Marie hörte nicht auf zu weinen und jede Sekunde zwängten sich mehr Tränen durch ihre wunderschönen blauen Augen.
„Hey, du musst nicht weinen. Du hast doch nichts falsch gemacht. Du wolltest jemanden beschützen, den du liebst. Das ist doch kein Verbrechen", versuchte ich sie zu beruhigen, doch es half nicht. Sie weinte nur noch mehr.
„Ich hätte mich nicht auf diese Sache einlassen sollen, das was falsch. Alles ist falsch. Ich bin so ein schlechter Mensch", schluchzte sie weiter und begann schon zu hicksen.
„Marie, dass du einen Menschen retten wolltest, der in deinem Herzen lebt, macht dich nicht zu einem schlechten Mensch. Du bist toll, so wie du bist und du musst dir überhaupt keine Vorwürfe machen. Jeder macht mal Fehler, das gehört zum Leben dazu, aber glaube mir doch, wenn ich sage, das du nichts falsch gemacht hast."
„Das ist eine Sache, um die ich dich wirklich beneide und ich frage mich jedes Mal, wie du das immer hinbekommst", seufzte sie. „Du siehst immer alles so positiv und versucht jeden aufzuheitern, wenn er traurig ist. Du gibst jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, selbst wenn derjenige es selbst nicht sieht und nicht wahrhaben will. Du bist so ein guter Mensch. Du weißt immer was du sagen musst, um jemanden zu beruhigen um jemanden zum Lachen zu bringen, aber du bekommst nie etwas zurück."
Ihr letzter Satz brachte mich zum Nachdenken.
„Doch, ich bekomme etwas zurück", antwortete ich sofort, ohne mir Gedanken darüber zu machen.
Maries Schluchzen setzte für einige Sekunden aus und dann hob sie erneut den Kopf.
„Und was wäre das? Wann hast du jemals etwas zurück bekommen?", fragte sie vorsichtig und ihre Stimme wurde sanft.
Jetzt brachte sie mich irgendwie völlig aus dem Konzept. Ich hatte... ja, was hatte ich eigentlich zurück bekommen?
„Ich-", begann ich, doch irgendwie fiel mir nichts ein.
In Maries Augen konnte ich einen Funken von Mitleid mir gegenüber wahrnehmen. In dem Moment wurde mir klar, dass Marie Recht hatte. Ich hatte nie etwas zurück bekommen.
„Ich würde alles in der Welt geben, um deine Freundin zu sein", flüsterte sie dann und ich sah eine weitere, glitzernde Träne, die sich den Weg aus ihren Augen bahnte, bevor sie ihre Wange hinunter rollte und einen schmalen Wasserfilm auf ihrer Haut hinterließ.
Ich konnte nicht anders, als meine Arme leicht auszubreiten und sie in den Arm zu nehmen, denn sie hatte mich endlich von den Fesseln befreien können. Sie legte ihre Arme um mich und ich schloss meine Augen. Ich hätte nie erwartet, dass sie so etwas jemals zu mir sagen würde. Ich wusste irgendwie, dass sie die Wahrheit sagte, ich spürte es tief in meinem Herzen. Sie war eine Freundin für mich, dass konnte ich nicht mehr abstreiten. Dieses Mal hatte sie mir das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein. Ich wusste nicht, wie sie das geschafft hatte, aber es war ihr wirklich gelungen.
„Marie?"
„Hm?", sie löste sich aus unserer Umarmung und blickte mir in die Augen.
„Du hast mir eben gerade etwas Unbezahlbares zurückgegeben und ich bin dir wahnsinnig dankbar dafür. Ich würde auch alles dafür geben, deine Freundin zu sein. Auch nach den anfänglichen Schwierigkeiten, die wir hatten", sagte ich und als ich den Satz ausgesprochen hatte, konnte ich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen erkennen und ihre Augen begannen zu leuchten.
