Kapitel 24

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Kit sah ihn erschrocken an.

„Wie stellst du dir das vor?", fragte er verunsichert und starrte auf Shells Erregung, die gut sichtbar zwischen den toten aufgereihten Fischen benetzt von Wassertropfen rosa hervorstach.

„Blas mir einen", war die prompte Antwort von dem Jungen, der ihn schelmisch angrinste. Er öffnete seine Beine noch ein Stückchen weiter für Kit, um seine Forderung zu untermauern. Dieser musste sichtbar schlucken.

„Shell, ich kann das nicht machen. Es ist eine Sache, wenn du mich anfasst, aber ich überschreite eine Linie, wenn ich die Hand an dich lege."

„Du sagst das so, als hättest du noch nie meinen Schwanz in deiner Hand gehabt, was in Fakt, genauso schon passiert ist. Also keine falsche Bescheidenheit. Tun nicht so, als würdest du es nicht tun können, weil du ein guter Mensch bist oder so ein Schwachsinn. Ich weiß, dass du dich sicher fühlst in der passiven Rolle und du dir einbildest, so jegliche Schuld von dir weisen zu können, aber was ich sehen will, ist, wie du aktiv deinem Trieb folgst. Sonst gibt's kein Abendessen", zwinkerte Shell ihm zu und machte es sich noch etwas bequemer auf seinem Stein. Kit rührte sich nicht und starrte immer noch auf das Wasser, in dem er stand.

„Ich warte", flötete es vom Ufer, doch egal, was Kit tat, er konnte sich nicht dazu durchringen, sich dem Ufer zu nähern. Er war wie eingefroren. Zu gehemmt, um das Kinn anzuheben und gefangen in seinem eigenen Kopf konnte er nur ein „ich kann nicht" stammeln. Shell schien noch für einen Moment auf ihn zu warten, dann hörte Kit ein leises Rascheln und dann folgte darauf wieder Stille. Kit überlegte, ob Shell wohl zu ihm ins Wasser zurückkehren würde, doch es geschah nichts. Als er endlich wagte aufzusehen, war Shell nicht mehr da. Er hatte wohl seine Kleidung genommen und war einfach gegangen. Dass er sich wohl nicht angezogen hatte, überraschte Kit nicht einmal und ihre beiden Begleiter würde es wohl auf nicht überraschen, da sie selbst für gewöhnlich ebenfalls nackt waren. Shell hatte ihn zurückgelassen und schien sich selbst aber auch keine Abhilfe verschafft zu haben. Zumindest war davon nichts zu hören gewesen. Ob der Junge es wagen würde, die beiden Männer im Lager um Hilfe zu bitten? Kit hatte noch nie darüber nachgedacht, doch warum sollte er davon ausgehen, dass er der Einzige war, mit dem Shell seine Spielchen trieb? Sie kannten sich erst seit wenigen Wochen. Es wird vor ihm schon Männer oder Jungen gegeben haben. Vielleicht auch Mädchen. Kit schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Er wusste auch nicht, warum er davon ausgegangen war, dass er eine besondere Stellung in Shells Leben hatte, wenn er genau genommen ein austauschbares Spielzeug war. Shell war nicht auf ihn angewiesen. Er konnte zu jedem gehen und würde wahrscheinlich seine Wünsche erfüllt bekommen. Er war nicht hilflos und auch nicht abhängig davon, dass Kit auf ihn einging. Wenn er ihn nicht anfasste, würde es jemand anderes tun. Kits Schuldgefühle bewahrten Shell nicht vor möglichen Fehlern, sondern ermöglichten nur, diese Fehler mit anderen Personen zu machen. Er war austauschbar, genau wie die Lehrerinnen und Nannys vor ihm in Montgomery Manor. Kit atmete tief ein und aus. Langsam stieg er aus dem Wasser und setzte sich auf den Stein, auf dem Shell vor wenigen Minuten noch saß. Ein paar Tropfen Blut von den getöteten Fischen waren dort auf den Boden getropft. Kit beschloss für sich noch einen Moment zu bleiben, bis er getrocknet war und dann würde er in seine Kleidung schlüpfen und zurück zu Lager gehen. Die Vorstellung, dass Shell in diesem Moment mit den beiden Kundschaftern in irgendeiner Form verkehren könnte, verursachte ihm Bauchschmerzen, sodass er seine Zeit am Ufer möglichst in die Länge ziehen wollte. Kit war nicht sehr erpicht darauf, sie bei irgendwas zu stören.

