Mit einem stummen Schrei schreckte Kit aus dem Schlaf hoch. Orientierungslos japste er nach Atem, als er sich umsah. Dies war nicht sein Apartment, das war nicht seine Tapete. Das war ... das war das gestickte Bild von Tante Gerdi. Sein Puls normalisierte sich, als er dieses gewohnte Detail an der Wand entdeckt hatte. Audrey hatte das Bild angebracht. Audrey. Kit erinnerte sich. Er war in Montgomery Manor, das Haus seines neuen Arbeitgebers. Er war hier genau richtig, auch wenn er sich nicht entsinnen konnte, wie er in dieses Bett gekommen war. Ein stechender Kopfschmerz wollte seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen, als ihm eine große, schlanke Gedankenstütze zu Hilfe kam. Olivia ließ sich nach einem zögerlichen Klopfen selbst in Kits Zimmer. Sie trug frische Wäsche auf dem Arm und schaute ihn ebenso fragend an, wie er sie.
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie bereits wach sind", gestand sie und legte die frischen Laken auf einer Kommode ab.
„Was ist passiert, wie bin ich in das Bett gekommen?", Kit rieb sich den schmerzenden Hinterkopf, er erinnerte sich an eine Wunde, aber es war nicht diese.
„Ich habe Sie auf der Terrasse gefunden, ich wollte nach Ihnen sehen und Lady Montgomery für weitere fünf Minuten entschuldigen, ihr ist etwas dazwischengekommen. Ich hatte zur Entschädigung Kuchen dabei. Aber als ich kam, lagen Sie bewusstlos am Boden. Sie waren rückwärts mit Ihrem Stuhl umgefallen und hatten sich den Kopf gestoßen. Ich habe Sie dann gemeinsam mit Audrey auf Ihr Zimmer gebracht und Ihre Wunde versorgt. Es ist nur eine kleine Beule. Wir dachten, Ruhe wäre das beste Heilmittel. Hätten Sie mal nicht gekippelt", es war Olivia anzusehen, dass sie versuchte sich das Grinsen zu verkneifen.
„Ich habe was?? Ich denke nicht, ich bin gefallen, weil ..., weil ... da!" Triumphierend streckte Kit seine Hand in die Höhe.
„Sehen Sie? Ich wurde gebissen! Von einer riesigen Spinne! Direkt in die Hand. Sie saß im Obstkorb. Und dann bin ich-", Kit stockte in seiner Erzählung. Blut schoss ihm in den Kopf und färbte seine Wangen sichtbar rot. Verlegen senkte er den Blick, „- dann bin ich wohl ohnmächtig geworden. Das klingt sehr verrückt, aber genauso ist es gewesen". Kit verschwieg ihr, was sich zwischen Biss und Ohnmacht abgespielt hatte. Olivia musterte ihn nachdenklich, sie wirkte nicht mehr belustigt.
„Nun, das liegt absolut im Bereich des Möglichen, dass das so vorgefallen ist. Wissen Sie, die Familie Montgomery ist im Besitz vieler exotischer Tiere aus Südamerika. Es ist auch schon vorgekommen, dass Tiere ihren Behausungen entkommen sind und sich irgendwo auf dem Anwesen wieder angefunden haben. Möchten Sie, dass ich mir die Verletzung mal ansehe?" Olivia wirkte besorgt. Sie wartete keine Antwort ab, sondern setzte sich einfach zu Kit an das Bett und griff nach seiner Hand. Ihre Hände waren überraschend warm und weich. Sie begutachtete die Bissspur genau und nickte dann.
„Da haben Sie Glück gehabt, die Spinne hätte Sie töten können, aber es erweckt den Eindruck, als hätte das Gift kaum Wirkung gezeigt. Es ist auch gerade mal eine halbe Stunde vergangen, seit wir Sie aufgefunden haben. Sie sagten, dass die Spinne im Obstkorb saß? Nun, vielleicht hat sie zuerst in eine Frucht gebissen und in diese ihr Gift gespritzt. Ich werde sofort das Obst überprüfen. Sie scheinen wirklich einen Schutzengel gehabt zu haben", ihre Worte klangen aufrichtig, aber irgendetwas lang in ihrem Blick, das Kit nicht zuordnen konnte. Sie versprach ihm mit einer Salbe wiederzukommen und verschwand eilig. Kit atmete schwer aus. Irgendetwas stimmte hier nicht, da war er sich sicher. Er hatte sich nicht nur an den Spinnenbiss, sondern auch an den Jungen erinnert. Doch Kit bezweifelte, dass er wirklich da gewesen war. Er wirkte eher wie eine Fantasie aus Kits Unterbewusstsein, die ihn verspotten wollte.
Nachdem Kits Biss versorgt worden war und er sich wieder etwas stabiler fühlte, beschloss er in Begleitung von Olivia zum Tee zurückzukehren. Er wollte Lady Montgomery nicht versetzen und schließlich wollte er sich auch nicht den Zitronenkuchen entgehen lassen. Und sein Gefühl sagte ihm, er sollte sich nicht zu viel allein auf dem Grundstück bewegen. Als er zum zweiten Mal an diesem Tag hinaus auf die Terrasse trat, wurde er bereits empfangen. Das prächtig idyllische Landschaftsbild, das sich ihm erneut bot, war ebenso eindrucksvoll wie beim ersten Mal, nur dieses Mal wirkte es auch etwas bedrohlich und wild auf ihn.
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Dschungelfieber
AventuraCute as (S)hell - In einem fiktiven 1920 bewirbt sich der Musikstudent Kit Webster auf einen Job als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie Montgomery. Seine Aufgaben scheinen überschaubar: die Erziehung und Unterrichtung eines einzigen Kindes. Die...
