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                                     Jess P.O.V
...

„Verdammt. Hast du richtig erraten. Und wieviele Finger zeige ich jetzt?", fragt Lewis erneut. Ich spreize meine Augen und versuche wirklich etwas zu erkennen. Ich seufze, weil das natürlich nichts bringt. Dann überlege ich mir eine Zahl, doch bevor ich etwas dazu sagen kann, höre ich, wie Lewis sich bewegt.
Dann spüre ich ihn förmlich vor mir. Ich spüre ihn und die Millionen Schmetterlinge in meinem Bauch spüren ihn. Noch bevor ich es realisieren kann, spüre ich plötzlich seine Lippen auf meinen. Für einen Moment bin ich zu schockiert, um irgendwie zu reagieren.
Als meine drei Hirnzellen sich dann doch noch sortieren können, erwidere ich den Kuss. Es ist nicht in Worte zu fassen. Immer ist es so, als wenn die Welt ein klein wenig sich langsamer dreht, wenn er mich küsst. Es ist auch kein normaler Kuss. Sicher nicht. Es klingt kitschig, aber es ist einfach magisch. Ich spüre ein angenehmes Ziehen und Kribbeln in meinem Bauch. Je länger er mich so küsst, desto schneller rast mein Herz auch und das nicht nur, weil ich außer Atem gerate...
Meine Gänsehaut bekommt Gänsehaut und ich glaube jedes einzelne Haar ragt in die Höhe. Doch dann, ohne Vorwarnung lässt er von mir ab und mich einfach so da stehen.

Irgendwo höre ich ihn sagen, ob es immer noch 3,5 Finger sind, aber meine Gedanken können sich gerade nicht wirklich auf etwas anderes als den Kuss konzentrieren. Während ich in meinen Gedanken versinke, greift Lewis irgendwann nach meiner Hand und die andere legt er auf meinen Rücken. Ich denke, dass er mich ums Auto führt. Dann höre ich, wie er die Tür öffnet und mich warnt, ich solle den Kopf einziehen.

Wenig später sitzt auch Lewis im Auto und wir fahren langsam auf dem Schotterweg rückwärts, bevor es auf der Landstraße wieder in Richtung der kleinen Stadt geht. Vermute ich zumindest. Es ist gar nicht mal so leicht mit verbundenen Augen zu erraten, wo man hinfährt. Ich weiß, dass nach dem Ortsschild eine kleine Unebenheit auf der Straße folgt. Ich fahre nun schon mein ganzes Leben da drüber, jedoch liegt es nie im Sinne des Bürgermeisters das zu reparieren.

„Wo geht es denn hin?", frage ich ihn und versuche so etwas aus ihm rauszulocken.
„Das wirst du schon sehen!", erwidert er und belässt es dabei. Ich spüre seine Hand auf meinem Oberschenkel, während ich weiterhin verzweifelt versuche durch das Tuch etwas zu sehen.
Vergebens.
Ich hasse Überraschungen. Das ist mir immer zu spannend. Ich hasse es so lange zu warten. Apropos...
„Wie lange fahren wir denn noch?", frage ich Lewis. Mir fällt auf, dass wir uns wahrscheinlich immer noch innerorts befinden, denn das Licht wechselt ab von hell zu dunkel zu hell. Das verrät mir, dass die Straßenlaternen über uns immer noch Licht spenden.
„Ich versteinere hier noch, wenn wir noch 100 Jahre fahren.", füge ich hinzu. Ich höre, ein Lewis schmunzelt.
„Wir sind gleich da. Sei doch nicht immer direkt so dramatisch."
Plötzlich nehme ich das Abwechseln des Lichtes nicht mehr wahr und es fühlt sich auch so an, als wenn wir uns wieder auf einem Schotterweg befinden. Auf diesem fahren wir noch eine ganze Weile. Was für eine Überraschung hat er denn für mich außerhalb der Stadt?