Er war schon lange trocken und aufgewärmt und wenn er den Himmel richtig deutete, würde es bald dunkel werden. Kit würde ohne Fisch zurückkommen, doch es war ihm egal. Als er sich angezogen hatte, folgte er dem Flussverlauf zum Lager. Es waren vielleicht 300 Meter, er hatte auf dem Weg zum Fischfang nicht direkt drauf geachtet, doch es schien ihm eine realistische Entfernung zu ihrem Ausgangspunkt. Er musste einfach nur dem Fluss folgen. Es gefiel ihm, dass es nie wirklich still war. Sowohl am Fluss als auch im Wald riefen Vögel, und es raschelte leise in den Sträuchern und im Unterholz, Insekten zirpten und vereinzelt hörte man den Schrei eines Affen. Es war zunächst befremdlich, doch Kit hatte sich schnell dran gewöhnt. Ihm war bewusst, dass es auch größere Tiere im Wald gab, doch es gab noch keinen Anlass, beunruhigt deswegen zu sein. Vermutlich verhielt es sich wie mit dem Rotwild in England. Es scheute sich vor den Menschen und war nur selten zu sehen. In Fall der Fälle waren es auch nur die Eichhörnchen, die zur Aggression neigten. Je näher er ihrem Lager kam, desto ruhiger wurde es. Kit fühlte sich in seiner Überlegung bestätigt, dass die Tiere Abstand von den Menschen hielten und sich nicht an ihre Raststätte herantrauten. Als er das Gefühl hatte, dass er fast da war, hielt er Ausschau nach einem Feuer oder nach seinen Begleitern, doch es war nichts und niemand zu sehen. Er befürchtete schon, dass er sich erneut verlaufen hatte, doch nachdem er sich ein wenig umgesehen hatte, entdeckte er auf dem Waldboden eine mit Steinen markierte Feuerstelle. Sie wurde nicht beendet und es war auch noch kein Holz zum Entzünden aufgeschichtet worden. Achtlos lagen die letzten Steine verstreut auf dem Boden. Sie waren nicht mit viel gereist, doch Kit konnte nichts entdecken, was auf ein Lager hindeutete. Ein paar Meter weiter von der Feuerstelle entfernt lag ein großes Tuch, achtlos auf den Boden geworfen. Kit erinnerte sich, dass sie dort ein wenig Werkzeug und Proviant eingewickelt und mitgenommen hatten für Engpässe. Doch vom Inhalt fehlte ebenfalls jede Spur. 'Sie haben mich allein zurück gelassen', schoss es ihm panisch durch den Kopf. Sie waren ohne ihn weitergezogen, weil Shell enttäuscht von ihm war und ihn als Last für die Reise empfand. Hektisch versuchte er zu überlegen, was zu tun war. Aus welcher Richtung waren sie gekommen? Wohin waren sie unterwegs? Sie mussten über die Berge. Kit würde ihnen einfach folgen und sie