Kapitel 27~Tamia Lightwood

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Ich hatte mittlerweile das Gefühl, dass sich alle meine Mitmenschen, beziehungsweise Mitwölfe, erlaubten, Entscheidungen für mich zu treffen. Entscheidungen, die mein ganzes Leben beeinflussen konnten. Entscheidungen, die ich eigentlich treffen müsste. Ich finde, ein Herz muss man selber finden, es sollte einem nicht zugeteilt werden. Es kann doch egal sein, ob jemand „der perfekte" Ehemann für mich gewesen war. Vielleicht war er in den Augen meiner Eltern „perfekt" für mich, aber in meinen Augen, kann ich das gar nicht beurteilen, weil ich ihn nicht kennen lernen konnte.


Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit auf meinem Bett gelegen hatte und die Wand angestarrt hatte. Sofort verfrachtete ich mich unter die Bettdecke und legte meinen Kopf in das weiche Kissen. Ich war Hundemüde, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hätte mich auch einfach daußen bei Kyle auf den Boden legen können und einfach schlafen können, aber im Bett war es doch am gemütlichsten.


Ich knipste meine Lampe aus, ließ meine Augen aber noch einige Zeit geöffnet. Ich musste, trotz meiner Müdigkeit, immer an den nächsten Tag denken; ich hatte das Gefühl, dass etwas passieren würde.


Dann befahl ich mir selbst, endlich aufzuhören, nachzudenken und einfach zu schlafen. Ich gehorchte mir und schloss meine Augen. Ich fiel sofort in einen tiefen Schlaf.


Er griff nach meiner anderen Hand und bewegte sich mit mir in die Mitte des Raumes. Man konnte uns durch das Fenster in der Tür super sehen.


Er legte seine Hand an meine Wange, die andere hielt immer noch meine Hand. Ich fühlte mich so verbunden mit ihm, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Ich hatte aber das Gefühl, ihn schon seit Ewigkeiten zu kennen.


Ich fing an zu ahnen, was er vor hatte.


Ich legte meine freie Hand um seinen Hals und strich sanft über seine weiche Haut. Bei jeder Berührung verspürte ich wieder dieses Gefühl. Seine Augen blickten die ganze Zeit in meine. Wunderschöne, gelbe Augen. Jetzt waren sie nicht mehr trüb. Sie waren leuchtend, strahlend, funkelnd. Wir bewegten uns langsam immer näher auf einander zu. Da er größer war als ich, musste ich zu ihm hoch gucken und mich leicht auf die Zehnspitzen stellen.


Seine Hand strich sanft über meine Wange, was wieder eine pure Gänsehaut auf meiner Haut auslöste und ein Erdbeben in meinem Bauch. Wir kamen uns immer näher. Er zog mich noch ein Stück zu sich heran, bis unsere Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. Mein Herz klopfte. Ich atmete schwer.


Und im nächsten Moment trafen unsere Lippen aufeinander. Nun explodierte ich völlig von Innen. Es war unbeschreiblich. Der Kuss dauerte nicht lange, doch für mich fühlte es sich an, wie eine halbe Ewigkeit.


Als wir uns leicht voneinander lösten, war ich in den ersten Sekunden unfähig, etwas zu sagen. Es war einfach nur WOW!


Doch dann hatte ich meine Stimme wieder gefunden.


Du bist der erste Junge, der mich jemals geküsst hat", flüsterte ich und musste dabei ununterbrochen lächeln.


Daraufhin vergrößerte sich das Lächeln auf seinen Lippen nur noch mehr.


Darf ich auch der Junge sein, der Junge sein, der dich zum zweiten Mal küsst?", fragte er grinsend und strich mir dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht und legte sie sanft hinter mein Ohr.


Liebend gern."


~~


„Guten Morgen, Mila. Du musst jetzt mal aufstehen, sonst bringt Kyle mich noch um. Mila, bitte", wurde ich unsanft wach gerüttelt.


„Hmm?"


Ich schlug meine Augen auf und blickte direkt in hell blau leuchtende Augen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Mädchen, mit schulter langen, braunen Haaren lächelte mich an.


„Endlich, ich dachte schon, du wachst nie auf", seufzte sie erleichtert. „Wir müssen heute früh raus, Kyle, du, Marie, Linda und ein paar andere sind heute dran mit Training", erklärte das fremde Mädchen.


„Okay. Und wer bist du?", fragte ich erst einmal.


„Oh, tut mir leid. Ich bin total vergesslich. Ich heiße Tamia. Tamia Lightwood. Ich wohne sozusagen nebenan. Marie und Linda wirst du nachher noch kennen lernen. Die sind total lieb", erzählte sie mir.


Sie wirkte richtig sympathisch auf mich. Ihre freundliche und offene Art war total lieb.


„Freut mich, dich kennen zu lernen", gähnte ich, weil ich immer noch ein bisschen müde war.


„Die Freude liegt ganz meinerseits", lächelte sie.


„Du müsstest jetzt mal aufstehen und dich fertig machen, wir treffen uns um acht Uhr am Emerald Lake. Du weißt, wie man dahin kommt, oder?"


„Ja", antwortete ich, ohne darüber nach gedacht zu haben.


Denn natürlich wusste ich nicht, wie ich dort hin kam, aber das fiel mir erst auf, als Tamia mein Zimmer schon verlassen hatte.


Okay, um acht Uhr am Emerald Lake, dachte ich. Ich war der Meinung, wenn ich mich einfach ein bisschen beeilen würde, würde ich noch genug Zeit haben, den Lake zu finden.

Als ich dann aber auf die Uhr guckte, rutschte mein Herz ein ganzes Stück nach unten. Es war bereits halb acht. Tja, dumm gelaufen.


Ich sprang sofort, wie von der Tarantel gestochen, auf und zog mir die erst beste, dunkle Jeans und ein weißes, weites T-Shirt an. Ich flitzte hinunter in die Küche und suchte nach etwas Essbarem. Ich mixte mir einfach schnell einen Joghurt zusammen und trank ein Glas Wasser. Am Tisch fiel mir erst ein, was ich da heute Nacht überhaupt geträumt hatte und verschluckte mich fast an meinem Wasser. Aber egal, ich hatte vorerst andere Sorgen.

Als ich meine Zähne geputzt hatte, lief ich wieder hinunter und zur Tür. Dort schlüpfte ich in die schwarzen Chucks und verließ anschließend schnell das Haus.


Es war weit und breit niemand zu sehen, den ich nach dem Weg zum Emerald Lake hätte fragen können. Gut, ich schaffe das, redete ich mir ein. Leider war mein Kopf davon nicht so ganz überzeugt.


Dann lief ich los.

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