Kapitel 5~Smaragdgrün und Blutrot

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Die Sonne glitzerte beruhigend auf der Wasseroberfläche des Emerald Lake. Saftig grüne Bäume umkreisten das Wasserbecken und verwahrten die Vögel in ihren hohen Baumkronen.

Ich stand am Rand und beobachtete mein Spiegelbild in dem leicht grünlich schimmernden Wasser. Es war nicht eklig-grün. Das Seewasser sah edel aus durch das Farbspiel, dass kein anderer See auf dieser Welt hatte, glaubte ich zumindest.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, vorher schon einmal hier gewesen zu sein. Schwimmen mochte und konnte ich noch nie besonders, also hatte es auch keinen Sinn gehabt, hier her zu kommen.

Die reflektierte Sonne blendete mich und ich wendete meine Blicke von dem See ab. Ich schweifte durch die Umgebung. Ich wusste nicht, wonach ich suchte. Ich wusste auch nicht, was ich mir erhoffte, zu finden, außer Antworten auf meine vielen vielen Fragen. Aber wie sollte mir ein See dabei helfen, Fragen zu beantworten?
Ich entschied mich schließlich, nach Spuren zu suchen. Wenn ich wirklich hier gewesen war, gab es vielleicht auch noch Fuß- ich korrigiere- Pfotenabdrücke.
Also machte ich mich auf den Weg und begann, den Seerand abzusuchen. Ich lief gebückt, um keine Details zu verpassen, obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre, da meine Augen sich deutlich verbessert hatten, seit dem Vorfall im Wald.

Ich konnte aus 1.66m sehen, wie eine kleine Ameise über einen winzigen Stein krabbelte, ohne mit der Nase über den Boden zu kriechen. Das war einfach schlicht unmöglich. Vielleicht war ich einfach so verwirrt, dass ich völlig durchdrehte und mir deshalb einbildete, so gut gucken zu können.

Ich lief weiter um den See, leider ohne jeden Erfolg. Ich fand keine Pfotenabdrücke. Ich hatte gehofft, dass der Emerald Lake mich nur ein winziges Stück näher an meine Antworten heranbringen würde, doch ich hatte mich getäuscht.

Ein bisschen enttäuscht drehte ich mich um und wollte gerade den Rückweg antreten, da fiel mir ein Baum auf, der sich von den anderen unterschied. Er war hoch gewachsen und grün, aber an seinem Stamm war deutlich ein Zeichen zu erkennen. Eine Sichel, die nach rechts geöffnet war und mit einem Strich in der Mitte durchzogen war. Das Zeichen war mir einer roten Substanz auf dem Baum verewigt worden.

Ich trat mit etwas weichen Knien näher an den Baum heran. Unter dem Zeichen stand etwas geschrieben:
Mila Kingston-30.6.2013

Ich blinzelte erschrocken mit den Augen und musste noch einmal hinsehen, um glauben zu können, was dort auf der dunkelbraunen geschrieben Stand. Jemand hatte meinen Namen mit verschnörkelten Zeichen und einer roten Farbe auf dem Stamm verewigt zusammen mit einem Datum, dass ich im ersten Moment nicht zuordnen konnte. Ich brannte 30.06.2013 in mein Gedächtnis ein und ließ den Baum mit der Aufschrift dann hinter mir.

Ich ging weiter und war fast am Ende des Emerald Lake angekommen, als ich plötzlich etwas warmes an meinem Hals spürte. Es fühlte sich an, wie Atem. Ich hatte das Gefühl, dass jemand oder Etwas hinter mir stand. Meine Knie wurden weich und in meinem Kopf fing alles an, zu verschwimmen.

Langsam drehte ich mich um. Vor mir stand auf vier Beinen und vier Pfoten ein Wesen. Eine Art Wolf, der unglaublich große Ohren und Zähne hatte, die leicht hervorblizten unter seinem Fell. Er war groß. Das heißt, ich war mit ihm auf Augenhöhe. Er starrte mich an. Erst jetzt hatte ich realisiert, in welch einer Situation ich mich gerade befand. Ich stand einem Wolf gegenüber. Einem sehr sehr großen Wolf, der mich keine Sekunde aus den Augen ließ.

Ich bekam Angst. Und zwar richtig Angst. Ich wusste nicht wohin, ich hatte eine Schockstarre und konnte mich im ersten Moment nicht bewegen. Der Wolf oder was das auch immer war hatte sich nicht um einen Zentimeter von der Stelle gerührt und starrte mich immer noch mit seinen eindringlichen Augen an. Dann hielt ich es nicht mehr aus und löste mich aus meiner Starre. Ich rannte so schnell ich konnte. Ich rannte in Richtung Haus. Ich war am Waldrand angekommen und hörte die Pfoten, die auf dem Boden aufschlugen. Er oder es verfolgte mich. Ich sprintete weiter, ohne mich ein weiteres Mal umzudrehen. Ich sprang über kleine Äste, große Baumwurzeln, die aus dem Boden ragten und bückte mich, wenn ich unter einem tief hängenden Äst durch musste. Auf einmal ging es nicht mehr weiter. Ich wäre fast gegen einen Felsen gelaufen, der ungefähr fünf-Mal so hoch und 10-Mal so breit war, wie ich.

Ich konnte nicht mehr entkommen, da der Wolf mich bereits umkreiste. Flucht war also unmöglich. Wenn ich versucht hätte, zu fliehen, hätte er womöglich seine rasiermesserscharfen Zähne in mich gestoßen, um mich aufzuhalten. Ich wollte nichts riskieren und blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen. Meine Hände zitterten ununterbrochen, aber ich versuchte sie möglichst still zu halten.

Plötzlich war der Wolf hinter mir stehen geblieben und stieß einen erbitterten Schrei aus, dann hörte ich, wie etwas mit einem Plums auf den Boden fiel. Kurze Zeit später hatte ich den warmen Atem wieder auf meinem Hals. Ich schloss meine Augen. Dieses Mal drehte ich mich nicht um, denn es umkreiste mich weiter und dann spürte ich, wie es direkt vor mir stehen blieb. Sein Atem blies meine Haare aus meinem Gesicht.

Langsam und am ganzen Körper zitternd öffnete ich langsam meine Augen und blickte genau in die dunkel braunen Augen eines Jungen, der ungefähr so alt war, wie ich. Mit stockte der Atem und ich sank auf den Boden. Das war alles zu viel für mich. Ich sah, als ich mich dem Boden näherte, dass das Zeichen, welches meine Handinnenfläche zierte, ebenfalls in der von dem Jungen gezeichnet war. Ich blinzelte, als meine Sicht langsam verschwamm. Als ich sah, wie der Junge sich zu mir herunter beugte, wurde meine Sicht für eine kurze Zeit wieder klarer, bis sie kurz danach ganz verschwand.

Emerald wolveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt