Er blieb stehen, als ich den Knopf der Klingel drückte. Ich hörte den schrillen Ton unserer Klingel und musste kurz warten, bis die Tür geöffnet wurde. Meine Mutter stand in dem Türrahmen und blickte mich traurig an. „Was ist los?", fragte ich, ohne eine Spur Emotionen zu zeigen. „Komm rein, Liebes", schluchzte sie und funkelte den Wolfsjungen wütend an. Er blieb draußen und murmelte etwas vor sich hin, was ich aber leider nicht verstand, weil es zu leise war. Ich folgte meiner angeblichen Mutter ins Haus und schloss die Tür hinter mir. Ich warf meine Jacke sowie meine Schuhe auf den Boden und begab mich zu ihr ins Wohnzimmer, wo sie sich bereits auf dem Sofa niedergelassen hatte und ununterbrochen schluchzte. „Was ist los?", wiederholte ich meine Frage, weil ich eben noch keine Antwort darauf bekommen hatte. Sie klopfte auf den Platz auf dem Sofa, der frei war. Sie wollte, dass ich mich neben sie setzte, doch ich wollte nicht. Ich konnte nicht. „Mila, ich wollte es dir schon so lange sagen, doch ich wusste nicht wie", sagte sie verzweifelt und atmete einmal tief durch. „Ich bin nicht deine Mutter", brachte sie dann endlich heraus und fing bitterlich an zu weinen. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. In mir brach eine Welt zusammen. Mir wurde zwar schon vorher erzählt, dass sie angeblich nicht meine echte Mutter ist, aber jetzt, wo ich es von ihr gehört hatte, wusste ich, es war die Wahrheit. Ich glaubte ihr, obwohl sie mich die letzten 16 Jahre angelogen hatte. Meine Mutter war immer meine beste Freundin gewesen, weil mich in der Schule kein Mädchen leiden konnte. Sie war immer für mich da gewesen und mit ihr konnte ich wirklich über alles reden. Ich unterdrückte meine Tränen. Es war so schwer, sie zurück zu halten. „Warum hast du es mir nicht schon früher gesagt? Du hättest es mir so sagen können, so, wie jetzt", schluchzte ich leicht. Sie hob ihren Kopf und sah mich traurig an. „Ich konnte nicht. Ich hatte solche Angst, dass du mich dann hasst. Ich hatte Angst, dass ich dich verliere", weinte sie. „Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie ich mich gerade fühle?", rief ich leicht weinerlich. Ich konnte meine Tränen nicht mehr lange zurück halten, dass wusste ich. Sie antwortete nicht auf meine Frage, sondern guckte mich nur die ganze Zeit an. „Ich will dich nicht verlieren", flüsterte sie kaum hörbar. „Ich glaube, dass hast du schon", weinte ich jetzt und rannte aus dem Haus. „Mila, warte!", schrie meine Mutter und wollte mir hinter her rennen, doch ich verließ das Haus, bevor sie mich einholen konnte.
Draußen wartete der Junge und guckte mich verwirrt an, als ich aus dem Haus gestürmt kam. „Was ist passiert?", rief er mir zu, während ich an ihm vorbei rannte. Ich antwortete nichts und rannte einfach weiter. Ich rannte auf den Wald zu, ohne groß darüber nachzudenken. Ich wollte einfach weg von hier. Ich fühlte mich, als hätte meine Mutter mich verraten. Ich wusste nicht, ob ich in dieser Situation vielleicht ein bisschen überreagierte, aber ich denke, wenn man erfährt, dass man von der einzigen Person, von der man dachte, dass sie einen wirklich liebt, so viele Jahre angelogen wurde, dann ist meine Reaktion eigentlich ganz normal, oder nicht?
Meine Beine trugen mich schnell voran, bis ich vor einem breiten und hoch gewachsenen Baum stehen blieb. Ein Baum, der anders aussah, als andere Bäume. Ich umkreiste den Baum und fuhr mit meiner Hand über die raue Rinde. Als ich stehen blieb und mir die Rinde genauer ansah, erkannte ich, dass auf dem Baum etwas geschrieben stand. Mit einer roten Farbe stand ein Name darauf geschrieben: Kyle Ryddiks-30.6.2011. Was hatte das zu bedeuten? Gerade, als ich darüber nachdachte, legte mir jemand seine Hand auf die Schulter. Ruckartig drehte ich mich um und atmete erleichtert auf. Der Wolfsjunge stand hinter mir und guckte mich besorgt an. Dieses Mal war ich froh gewesen, dass er mir gefolgt war, warum, weiß ich nicht, aber es war besser, als wenn meine Mutter- ich korrigiere- nicht-Mutter mir gefolgt wäre.
„Was machst du da?", fragte er und stellte sich direkt neben mich. „Ich habe mir nur den Baum angeschaut. Da steht ein Name drauf. Siehst du das?" Ich deutete auf die Aufschrift und sofort verfinsterte sich sein Blick. „Was ist?", fragte ich völlig verwirrt. „Das solltest du eigentlich gar nicht sehen", brummte er. „Wer ist dieser Kyle Ryddiks?", fragte ich den Wolfsjungen. Unsere Blicke trafen sich und in dem Moment wusste ich, wer Kyle war. Der Wolfsjunge. „Du- du bist Kyle, nicht wahr?", stotterte ich. „Ja", murmelte er. „Warum steht dort 30.6.2011?" „Das weiß ich nicht. Ich vermute, es war der Tag, an dem ich mich das erste Mal verwandelt habe", meinte er und runzelte die Stirn. „Das Datum, an dem ein Wolf sich das erste Mal verwandelt, ist ein besonderes Datum. Wenn ein anderer Wolf sich an dem selben Tag verwandelt hat, dann-", er wurde unterbrochen, als er mir erklären wollte, was es mit dem Datum auf sich hatte. Ich zuckte heftig zusammen, als ich sah, wer ihn unterbrochen hatte.
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Emerald wolve
WerewolfWährend eines starken Sturmes wurde die 16 Jährige Mila Kingston fast von einem Baum erschlagen. Dank einer unbekannten Person wurde sie gerettet. Wer diese Person war und welch ein Schicksal Mila bevorstand, erfuhr sie noch früh genug.
