„Hey, Mila, fang!", ruft er mir zu und wirft den Ball in meine Richtung.
Ich schnelle nach vorne und fange ihn gerade noch rechtzeitig mit meinen Händen, bevor er in den Graben fallen kann. Das raue Leder des Balles schmiegt sich sanft an meine zerkratzte Haut.
„Ich habe ihn!", antworte ich stolz mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Er wirft mir ebenfalls ein Lächeln zu und ruft dann : „Wirf ihn zurück!"
„Okay."
Ich mache einen Schritt nach vorne und rutsche plötzlich ab. Ich habe den Graben übersehen und kann mich kaum noch auf meinen Beinen halten.
„Aah, Hilfe!", schreie ich verzweifelt und versuche vergebens, mich irgendwo festzuhalten.
„Mila!", schreit er erschrocken und rennt auf mich zu.
„Nein, Stephan, nicht!"
„Mila, lass den Ball los, dann kannst du dich noch festhalten!"
„Nein, das werde ich nicht tun", keuche ich und kralle den Ball noch fester.
„Mila, einen Ball kann man ersetzen, dich nicht", versucht er mich verzweifelt zu überreden.
Ich schüttle den Kopf. Dann macht Stephan kurzen Prozess. Er versucht vorsichtig den steilen Abhang hinunter zu klettern und sich zu mir rüber zu hangeln. In der Mitte des Wassers liegt ein Stein. Er setzt einen Fuß darauf und hält mir dann seine Hand hin.
„Mila, gib mir deine Hand!"
Ich lasse meine eine Hand von dem Abhang los und lasse mich in seine Richtung fallen. Ich greife nach seiner Hand, doch in dem Moment springt ein Tier von ungeheurer Masse über den Graben und trifft Stephan mit seiner Tatze am Kopf. Er verliert sofort sein Gleichgewicht und taumelt nach hinten.
„Stephan, neein!!", schreie ich.
Mein Ball fliegt aus meiner Hand und landet im Wasser. Stephan schlägt mit seinem Kopf gegen einen Stein, der im Abhang steckt und verliert sofort sein Bewusstsein.
Meine Tränen können sich nicht mehr zurück halten und im nächsten Moment sehe ich, wie seine Brust aufhört, sich zu heben und zu senken.
„Neeeeein!"
Das letzte, was ich von ihm sehe, sind die blauen Augen, die von den Liedern verschlossen werden.
~
Meine Augen waren noch geschlossen, ich konnte aber Geräusche wahrnehmen. Ich hörte Vögel, die vor sich hin singen. Die rauschenden Blätter im Wind und das Plätschern des Wassers. Ich öffnete meine Augen und ich sah: weiß. Alles war weiß. Eine weiße Wand, die sich vor mir in die Höhe und Breite zog. Weiter links konnte ich dann doch ein Fenster erkennen, welches geöffnet war. Der Wind bewegte die weißen Vorhänge, die am Fensterrahmen befestigt waren und draußen konnte ich einen kleinen Vogel erkennen, der auf einem Ast saß und fröhlich zwitscherte.
Wo war ich?
Ich lag in einem großen Bett, welches weiß bezogen war und an dessen Rückenseite viele Kissen verteilt waren. Ich richtete mich auf. Das Bett war der einzige Gegenstand, der sich, außer mir, in diesem Raum befand.
Mein Kopf. Ich legte meine Hand an die Stirn. Ich hatte furchtbare Kopfschmerzen. Und in dem Moment öffnete sich eine Tür, die ich vorher gar nicht wahr genommen hatte. Ein Junge trat ein. Ich sah ihn erst nur von hinten. Als er die Tür hinter sich wieder geschlossen hatte, drehte er sich langsam um.
Ich konnte mir keine Gedanken mehr darüber machen, da auf einmal eine Tür zu meiner rechten Seite geöffnet wurde. Ein Junge, vielleicht ein paar Jahre Alter als ich, kam rein. Er trug eine Art Kittel und er hatte blonde Haare. Als er sah, dass ich wach war, kam er schnell um das Bett herum, auf den kleinen Schrank zu. Er nahm die kleine Spritze in die Hand und drehte sich zu mir. Ich wich nach hinten und wäre fast aus dem Bett gefallen, aber ich konnte mich noch rechtzeitig festhalten.
Der Junge packte meinen Arm und hielt mit der anderen Hand die Spritze fest. Ich fing an zu zittern und mied es die Spritze anzusehen. Stattdessen sah ich ihn an.
Er sah mich auch an und sagte: „Keine Angst, damit schläfst du nur wieder ein."
