„Mila", hörte ich Anelia leise sagen.
Auf ihren Lippen zeichnete sich dabei ein kleines, unscheinbares Lächeln ab. So, als würde sie sich freuen, mich zu sehen, was ich ihr, ganz ehrlich, nicht glauben konnte.
„Ich habe mir Sorgen gemacht. Geht es dir gut?"
„Ja, mir geht es gut, danke", antwortete ich nur.
Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Was sollte man bitte zu einer völlig fremden Frau sagen, die die eigene Mutter sein sollte? Aber darüber musste ich mir keine Gedanken mehr machen, denn in dem Moment ergriff sie schon das Wort.
„Mila, meine Tochter, ich weiß, du fragst dich, wieso du so viele Jahre angelogen wurdest. Ich weiß, dass du tausend Fragen hast, die dir keiner beantwortet. Glaube mir, mein Schatz, du wirst die Antworten alle selber herausfinden. Du wirst auf deinem Weg alles erfahren, was dir im Moment noch unbekannt scheint. Du wirst Licht in die Dunkelheit bringen und plötzlich wird dir alles klar sein. Dieser Moment wird schneller kommen, als du denkst. Ich möchte dennoch, dass du weißt, dass ich für dich da bin."
„Danke, Anelia."
Ich wusste wieder nicht, was ich noch sagen sollte. Diese Situation war so bedrückend für mich. Was meintsie mit; „Du wirst auf deinem Weg alles erfahren." Was für ein Weg?
„Schätzchen?", fragte Anelia mich plötzlich und ich sah, dass ihr eine kleine Träne die Wange hinunter rollte.
„Ja?"
Sie wartete, bis sie mir antwortete.
„Ich bin deine Mutter. Du bist meine Tochter. Es würde mir so viel bedeuten, wenn du mich Mama nennen würdest", weinte sie.
Ich war überfordert. Ich konnte ihr im ersten Moment nicht glauben, dass ich ihr etwas bedeutete, doch als ich dann in ihre Augen blickte, änderte sich das schlagartig.
„Wenn du das nicht möchtest, kann ich das verstehen", schluchzte sie und wischte sich die Tränen weg.
Ich sagte immer noch nichts.
„Okay, ich verstehe dich. Ich heule gerade wie ein Baby, tut mir leid. Soll ich dir dein Zimmer zeigen?", fragte sie mich.
„Ja, Mom", antwortete ich lächelnd.
Sofort erhellte sich ihr Gesicht, doch ihre Tränen flossen nur noch mehr.
„Danke, mein Schatz."
-
Wir gingen eine Treppe hoch. Sie führte uns direkt in den ersten Stock. Oben angekommen standen wir in einem Flur, der sich in die Länge streckte. Ein langer Flur, mit jeweils zwei Türen an jeder Seite.
Anelia steuerte direkt auf die hintere linke Tür zu. Sie öffnete sie und bedeutete mir, einzutreten.
Ein recht großer Raum, der mit einem hellen Holzboden ausgelegt war. Die Wände waren weiß an gepinselt und ich hatte ein Fenster. In einer Ecke stand ein Holzbett, auf welchem eine weiße Bettdecke lag. In der Mitte des Raumes lag ein plüschiger Teppich, in der Farbe helllila.
Ein Schreibtisch stand unter dem Fenster. Einige Schreibuntensilien lagen darauf. Und gegenüber von dem Schreibtisch stand ein Kleiderschrank.
„Es ist schön", flüsterte ich.
„Das freut mich, dass es dir gefällt. Ich lasse dich dann jetzt mal alleine, mein Schatz. Sag Bescheid, wenn irgendwas ist, oder du irgendwas brauchst.
„Danke, Mom", sagte ich lächelnd und umarmte sie.
~~
Es war mittlerweile stockduster draußen und ich hörte eine Eule, die anscheinend direkt neben meinem Fenster auf einem Ast saß. Das Geräusch war beruhigend. Ich hatte den ganzen Abend einfach da gesessen und aus dem Fenster geguckt. Ich hatte einfach nur nachgedacht. Nachgedacht über alles, was in der letzten Zeit so passiert war. Ich war mit meinen Gedanken auch wieder auf meine falsche Mutter gekommen, hatte diese dann aber schnell wieder verworfen.
Ich entschloss mich irgendwann, schlafen zu gehen. Ich war müde und es war schon spät. Also machte ich mich schnell bettfertig und schlüpfte unter die kuschelige Bettdecke.
Gerade, als ich meine Augen schließen wollte, nahm ich ein Geräusch war. Unmittelbar vor dem Fenster. Eine Art Klopfen. Ich knipste das Licht meiner Nachttischlampe an und warf meinen Blick zum Fenster. Und wieder. Das Geräusch wiederholte sich immer wieder.
Irgendwann nahm ich meinen Mut zusammen und krabbelte aus dem Bett. Langsam schlich ich auf das Fenster zu und bekam weiche Knie. Was war das?
Als ich dann endlich aus dem Fenster guckte, stand dort unten in der Dunkelheit eine Person. Ich öffnete mein Fenster und streckte meinen Kopf in die frische Nachtluft hinaus.
„Mila?", rief die Person und ich erkannte sofort, dass es Kyle war.
„Kyle? Was ist?", rief ich flüsternd hinunter.
„Wir wäre es mit einem Nachtspaziergang?", fragte er.
„Nein", sagte ich sofort.
Ich wollte schlafen. Ich war müde.
„Ich dachte, du wolltest mir ein paar Fragen stellen. Aber wenn du nicht möchtest, ich kann auch noch warten."
Er wollte gerade weggehen, da stoppte ich ihn.
„Warte! Ich bin gleich bei dir!"
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Emerald wolve
Kurt AdamWährend eines starken Sturmes wurde die 16 Jährige Mila Kingston fast von einem Baum erschlagen. Dank einer unbekannten Person wurde sie gerettet. Wer diese Person war und welch ein Schicksal Mila bevorstand, erfuhr sie noch früh genug.