einholen. Er würde nicht schlafen und er würde sie finden. Einfach über die Berge. Er machte einen großen Schritt vorwärts und fand sich im nächsten Moment auf dem Boden wieder. Er war ausgerutscht. Kit richtete sich mühselig auf, um zu untersuchen, weshalb er gestürzt war. Er war auf einen Fisch getreten, der ebenfalls achtlos am Boden lag. Er wurde ausgenommen, aber schien nicht weiter für eine Mahlzeit vorbereitet worden zu sein. Kit nahm ihn in die Hände. Er wurde stutzig. Waren sie so überstürzt aufgebrochen, dass sie sogar den Fisch zurückgelassen hatten? Etwas war faul an der Sache. Auf den Knien kroch er über den Boden und nach weiteren Hinweisen zu suchen. So fokussiert auf kleine Details, entdeckte er das Blut erst, als er sich ungeschickt mit dem Handballen auf den getränkten Boden aufstützte. Die Lache war nicht übermäßig groß, doch es war viel in das trockene Unterholz eingesickert und nach genauer Überprüfung befanden sich viele kleine Spritzer auf Blättern und alter Baumrinde. Vom Studium am Theater kannte Kit sich ein wenig mit Kunstblut aus und verschieden Effekten, die sie versuchten zu erzeugen. Dazu gehörten auch verletzte große Arterien wie die Halsschlagader und wie weit und fein dieses Blut spritzen konnten. Kit war kein Experte und sein Wissen war limitiert, doch dass hier jemand schwer verletzt wurde, lag auf der Hand. Panik überrollte ihn. Unschlüssig starrte er auf die blutverschmierte, zittrige Hand. Was, wenn Shell etwas zugestoßen war? Nur weil er ihn hatte, allein zurückgehen lassen. Gab es einen Konflikt im Lager? Waren sie überfallen worden? War die Bedrohung noch in der Nähe? Bedacht um jede Bewegung hob Kit langsam den Kopf. Doch noch ehe er diesen drehen konnte, verdunkelte sich plötzlich der Himmel über ihm und er wurde mit einem wuchtigen Stoß erneut zu Boden geschleudert. Intuitiv riss er die Hände vor das Gesicht und schlug mit den Schulterblättern auf dem Waldboden auf. Eine große Gestalt türmte über ihm und drückte ihn schmerzvoll nieder. Noch ehe er verstand, was vorgefallen war, ertönte ein Furcht einflößendes Fauchen und mit Schock geweiteten Augen starrte Kit in ein intensives Paar gelbe Augen einer schwarzen Großkatze. Ein Panther. Ein Panther hatte ihn zu Boden geworfen, das ganze Lager ausgelöscht und jetzt plante er Kit die Kehle durchzubeißen. Das war nun eindeutig das Ende. Sollte er schreien? Ihm war eigentlich nicht nach Schreien, was sollte das schließlich noch bringen?

