auch zu verwandeln und mit ihm durch den Wald zu rennen. Deswegen fiel es mir leichter mich nun auch hinzuknien und meine rechte Hand auf den Boden zu halten.
Da nun schon bekannte Gefühl durchflutete meinen Körper und es schien wirklich als sei die Zeit angehalten, da ich rein gar nichts wahrnahm, bis auf das Gefühl. Doch im nächsten Moment verstummte dieses Gefühl und ich war mir sicher, dass ich nun auch die Gestalt eines Werwolfes hatte. „Siehst du, das war doch gar nicht so schwer", hörte ich Kyles Stimme in meinen Gedanken. Ich blickte ihn an und verengte meine Augen, ehe ich in meinen Gedanken antwortete: „Ich weiß genau, was du vor hast und da werde ich sicherlich nicht mitmachen!"
Er schritt näher zu mir heran und meinte: „Belüge dich nichts selbst. Du wirst mitmachen, der Wolf in dir will es." Mit diesen Worten rannte er auch schon los. Nach kurzen Zögern rannte ich hinterher. Ich redete mir ein, dass ich ihm nur hinterher rannte, weil ich nicht anders konnte, immerhin kannte ich mir hier überhaupt nicht aus, aber in Wirklichkeit hatte er Recht, der Wolf in mir wollte es.
Ich genoss es durch den Wald zu sprinten. Für einen Augenblick vergaß ich sogar, das mein Leben im Moment ein einziges Chaos war. Doch diese innere Ruhe, verging ziemlich schnell, als Kyle plötzlich hinter einem Baum stehen blieb. Ich konnte mich gerade noch bremsen, nicht in ihn hinein zu laufen. „Was ist los?", fragte ich. „Jetzt kommt der aufregende Teil", entgegnete er. Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, als ich einige Meter vor uns ein Kaninchen entdeckte. Ich hatte ganz vergessen, warum ich anfangs nicht begeistert von Kyles Idee gewesen war, aber jetzt wusste ich es wieder. Ich hatte seine Andeutung schon vorher verstanden und hatte deswegen bedenken gehabt. Nun wo es so weit war, wünschte ich mir, ich wäre nicht mitgekommen. Ich wollte umkehren, aber wie auch vorher setzte sich der Wolf in mir durch und ich blieb an Ort und Stelle.
Um entscheiden konnte ich mich auch nicht mehr, da Kyle schon aufsprang und auf das Kaninchen zusteuerte. Ich atmete erleichtert auf, als das Kaninchen sich in Bewegung setzte, aber schon im nächsten Moment hielt ich die Luft an. Kyle war schneller gewesen und hatte das Kaninchen gepackt. Ich konnte meinen Kopf noch wegdrehen, aber ein Knacken hörte ich trotzdem. Kyle hatte das Kaninchen getötet.
„Du warst doch hungrig, komm", hörte ich Kyles Stimme sagen. Ich war mir sicher, dass ihn meine Reaktion amüsierte, ich hingegen fand die Situation gar nicht lustig. Mein Bauch meldete sich genau in dem Moment und ich überwand mich zu Kyle zu gehen. Neben ihm blieb ich stehen und blickte auf das Kaninchen hinunter. Das schlimmste daran war, dass obwohl ich den Drang hatte mich zu übergeben, mir das Wasser im Mund zusammenlief. „Jetzt schau doch nicht so, iss!", drängte mich Kyle. Ich machte keine Anstalten dies zu tun, weshalb sich Kyle nun zum Kaninchen vorbeugte und hinein biss. Er wollte mir damit wohl zeigen, dass es nichts schlimmes war, aber trotzdem konnte ich mich nicht dazu überwinden. Kyle verstand nun wohl auch, dass ich mich dabei nicht wohlfühlte. Er stupste mich mit der Schnauze an, sodass ich ihn ansah. „Es ist wirklich halb so wild. Wenn du dich einmal dazu überwunden hast, hast du später kein Problem mehr damit. Für mich war es auch nicht leicht gewesen, glaub mir. Versuch es einmal, für mich."
Ich weiß nicht warum, aber Kyle hatte mir anscheinend einen Teil meiner Unsicherheit genommen. Ich blickte wieder auf das Kaninchen und beugte mich langsam hinunter. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, dass ich gleich in einen Schokoriegel beißen würde, was schwierig war, da mir andauernd der Geruch von frischen Blut in die Nase stieg. Ich versuchte nicht länger darüber nachzudenken und beugte mich noch ein bisschen näher an das Kaninchen. Ich öffnete meine Schnauze und biss hinein. Im ersten Moment überkam mich wieder die Übelkeit, aber kurz darauf nahm ich noch einen Bissen. Ich wünschte mir gar nicht mehr, dass hier ein Schokoriegel vor mir war, den das hier war viel besser.
Es dauerte nicht lange da hatte ich die Hälfte des Fleisches aufgegessen. Ich zog mich daraufhin etwas zurück und leckte mir über den Mund. Kyle beugte sich über das Kaninchen und aß den Rest auf. „Siehst du, war doch gar nicht so schlecht", meinte er, als er fertig war und sich ebenfalls genüsslich über den Mund leckte. Anstatt zu antworten gab ich ein zustimmendes Geräusch von mir, aber das reichte Kyle anscheinend auch.
„Jetzt haben wir unser Essen geteilt und haben nebeneinander geschlafen, was kommt wohl als nächstes?", fragte Kyle und er schaffte es, dass sogar seine Stimme in meinen Gedanken verführerisch klang. Da ich keine gute Antwort finden konnte, drehte ich mich und tat so als würde ich mich im Wald umsehen. „Was war das erste Tier, was du gegessen hattest?", fragte ich, zum einen da ich neugierig war und zum anderen, da ich von eben ablenken wollte. „Kaninchen... wie gemeinsam wir uns doch sind", entgegnete er. Ich hätte am liebsten aufgejault, weil ich schon wieder nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte. Sonst hatte ich kein Problem damit gehabt gut zu kontern, aber jetzt war ich wie ausgewechselt. Was war nur los?
DU LIEST GERADE
Emerald wolve
LobisomemWährend eines starken Sturmes wurde die 16 Jährige Mila Kingston fast von einem Baum erschlagen. Dank einer unbekannten Person wurde sie gerettet. Wer diese Person war und welch ein Schicksal Mila bevorstand, erfuhr sie noch früh genug.