In dem Moment wurde mir ganz komisch. Es schien, als würde sich für einen kurzen Moment ein Stück Papier vor meine Augen schieben und dann wieder zurück gehen. Es passierte im konstanten Abstand und wiederholte sich immer wieder. Erst dachte ich, dass es durch meine Tränen passierte, aber nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, war dieses komische Lichtspiel nicht weg. Es war wie ein, wie ein Flackern vor meinen Augen.
„Ist alles okay bei dir?", fragte Marie. Sie hatte anscheinend bemerkt, dass etwas nicht stimmte.
„Mir geht es gut. Wir sollten weg von hier", log ich und machte den Vorschlag von diesem grässlichen Ort zu verschwinden.
„Gut, dann lass uns gehen", stimmte Marie zu und zog mich hoch.
Wir verließen den Raum und kurze Zeit später hatten wir das Gebäude auch schon verlassen. Es kam mir unglaublich schnell vor, wie die Ereignisse sich abspielten. Das Flackern war nicht verschwunden, was mir langsam echt Sorgen bereitete. Je länger wir durch den Wald wanderten, desto verschwommener wurde meine Sicht. Ich konnte immer noch gut sehen, aber es war unangenehm, so eingeschränkt zu sein.
Auf einmal wurde mir ganz warm. Eine unglaubliche Hitze zog sich durch meinen ganzen Körper und ich fühlte mich wie ein Eisbär in der Karibik. Ich begann furchtbar zu schwitzen und dachte, im nächsten Moment würde ich auf den Boden fallen, doch dann war die Hitze weg. Von einer auf die anderen Sekunde, einfach verschwunden. Ich rieb über meinen nackten Arm, an dem sich jetzt eine prächtige Gänsehaut gebildet hatte. Ich begann leicht zu zittern. Jetzt schien Marie zu bemerken, dass es mir nicht gut ging.
„Mila, ich sehe, dass etwas mit dir nicht stimmt. Du hast ganz trübe Augen und irgendwie flackern die."
Als sie diese Worte ausgesprochen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich bekam den Schock meines Lebens.
Ich hatte die Flüssigkeit der Spritze in meinem Blut. Als mich diese Erkenntnis traf, konnte ich nur noch sehen, wie Marie verzweifelt versuchte, mich vor dem Aufprall auf dem Boden zu bewahren, doch sie schaffte es nicht. Als mein Kopf den Boden berührte, wurde ich von tiefer Schwärze umhüllt und förmlich in sie aufgesogen.
Ich blinzelte. Es war hell. Doch meine Augen gewöhnten sich schnell an die Helligkeit. Je öfter ich blinzelte, desto besser wurde meine Sicht und ich konnte den Ort ausmachen, an dem ich mich befand. Ich sah ein Mädchen, welches mich über mich beugte. Ihre dunkel blauen Augen starrten mich an. Ich hatte dieses Mädchen noch nie zuvor gesehen, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, sie zu kennen.
„Mila? Bist du wach? Geht es dir gut?", überrumpelte sie mich mit fragen.
„Hm? Ja, ich ich bin wach. Wer bist du?", fragte ich sie und kam mir dabei ziemlich doof vor, den offensichtlich schien sie meinen Namen zu kennen.
„Oh nein, Mila, es ist wirklich passiert. Du hast ihn wirklich verloren. Ich dachte, es wäre nur ein schlimmer Albtraum gewesen. Es tut mir so leid."
Dann machte sie eine Pause. Ich konnte die Tränen in ihren Augen erkennen.
„Ich hoffe, du wirst dich irgendwann vielleicht an mich erinnern können. Ich bin die, mit der du am Anfang nicht klar gekommen bist. Ich bin die, die so gerne mit die befreundet gewesen wäre und die, die dir etwas zurück gegeben hat. Ich bin Marie."
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Emerald wolve
Lupi mannariWährend eines starken Sturmes wurde die 16 Jährige Mila Kingston fast von einem Baum erschlagen. Dank einer unbekannten Person wurde sie gerettet. Wer diese Person war und welch ein Schicksal Mila bevorstand, erfuhr sie noch früh genug.