Lieber Jamsie, nachdem ich eine richtig wilde Party im kleinen Kreis einer Dorfgemeinschaft gefeiert habe, bin ich auf das Angebot eingegangen, eine Dschungeltour zu machen. Leider wurde der Tour-Führer und alle anderen Teilnehmer, in einem unaufmerksamen Moment von mir, getötet. Also nicht von mir getötet, sondern von einem riesigen Panther. Diesem Tier bin ich nun auch zum Opfer gefallen, daher würde ich dich bitten, mich von meinem Studienkurs abzumelden. Meine Eltern hätten Schwierigkeiten, die Gebühren weiterhin zu zahlen, obwohl ich nicht mehr erscheinen werde.

Liebe Grüße, Kit

Das Tier riss sein gewaltiges Maul auf und Kit überflog schnell die Anzahl an massigen Zähnen, ehe er mit dem Leben abgeschlossen hatte. Vielleicht war es einfach besser. Was sollte er auch allein mitten im Urwald? All seine Begleiter waren tot. Er würde nicht aus dem Dschungel nach Hause finden, wenn Shell tot war, konnte er eh nicht nach London zurück. Dieses Tier würde ihn vor viel Ärger bewahren. Kit nahm seine Arme langsam runter und schloss die Augen.

„Nimm die Arme wieder hoch!", ertönte plötzlich eine Stimme neben ihm. Sowohl Kit als auch das Raubtier sahen beide auf. Shell saß auf einem Ast, keine drei Meter über Kits und seinem Angreifer. Der Junge schien sich nahezu lautlos angeschlichen zu haben und war bemüht, möglichst dicht an Kit und das Tier heranzukommen, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. In den Händen hielt er eine Schusswaffe. Kit riss die Arme wieder hoch. Der Panther knurrte und schien zu überlegen, ob er seine Zähne erst in die Beute unter sich schlagen oder zunächst die deutlich kleinere vom Baum holen sollte. Kits Herz schlug wie wild. Dann ertönte ein Schuss. Und die Welt um ihn herum färbte sich rot. Das Gewicht des Tieres wich von seinen Schultern und für einen Moment war Kit sich nicht sicher, auf wen oder was geschossen wurde. Hektisch richtete er sich auf. Die Raubkatze war von ihm zurückgewichen und alles war in einen dicken roten Nebel getaucht. Er konnte weder Shell noch den Panther sehen. Es war gespenstisch.

„Shell?", fragte er vorsichtig in die wabernden Rauchschwaden um ihn herum. Wie ein Geist löste sich Shells Silhouette plötzlich neben Kit aus dem Nebel.

„Steh langsam und leise auf. Ich denke, er ist weg, aber wir können uns nicht zu 100 Prozent sicher sein. Ich habe nur eine Signalpistole abgefeuert. Er ist nicht verletzt worden, er hat sich nur erschreckt. In der Regel reicht das jedoch aus. Wir sollten uns wachsam weiter den Fluss hoch bewegen, dichter an den Berg. Komm!", Shell zog Kit auf die Beine und führte ihn mit erhobener Waffe durch den Nebel. Kit müsste lügen, wenn er behauten würde, dass er nicht beeindruckt wäre, von der kleinen Rettungsmission. Es war eine clevere Idee die Signalpistole zu verwenden, auch wenn Kit nicht ganz klar war, wo diese herkam. Gemeinsam schlichen sie zu dem Flussbett und bewegten sich zügig in Richtung des Berges. Der Nebel verflüchtigte sich, je weiter sie kamen. Sie warteten durch den Fluss und legten noch einige Meter zurück, um sicherzugehen, das Territorium der Raubkatze verlassen zu haben. Erschöpft ließen sie sich zu Boden gleiten und legten sich keuchend zu Fuße des Berges nieder.

„Du musst immer, egal was passiert, deinen Kopf beschützen, wenn du auf einen angriffslustigen Jaguar triffst. Immer. Der knackt deinen Schädel mit einem Biss. Obwohl sie eigentlich nicht wirklich angriffslustig sind. Da hatten wir einfach großes Pech", keuchte Shell, der anscheinend aufgeregter war, als Kit zunächst angenommen hatte. Er fragte sich, ob Shell sich bemüht hatte, besonders abgeklärt und lässig zu wirken.

„Was ist passiert?! Ich dachte, ihr seid verschwunden oder so und dann war da überall Blut und ich wurde fast gefressen", schnaufte Kit, dem immer noch kalter Schweiß auf der Stirn stand.

„Wenn du mir jetzt klarmachen willst, dass du wirklich Angst hattest eventuell gefressen zu werden, dann erklär mir doch mal, warum du da lagst, als würdest du dich freuen, dass es gleich vorbei ist? Darüber sprechen wir später. Ich bin mit dem Abendessen zurückgekommen und der Jaguar hat das Blut der Fische wohl gerochen und es für ein verwundetes Tier gehalten. Daher kam er ins Lager. Wir wollten ihn verjagen, aber er wurde ungewöhnlich aggressiv. Er hat Juma am Bein verletzt. Gemeinsam mit Thual habe ich versucht die Wunde zu versorgen, aber ich konnte nicht wirklich helfen. Aufgrund des hohen Blutverlusts hat Thual beschlossen, Juma zurückzubringen. Die Distanz zu den Itoxahual ist geringer als zu dem Dorf in den Bergen. Aber ich denke, sie haben relativ gute Chancen", erklärte Shell ihm erschöpft.

„Wir sind jetzt auf uns allein gestellt."

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