Ich verbringe den Rest der Fahrtzeit damit, genau darüber zu grübeln. Vielleicht pflanzen wir ja zusammen einen Baum. So symbolisch für unsere Beziehung? Bei dem Gedanken muss ich glatt selber lachen. Dann halten wir plötzlich. Lewis mach das Auto aus und räuspert sich. Ist er nervös?
„So, wir sind da.", sagt er dann. Ich spüre ein Ziehen in meinem Bauch und merke tatsächlich, dass ich doch sehr aufgeregt bin.

Lewis steigt aus und wenig später öffnet er die Tür neben mir. Er hilft mir auszusteigen und das laute Geräusch einer Grille begrüßt mich. Der Wind trägt eine angenehme kalte Brise mit sich. Lewis führt mich einige wenige Meter weiter vor. Dann höre ich ein lautes Quietschen. Vielleicht von einem Tor oder so was.

„Bist du bereit?", fragt er dann. Ich nicke nur und versuche meine Nervosität irgendwie unter Kontrolle zu halten. Lewis drückt mir einen liebevollen Kuss auf die Stirn, bevor ich spüre, wie er das Tuch abmacht.
Ich öffne meine Augen nicht direkt und lasse mir ein wenig Zeit. Größtenteils, weil ich echt nervös bin.

„Was ist? Willst du gar nicht wissen, was die Überraschung ist?" Ich öffne meine Augen und sehe Lewis 'Gesicht direkt vor mir. Er mustert mich mit einem verunsicherten Blick. Ich will ihn mit meinen Worten beruhigen, aber dann schweift mein Blick ab.
Der helle Mondschein wirft ein perfektes Bild auf das Schild. Das Schild, das ich seit Wochen beim Joggen sehe. VERKAUFT steht da in rot nun drüber.
Zunächst erwische ich mich dabei, wie eine tiefe Trauer in mi aufkommt. Dieses Grundstück hat so viel immer für mich bedeutet. Jetzt mit dem Job bei Mercedes, hätte ich eine realistische Chance gehabt mit der Bank über die Finanzierung zu sprechen. Jetzt ist es also einfach verkauft. Natürlich hätte ich noch mit Lewis sprechen müssen, aber er...

Dann plötzlich fällt der Groschen. Ich blicke zu Lewis, der mich ans Auto angelehnt betrachtet. Er lächelt kurz und kommt dann auf mich zu.

„Es ist so verdammt schwer dein Gesicht zu deuten, Jess...", sagt er dann und greift nach meinen Händen.
„Lewis..."
Er habt eine Hand und signalisiert mir, dass er gern was sagen würde. Ich spüre, wie das Blut in meinen Kopf schießt und meine Augen sich langsam mit Tränen füllen.

„Erinnerst du dich, wo wir das letze Mal hier waren? Du sagtest mir, dass du und Mary schon immer davon geträumt habt dieses Grundstück zu besitzen. Ich habe lange überlegt, wegen deinem Geburtstag. Wir haben so viel im vergangenen Jahr zusammen durchgemacht.

Für mich ist es wichtig Jess, dass dir klar ist, dass es mir ernst ist. Ich weiß, dass ich viel unterwegs bin. Das ist nunmal Teil meines Jobs und Gott sei Dank gehörst auch du zum Job dazu. Das hilft so ungemein, weil du das verstehst.

Ich werde nicht ewig fahren. Das werde ich nicht tun können. Natürlich möchte ich mich auch mit dir irgendwann zur Ruhe setzen. Ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen und das am Liebsten am Arsch der Welt. Fern ab von Social Media, Fern ab von den Medien, dem F1-Zirkus, einfach von allem. Letztens fuhr ich dann hier vorbei und sah das Schild.
Jetzt gehört es uns und wir können hier unser eigenes Leben aufbauen..."

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Soooooo, dieses Mal ein etwas längeres Kapitel✨
Lasst gerne ein Sternchen da, wenn es euch gefällt 💜

Between two Souls  || LHWo Geschichten leben. Entdecke jetzt