Heth verfolgte mit seinen Augen jeden Schritt, den Shell machte, als würde er sehnlichst darauf warten, dem Jungen gegenüberstehen zu können. Mit ausgestrecktem Arm und entsicherter Waffe blieb Shell unmittelbar vor ihm stehen und strafte ihn mit zornigen Blicken.
„Ich an deiner Stelle wäre vorsichtig. Das ist eine echte Pistole, mein Junge. Kein Spielzeug. Wir wollen ja nicht, dass du dich womöglich noch verletzt", Heth lachte sein bellendes Lachen, doch es sollte nur den Ernst der Lage überspielen.
„Wir wissen beide, dass ich besser schieße als du. Und was soll eine Kugel in meinem Fuß schon ausmachen, nachdem, was du getan hast?", fauchte Shell ihn an.
„Was ich getan habe? Oh, da wüsste ich nichts, was eine erhobene Waffe rechtfertigen würde. Ich bin hier im Auftrag deines Vaters, um Schätze des Urwaldes nach London zu überführen. Ich passe mich den Wilden an, ich tue alles genau so, wie man es von mir erwartet", Sir Heth faltete die Finger vor seiner Brust und schlug einen sanften Tonfall an, auch wenn die Wärme seine Augen nicht erreichte.
„Du hast auf meinen Lehrer eingestochen!", Shell kämpfte gegen die Tränen an, die ihm erneut in die Augen schossen. Seine Sicht wurde schlechter und sein Arm beginn unter der Anstrengung zu zittern.
„Dein Lehrer? Ich weiß nicht, was du meinst. Offiziell ist er nie mit an Bord gewesen."
„Alle Anwesenden hier haben gesehen, was du getan hast. Jeder Einzelne hier wird sich daran erinnern."
„Och, ich bitte dich, Henry", schmunzelte der Mann ihm gegenüber an.
„Nichts, was wir beide nicht schon durch hätten. Ich mein, nun gut, erzähle es deinen Eltern, doch würden sie dir ein Wort davon glauben? Ich denke nicht. Und all diese Leute hier würden davon auch zum ersten Mal hören, denn ich zahle ihnen wirklich gutes Geld, musst du wissen. Du hast nicht das Geringste gegen mich in der Hand", er zwinkerte Shell zu.
„WOZU DAS ALLES?", schrie dieser ihn an.
„Für Holz und Steine? Warum dieser Aufwand, diese Planung? Warum kommst du hierher mit Waffen und Söldnern, wenn du legal Holz nach Hause importieren willst und ein paar Steine mitgehen lassen willst? Das macht keinen Sinn!"
„Es belustigt mich, dass du nicht selbst draufkommst, was es hier noch für mich von Interesse geben könnte. Zumal du mit dem Objekt vertraut bist."
„Was soll das sein?", Shell nahm langsam die Pistole runter, er konnte sie nicht mehr halten, dafür fehlte ihm die Kraft.
„Die Opferkrone der Itoxahual."
„Die was?", Shell verspürte eine Art dumpfen Kopfschmerz, als die Krone erwähnt wurde. Sie löste Unruhe in ihm aus, doch er wusste nicht, in welchen Zusammenhang er schon mal von ihr gehört hatte oder woher er sie kannte.
„Miss Smith, vielleicht ist sie dir bekannt, vielleicht auch nicht, befindet sich unter meinen Angestellten für diese Expedition. Sie hat Expertise auf dem Gebiet wertvoller Kunstschätze und antiker Artefakte und ein umfassendes Wissen darüber, wie man an diese Kostbarkeiten herankommt. Ich traf sie zufällig bei einer Ausstellung in Rom und wir kamen ins Gespräch. Zu dieser Zeit hatte sie viel über Südamerika gelesen und über den Überfluss an Gold und anderen wertvollen Schätzen, die nur darauf warteten, mitgenommen zu werden. Unter anderem die Opferkrone der Itoxahual. Ein Mythos, bis dein Vater dich und deinen Großvater auf die verhängnisvolle Reise schickte, wo Blut geflossen ist und ihr zusaht, wie ein junger Wilder mit dieser kostbaren Krone aufgeschlitzt und den Tempel hinuntergestoßen wurde. Mein Glück war es, über Umwege von deinem ersten Psychiater zu erfahren, wovon du Zeuge wurdest. Schade, dass er dir kein Wort geglaubt hatte", Sir Heth sah Shell an, als würde er darauf warten, dass er sich erinnerte. Und das tat er auch. Yuan hatte diese Krone getragen, als er für das Wohl der Gemeinde starb, prächtig geschmückt mit Federn und Gold, um den Göttern ein besonders geliebtes und wertgeschätztes Opfer zu erbringen. An die Krone hatte Shell sich nicht erinnert, weil sie ihm nichtig vorgekommen war, er hatte auf solche Kleinigkeiten nicht geachtet.
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Dschungelfieber
AventuraCute as (S)hell - In einem fiktiven 1920 bewirbt sich der Musikstudent Kit Webster auf einen Job als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie Montgomery. Seine Aufgaben scheinen überschaubar: die Erziehung und Unterrichtung eines einzigen Kindes. Die...
