Kapitel 15

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„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist braun."

Kit stöhnte. Er ließ seinen Blick schweifen, die Augen leicht zusammengekniffen. Sein Rücken schmerzte und bevor er in seinen Gedanken unterbrochen wurde, hatte er sich zum zehnten Mal gefragt, ob es schon wieder der richtige Zeitpunkt war, rauchen zu gehen. Er lag auf dem Rücken im Rettungsbootversteck neben Shell, mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt und nur mäßig guter Laune.

„Ist es die Plane über uns?", fragte Kit gespielt neugierig.

„Jepp", war Shells knappe Antwort, auf die auch nichts Weiteres folgte. Er hatte die Hände auf seiner Brust gefaltet und lag neben Kit wie ein Toter aufgebahrt in einem Sarg. Dazu kam, dass er massiv Augenringe hatte.

„Ich frage mich, ob du es überhaupt versuchst? Es waren die letzten 10 Male auch immer die Plane", kommentierte Kit trocken und drehte sich auf die Seite, von Shell weg.

„Ich finde, du hast dich überhaupt nicht zu beklagen, nachdem du dieses super Reisespiel vorgeschlagen hattest, mit echtem Enthusiasmus", Shell rührte sich keinen Millimeter.

„Ich frage mich, ob ich nicht einfach ins nächste Beiboot ausziehen sollte", versuchte Kit zu sticheln, obwohl er wusste, dass Sticheln ihn bei Shell noch nie weitergebracht hatte.

„Sinnvoll, weil zwei Verstecke auch weniger auffällig sind als ein Versteck", Shell rollte mit den Augen und er wusste, obwohl Kit ihn nicht ansah, dass Kit wusste, dass er mit den Augen gerollt hatte. Kit war nun den 14. Tag mit Shell in diesem verfluchten Beiboot. Es waren 14 Tage und Nächte mit Rückenschmerzen und obwohl Kit mehr Möglichkeiten hatte, sich auf dem Schiff zu bewegen als Shell, kam es ihn so vor, als wäre er auf unangenehmste Art und Weise mit ihm eingesperrt. Die ersten Tage hatte er immer wieder versucht, sich mit dem Jungen zu unterhalten, aber Shell redete nur, wenn er reden wollte und das war nicht häufig der Fall. Er verbrachte seine Zeit damit, die Bootsplane über ihnen anzustarren und zu schweigen, was bei Kit mehr Unbehagen auslöste, als ihm lieb war. Auch einfache Reisespiele konnten die Stimmung nicht heben. Unter diesen Umständen hatte Kit nicht die Initiative ergriffen, Shell nach dem verhängnisvollen Schaumbad zu fragen und mittlerweile war eine lächerlich lange Zeit vergangen, sodass es Kit von Tag zu Tag nur noch lächerlicher vorkam, danach zu fragen. Besonders liebreizend präsentierte sich Shell auch nicht, sodass Kit keine Chance sah, eine ehrliche Stellungnahme zuhören zu bekommen. Es war zum aus der Haut fahren, je mehr Zeit verging, desto unglücklicher war Kit über den Umstand, dass er Shell nachgegeben hatte und desto schlechter fühlte er sich. Kit wäre überrascht gewesen, wenn er sich in einer Situation wiedergefunden hätte, in der er zur Abwechslung nicht in der Laune gewesen wäre, seinen Kopf gegen eine Wand zu schlagen. Und dafür hatte er sein Studium unterbrochen, oder abgebrochen. So genau wusste Kit es selbst nicht, da er sich bei niemandem abgemeldet hatte. Dies war ein Problem für die Zeit, wenn er wieder zurück nach England finden sollte, falls das überhaupt passierte. Er bezweifelte es.

„Ich werde mir noch einmal die Beine vertreten gehen. Soll ich dir etwas mitbringen?", bot Kit monoton an und richtete sich langsam auf.

„Vielleicht etwas, was keine Kartoffel ist? Nur mal so zur Abwechslung. Ich würde mich freuen. Sonst habe ich verschwindend geringe Ansprüche", antwortete Shell ebenso monoton.

„Verhalte dich ruhig und dann bin ich bald zurück."

„Ich bewege mich so selten, dass ‚noch ruhiger' bedeuten würde, ich wäre tot."

„Alles klar, dann bis gleich!"

Kit schlug behutsam die Plane ein Stück zur Seite und machte sich routiniert daran, auf den Rand des Rettungsbootes zu steigen und sich sicher am Seil hinauf, zur Reling des Schiffes, zu ziehen. Der Ablauf hatte Kit zu Beginn viel Geduld gekostet, doch mittlerweile ging es ihm einfach von der Hand, was ihn mit etwas Stolz erfüllte, da sportliche Meisterleistungen an und für sich sonst eher weniger zu seinen Stärken zählten. Es war erstaunlich, wozu er fähig war, wenn es darum ging, der unangenehmen Stille entfliehen zu können. Kit lauschte, ob sich an Bord gerade etwas tat, und machte dann einen Satz über die Reling an Deck. Wie gewohnt machte er sich zunächst auf den Weg zu den Lebensmitteln im Lagerraum, steckte dann ein paar Dinge ein, die in so geringen Mengen niemand vermissen würde und schlenderte dann unauffällig wieder an Deck zurück, um dort noch eine Zigarette zu rauchen und dann wieder still und heimlich ins Rettungsboot zu verschwinden. Als Kit seine Packung Zigaretten öffnete, stellte er fest, dass er keine einzige mehr besaß. Enttäuscht und gefrustet überlegte er, ob er einfach ohne zu rauchen zurückkehren sollte, doch dann würde er zukünftig auch keine mehr haben und das war ausschlaggebend genug, um noch einmal unter Deck zu gehen und eine Runde Karten aufzumischen. Mit jedem Schritt in Richtung der Quartiere der Mannschaft wurde es unruhiger und lauter und der Zigarettenqualm wurde immer penetranter im Geruch. Viele Türen zu den Kajüten waren geöffnet, Männer standen auf den Gängen und in den Türrahmen und unterhielten sich, an manchen Ecken wurde musiziert, an anderen gepokert. Es war, als wäre man in eine andere Welt eingetreten, schummriges Licht und ausgelassene Stimmung erinnerten Kit an die zwielichtigen Gassen der Kneipenviertel in London. Davon war tagsüber nichts zu erahnen. Sein Magen verknotete sich leicht, als ein großer breiter Mann sich unsanft an ihm vorbeischob, um an Deck zu kommen. Es war nicht das erste Mal, dass Kit dort um Zigaretten spielte, doch das letzte Mal war er mit Sven dort, der ihn mitgenommen hatte und auf ihn achtgab, bis Kit wieder unauffällig gegangen war. Nun sah er sich genau die Gesichter an den einzelnen Spieltischen an, in der Hoffnung, dass ihm das eine oder andere Gesicht bekannt vorkam, sodass er wusste, dass das Spiel dort auch wirklich zu gewinnen war. Nachdem er sich für einen Tisch entschieden hatte, wartete er nur darauf, dass die Spielrunde beendet wurde und er neu mit einsteigen konnte. Als der Gewinner für sich entschied, mit seiner Beute zum nächsten Tisch zu ziehen, war Kits Chance gekommen.

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