Ich spürte ein kleinen Stich und Sekunden später fielen mir auch schon die Augen zu. Das letzte was ich sah waren die blauen Augen des Jungen.
Diese Szene schoss mir in den Kopf, als ich den Jungen wiedererkannte. Dieser Traum. Er war kein Traum. Es war eine Erinnerung. Eine Erinnerung an ihn. Er. Er war es. Er hat mich hier her gebracht. Er hat mir eine Spritze injiziert. Er war es, den ich gesehen habe, bevor ich eingeschlafen bin.
Er war es, der für mich gestorben ist. Ich dachte, er war tot. Ein Schock durchfuhr meinen ganzen Körper.
„Stephan",flüsterte ich leise.
„Mila", antwortete er und ich meinte, eine kleine Träne in seinen Augen zu erkennen.
„Du bist es wirklich."
„Ja, ich bin es."
Ich wollte aufstehen. Ich muste zu ihm. Gott, wie konnte das sein? Es war mir egal, ich wollte ihn nur in den Arm schließen. Also stieg ich aus dem Bett. Mir schoss ein weiterer Schuss durch den Kopf. Schreckliche Kopfschmerzen.
Im nächsten Moment lag ich schon in seinen Armen. Ich legte meinen Kopf gegen seine harte Brust und er legte seine Arme um meinen Rücken.
„Ich habe dich so vermisst", flüsterte er in meine Haare.
„Ich dich auch. So sehr, dass kannst du dir gar nicht vorstellen."
~
Nach gefühlten Stunden ließen wir voneinander und er drückte mir einen kleinen Kuss auf die Stirn.
„Was ist passiert? Damals am Graben?", fragte ich ihn vorsichtig.
„Es war Jake. Wir beide waren bestimmt, Wölfe zu werden. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es passiert ist, aber ich bin damals nicht gestorben."
„Wieso hast du mir eine Spritze gegeben?"
„Das ist kompliziert. Auch, wenn du mich nicht gesehen hast, ich habe alles gesehen und alles, was bei uns im Rudel so passiert ist. Die Sache mit Marie und Kyle und Drake."
Ich seuftzte.
„Die ganze Sache hat damals angefangen, als ich in das Rudel gebracht wurde. Damals war der Vater von Marie das Alpha. Es hieß, ich hatte zwei seltene Fähigkeiten. Die Fähigkeit, nie zu sterben. Es hieß, ich sei unsterblich. Und die Fähigkeit, meine Gestalt zu ändern. Das machte mich quasi zum perfekten Alpha für das Rudel. Und als sich das herumsprach, fingen viele an Maries Vater zu zweifeln und wollten mich an der Spitze haben. Maries Vater ließ sich das nicht gefallen und versuchte alles mögliche, mich in die Schattenseite zu schießen, doch je weiter er es versuchte, desto unsympathischer wurde er dem Rudel und sie beschlossen gemeinsam, mich als Alpha zu wählen. Denn wenn das ganze Rudel für eine Sache stimmt, hat das Alpha bei uns nichts mehr zu melden. So betrat ich die Spitze und Maries Vater gelang ins Dunkeln. Er hat weiter geforscht. Er dachte, wenn er ein Mittel erfinden würde, welches mir den Wolf aussaugen könnte, würde ich sterblich sein und er könnte wieder Alpha werden. Er hat zahlreiche Versuche durchgeführt. Und nun wollte er es an dir testen, damit ich geschwächt bin. Er hat sich zwei Mitarbeiter gesucht. Seine Tochter und mich. Ich war zu der Zeit Peeter. So hat er nicht mitbekommen, dass ich ich bin. Ich habe dir lediglich eine Betäubungsspritze injiziert. Du hast bestimmt ein bisschen Kopfschmerzen, aber sonst müsste es dir gut gehen."
Ich konnte es nicht fassen, Stephan, mein Bruder, war noch am leben. Das war das Einzige, was ich gerade denken konnte, auch nach alle dem, was er mir erzählte.
„Mila, da wäre noch etwas; Marie war schon immer auf meiner Seite. Das schwöre ich dir. Das war alles unser Plan, ihren Vater in die Irre zu führen. Du kannst ihr vertrauen."
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Emerald wolve
Lupi mannariWährend eines starken Sturmes wurde die 16 Jährige Mila Kingston fast von einem Baum erschlagen. Dank einer unbekannten Person wurde sie gerettet. Wer diese Person war und welch ein Schicksal Mila bevorstand, erfuhr sie noch früh genug.
